Schockwellen in Israel: Irans Raketenangriff, der Beit Schemesch zur Geisterstadt machte
Beit Shemesh ist zu einer Geisterstadt geworden. Ausser den lebensnotwendigen Supermärkten bleiben die meisten Läden geschlossen, nur wenige Autos sind auf den Strassen zu sehen. Die Gehwege sind beinahe leer, die Spielplätze auch. Und in einem ruhigen Wohnviertel, vor gelblichen Wohnblöcken, an denen die weissen Klimaanlagen in der Sonne leuchten: verbrannte Autos. Die Häuser haben zerborstene Scheiben. Eine Fläche voller Trümmer.
Eine Synagoge stand mal dort. Sie ist kaum mehr zu erkennen. Am vergangenen Sonntag schlug im Viertel Ramat Lehi in der orthodox geprägten Stadt westlich von Jerusalem eine von Iran abgefeuerte Rakete ein. Neun Menschen starben, über 40 wurden teils schwer verletzt.
Israel Zeev Leventhal, weisses Hemd und dunkle Kippa, sass mit seiner Familie im Schutzraum seines Wohnhauses, etwa 300 Meter entfernt, als es passierte. «Plötzlich hörten wir einen lauten Knall», erzählt er. «Ich dachte erst, unser Gebäude wäre bombardiert worden.» Seine Kinder hätten zu weinen begonnen, sich an ihn geklammert. Leventhal erfährt aus den Nachrichten von dem Einschlag in seiner Nachbarschaft.
Der Radius der Zerstörung und Beschädigungen betrage etwa einen Kilometer, sagt Shmuel Greenberg, Bürgermeister von Beit Schemesch. Neun Beerdigungen habe er an diesem Montag besucht. «Es ist nicht leicht», sagt er. Nun müsse man der Bevölkerung helfen. An einer Beerdigung heult plötzlich die Luftalarmsirene los, die Trauergäste müssen Deckung nehmen.
Am Montagnachmittag fahren immer wieder Busse in die Nachbarschaft hinein und dann, beladen mit Menschen, wieder hinaus. Wie etwa während des Kriegs mit der Hisbollah im Jahr 2024 bringt der Staat Israel nun auch wieder evakuierte Menschen in Hotels unter.
Einer von denen, die Beit Schemesch verlassen, ist Shlomo Tal Korkus. In dicker Winterjacke steht er in der Wohnung, die bislang sein Zuhause war. Er erzählt: «Normalerweise gehe ich nicht in den Schutzraum. Aber eine halbe Stunde vor dem Einschlag hatte ich einen Termin, war deshalb nicht zu Hause. Nachdem es passiert war, schickten mir die Leute Bilder von meiner schwerbeschädigten Wohnung.» Vielleicht rettete sein Termin ihm das Leben.
Der bisher tödlichste Angriff auf Israel
Der Angriff auf Beit cShemesch ist bislang der tödlichste im Krieg mit Iran. Und dass auch in einem Luftschutzraum Menschen getötet wurden, löst unter vielen im Land Unruhe aus. Shai Klapper ist Kommandeur des sogenannten Home Front Command. Das Home Front Command ist eines von vier Kommandos der israelischen Streitkräfte. Es soll die Zivilbevölkerung schützen – und im Ernstfall retten.
Das Home Front Command gibt ausserdem die Anweisungen an die Bevölkerung heraus, was zu tun ist: etwa, dass alle Versammlungen bis Ende dieser Woche verboten bleiben. Über ihre App werden den Menschen Raketenwarnungen direkt auf dem Handy angezeigt. Gibt man dort seinen Standort frei, erhält man dazu passende Warnungen und Informationen.
Klapper steht an diesem Montag vor den Trümmern in Beit Schemesch.
Etwa zwanzig Menschen hätten sich im Schutzraum befunden, die meisten hätten überlebt, sagt er. Nach Untersuchung des Home Front Command seien zwei Opfer im Schutzraum getötet worden. Einer starb auf der Treppe, als er gerade die Tür des Bunkers habe schliessen wollen. Sechs weitere wurden ausserhalb des Schutzraums getötet.
Weil es auch im Schutzraum Tote gab, wurde zunächst eine Untersuchung seitens der israelischen Armee eingeleitet. Diese habe aber ergeben, dass dieser alle Sicherheitsansprüche erfüllt habe.
Im Zwölftagekrieg mit Iran im vergangenen Jahr gab es einen ähnlichen Fall: Damals schlug in der südlichen Wüstenstadt Beer Sheva eine Rakete direkt in den sechsten Stock eines Gebäudes ein und traf Schutzräume, die sich direkt in den Wohnungen befanden, Mamad genannt. Vier Menschen, die darin Schutz gesucht hatten, kamen um.
Schutzräume wie die innerhalb der Wohnungen sind dazu da, der Druckwelle eines Einschlags einer Rakete standzuhalten, nicht aber einem direkten Einschlag einer schwer beladenen Rakete.
Die Attacke ereignete sich am ersten Kriegstag und zählt zu den bislang tödlichsten Angriffen der amerikanisch-israelischen Kampagne gegen Iran. Laut iranischen Staatsmedien und Gesundheitsbehörden befanden sich unter den Opfern mehrheitlich Kinder.
Unklar ist bislang, warum die Schule getroffen wurde und ob US- oder israelische Streitkräfte für den Angriff verantwortlich sind. Auf entsprechende Fragen erklärte die Sprecherin des Weissen Hauses, Karoline Leavitt, man habe derzeit keine Hinweise auf eine Beteiligung der USA. Das «Department of War» untersuche den Vorfall. Auch zur möglichen Rolle Israels äusserte sie sich nicht und verwies erneut auf laufende Abklärungen. (chm)
Unterirdischer Bunker hielt nicht stand
Nun hielt auch ein unterirdischer Bunker, unter der Synagoge in Beit Schemesch, einem Einschlag nicht stand. Nach Bericht des Home Front Command war die Rakete mit etwa 500 Kilogramm Sprengstoff beladen.
Der Angriff, sagt Israel Zeev Leventhal, habe vor allem bei seinen Kindern Spuren hinterlassen: Vorsichtig habe er versucht, ihnen beizubringen, dass bei dem lauten Knall Menschen umgekommen seien. «Sie haben mich gefragt: ‹Was, wenn eine Rakete auf uns fällt?›», erzählt er. Es sei ihm schwergefallen, darauf zu antworten, gibt er zu. «Gott beschützt uns», habe er ihnen dann gesagt. «Ich habe ein Loch in meinem Herzen», sagt er.
Am Montag besucht dann auch Premier Benjamin Netanjahu Beit Schemesch. Die Operation «Roaring Lion» (Brüllender Löwe), wie der Krieg gegen Iran genannt wird, diene dazu, «existenzielle Bedrohungen» gegen Israel zu vereiteln, sagt Netanjahu dort. Und der Premier erklärt: Leider seien ja nicht alle Menschen im Schutzraum gewesen und seien so getötet worden.
Dass zwei Menschen sich eben doch im Bunker befanden, die Schutzräume im Ernstfall keine einhundertprozentige Garantie geben können, bleibt unerwähnt. Auch, dass es an vielen Orten gar keine Schutzräume gibt, vor allem in arabisch geprägten Gemeinden in Israel, wie auch in den palästinensischen Gebieten. (aargauerzeitung.ch)
