DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Illustration: FH SCHWEIZ/Flavia Korner
Work in progress

Warum «Sozialkompetenz» oft nur noch eine leere Phrase in den Stellenanzeigen ist

Sozialkompetenz wird am Arbeitsplatz immer wichtiger. Das belegt auch eine Studie mit 10'000 befragten Personen. Trotzdem: Stimmt das? Manchmal sei es auch eine leere Phrase, sagt eine Expertin im Personal-Management unumwunden.
08.06.2021, 10:4830.07.2021, 10:24
Guy Studer
Guy Studer
Folgen

Welche Kompetenzen sind künftig im Arbeitsmarkt gefragt? Dieser Frage ging eine Studie des Verbandes FH Schweiz und der Zürcher Gesellschaft für Personal-Management (ZGP) nach, an der 10'000 Personen teilgenommen haben. Dabei wurde unter anderem gefragt, welche Kompetenzen heute und in fünf Jahren als am wichtigsten erachtet werden. Und hier fällt auf, dass die Sozialkompetenz die Fachkompetenz an der Spitze ablösen wird, glaubt man den Teilnehmenden. Für über 40-Jährige ist die Sozialkompetenz bereits heute am wichtigsten. Dr. Barbara Aeschlimann ist Geschäftsführerin der ZGP und verfügt über langjährige Führungserfahrung im HR. Sie ordnet die Ergebnisse ein.

Barbara Aeschlimann ist Geschäftsführerin der ZGP.
Barbara Aeschlimann ist Geschäftsführerin der ZGP.Bild: zvg

Wie erklären Sie, dass der Sozialkompetenz mit zunehmendem Alter der Befragten mehr Gewicht beigemessen wird?
Ich sehe zwei Hintergründe, zum einen bei der Ausbildung. Dort lag und liegt der Schwerpunkt noch stark bei den Sach- und Fachkompetenzen. Zum anderen verschiebt sich mit der persönlichen und beruflichen Reife die eigene Wahrnehmung: Ältere Arbeitnehmende haben gewisse Fertigkeiten erworben, beweisen und umsetzen können und realisieren, dass daneben für ein erfolgreiches Berufsleben auch ganz viel Sozialkompetenz gefragt ist. Ich wehre mich deshalb gegen die Sicht, dass Fachkompetenz grundsätzlich nicht wichtig sei, es ist eine Frage der Perspektive.

Kann es sein, dass es den Menschen auch eingeredet wird? Die Digitalisierung rückt das Menschliche wieder in den Vordergrund, heisst es oft.
Ja, diesen Eindruck habe ich ein wenig. Man liest es im Moment überall. Tatsache ist aber, dass auch heute noch ohne Fachkompetenz nichts läuft. Innovationen werden nach wie vor durch die Fachkompetenz des Menschen mitgeprägt. Und man kann schon auch festhalten, dass dort, wo vieles über Maschinen oder Algorithmen läuft, das Menschliche unter konkurrierenden Unternehmen den Unterschied macht. Also zum Beispiel der persönlich geprägte Service.

Kann man sich Sozialkompetenz aneignen?
Ja sicher. Ich denke an das altbewährte Rezept der Vorbilder. Dazu hilft einschlägige Literatur und vor allem Selbstreflexion. Ein gutes Beispiel, um sich darin zu üben, ist ein Klassiker im Führungsumfeld: Das Überbringen einer schlechten Nachricht. Das ist deshalb so besonders schwierig, weil man sie immer auch auf sich bezieht und Mitleid statt Empathie entwickelt. Was, wenn ich so schlechte Noten erhalten oder den Job verlieren würde? Die meisten machen damit irgendwann einmal Erfahrungen. Führungskräfte sowieso. Die eigene Befangenheit zu überwinden ist gewissermassen die Königsdisziplin.

Contentpartnerschaft mit FH Schweiz
Die Beiträge dieses Blogs stammen vom Dachverband der Absolventinnen und Absolventen von Fachhochschulen (FH Schweiz). Darin geht es um Arbeit, Karriere sowie Aus- und Weiterbildung. Es handelt sich nicht um bezahlten Content. (red)

Welche ist Ihrer Erfahrung nach die wichtigste Sozialkompetenz?
Es ist wohl die berühmte Kommunikation: frei nach Watzlawick: Man kann nicht nicht kommunizieren. Kommunikation ist die umfassendste und vor allem fassbarste Sozialkompetenz. Vielleicht ist es eine Unterstellung, aber es hat wohl auch damit zu tun, dass kommunikative Menschen scheinbar einfacher einzuordnen sind als eher introvertierte. Es macht sie greifbarer, berechenbarer. Das entlastet Führungskräfte zu einem gewissen Teil, kann aber auch trügerisch sein. Als Führungsperson sollte man sich schon für die Leute interessieren.

«... das heisst wohl öfters übersetzt einfach: ‹Bitte mach keine Troubles›.»

Gemäss der Studie wird bei der Führungskompetenz am meisten Handlungsbedarf verortet. Warum?
Bei Umfragen in Unternehmen gibt es immer zwei Evergreens: Die Kommunikation muss besser werden, sowie die Führung (lacht). Diese implizite Erwartung an die Führung ist immer vorhanden. Aber ich glaube auch, dass sich die Erwartung an Führung allgemein in den letzten Jahren sehr stark verändert hat. Wir haben Unternehmen, die noch stark hierarchisch geprägt sind, während auch viele neue Modelle ausprobiert werden, zum Beispiel Holokratie oder Soziokratie. «Führung» an sich ist im Moment in einer Findungsphase. Die Pandemie hat sicher auch ihren Teil dazu beigetragen. So hat das Homeoffice wohl viel Gutes ausgelöst und die Führungsfrage nochmals zusätzlich ins Rampenlicht gestellt, bisherige Führungsmodelle hinterfragt. Auch die Wichtigkeit des Themas Vertrauen hat zugenommen.

Sozialkompetenz wird heute auch in Stellenanzeigen verlangt. Aber wie kann ich einem potenziellen Arbeitgeber bei einer Bewerbung vermitteln, dass ich darüber verfüge?
Da muss ich vorausschicken: Teilweise ist es schon fast zu einer leeren Phrase in den Stellenanzeigen geworden und ich bin mir wirklich nicht ganz sicher, ob sich die Arbeitgeber immer so viel überlegen dabei. Wenn sie etwa «Teamfähigkeit und Flexibilität» verlangen, denke ich, heisst das wohl öfters übersetzt einfach: «Bitte mach keine Troubles». Und wenn Sozialkompetenz gar als absolutes Nonplusultra herausgestrichen wird, kann ich es kaum ernst nehmen. Falls dort nicht explizit beschrieben ist, was gemeint ist, würde ich den Bewerbenden ans Herz legen, sich die Mühe zu machen und zu überlegen, was gemeint sein könnte aufgrund der Stelle. Oft kann man seine Kompetenzen dann anhand des eigenen Lebenslaufs belegen, also anhand von beruflichen Stationen. Vielleicht musste man einst beim Job im Call Center den Kunden Empathie entgegenbringen. Wenn man den eigenen Werdegang analysiert, findet man plötzlich erstaunlich viel. Das kann man übrigens auch im Motivationsschreiben sehr gut rüberbringen. Oft wird ja gesagt, das Motivationsschreiben sei tot. Ich finde überhaupt nicht. Es ist noch der einzige lebendige Teil einer Bewerbung!

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Dating-Tipps anno 1938

1 / 15
Dating-Tipps anno 1938
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Chef3000 – So findest du Motivation im Homeoffice!

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

36 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Knacker
02.06.2021 16:21registriert Juni 2020
Stellenanzeigen sind meistens voll von nichtssagenden Floskeln und einfallslosen Standardsätzchen
"es erwartet Sie ein spannendes und dynamisches Umfeld"
Beim Interview dann die Frage aller Fragen "weshalb haben Sie sich bei uns beworben?"
Die ehrliche Antwort wäre "weil dieser Job zu meinem Profil passt und ich Geld für meinen Lebensunterhalt brauche, ihre Firma an sich ist nichts besonderes für mich"
Die erwartete Antwort sind abenteuerliche schicksalshafte Erzählungen weshalb genau dieser Job in dieser Firma dein Leben so bereichern würde und du selbst ein voller Gewinn für die Firma wärest
761
Melden
Zum Kommentar
avatar
TheRealSnakePlissken
02.06.2021 12:43registriert Januar 2018
Wenn ich mich irgendwo vorstellen konnte, war meine erste Frage: „Wieso ist die Stelle frei?“
Dann ging oft schon das Rumgeeiere los … und ich wusste, dass das ein Schleudersitz ist. Noch ein paar Höflichkeiten und raus vor die Tür und sich freuen, dass man in dem Laden NICHT dabei sein muss 😅.
742
Melden
Zum Kommentar
avatar
Thom Mulder
02.06.2021 10:26registriert November 2014
Lustig wie Journalismus heutzutage funktioniert. In der Headline ist "Sozialkempetenz oft eine leere Phrase". Im Lead dann nur noch "manchmal".
676
Melden
Zum Kommentar
36
9 absolute No-Gos beim Daten – bei diesen Dingen bin ich raus! 🥴
Nennt es, wie ihr wollt. No-Gos, Red Flags oder ganz einfach «Warnzeichen», bei denen ihr merkt: Das wird nie was mit der Person. Angefangen beim dreckigen WC bis hin zum Zutexten ohne Punkt und Komma. Hier meine lange (und noch nicht mal vollständige) Liste von Abtörnern.

In meiner Zeit vor Valentin habe ich viel gedatet. Ich lerne wahnsinnig gerne neue Menschen kennen. Tauche in neue Welten ein, tausche mich über Bücher, Musik, Filme, Kultur, Partys und so weiter aus – und manchmal tauschen wir auch Körperflüssigkeiten aus. Höhö. Hö. Ok, der war megaschlecht, sorry ...

Zur Story