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Yonnihof

Sleepless in Züri

Bild: shutterstock

Chronik einer schlaflosen Nacht.



Yonnihof Yonni Meyer

Wir alle gehen mit Stress unterschiedlich um. Einige von uns werden aggressiv, andere lethargisch, manche bekommen Bauchweh, andere hören auf zu essen (offensichtlich nicht mein Problem). 

Ich für meinen Teil kann nicht schlafen.  

Also schon ganz generell nicht, aber wenn mir etwas über die Leber gekrochen ist, tue ich ganze Nächte kein Auge zu. Und bevor jetzt – ohne Zweifel sehr gut gemeinte – Tipps auftauchen: Meine Schlafstörungen habe ich, seit ich ein Kind bin. Ich habe alles versucht. Autogenes Training, Yoga, Sport, bestimmte Ernährung, Medis ... Die Psyche sucht sich ihren Platz, ob man das will oder nicht. Irgendwo rumort's dann. Im Bauch oder im Herzen – oder halt eben im Gehirn. Bei mir rumpelt's im Stammhirn, im Thalamus und im Hypothalamus.  

Am schlimmsten ist's, wenn ich mit jemandem in Unfrieden auseinander bin. Ich hasse das. Mein Hypothalamus auch. Damit meine ich natürlich nicht den Fremden, der mir in der S-Bahn seine Tasche um die Ohren geknallt und sich danach nicht entschuldigt hat (Tubel!), sondern schon Menschen, die mir in irgendeiner Form etwas bedeuten.  

Es ist also nun 4 Uhr 45 und ich will niederschreiben, wie so eine Nacht sich abspielt.  

4 Uhr 45. Da kommt mir erneut Sarah Kane in den Sinn, über die ich gerade gestern etwas gepostet habe. Sie schrieb einst ein Stück, das «4.48 Psychose» hiess. Kane, an fürchterlichen depressiven Episoden leidend, erwachte jeweils um 4.48 Uhr morgens und war für kurze Zeit zu klarem Denken imstande. Ich – und nun ist's tatsächlich gerade 4.48 Uhr – kann kaum einen klaren Gedanken mehr fassen, so sterbensmüde bin ich. Ich muss beim Schreiben fast jedes zweite Wort korrigieren, so zerfahren ist meine Konzentration.  

Nächte wie diese – und keine Sorge, liebe/r LeserIn, sie kommen mittlerweile äusserst selten vor – verlaufen in Stadien.  

Gegen Mitternacht lege ich mich ins Bett. Wir kennen das ja: Gewisse Sorgen verschwinden nach einer guten Portion Schlaf. «Morgen ist's wieder gut», sagte ich mir. «Auf jeden Fall», sagte meine Erfahrung. «Eh», sagte meine Vernunft.  

Mein Thalamus so: «Meinsch ...?!»  

Und so beginnt das Rattern in meinem Hinterstübchen. Ich beine das, was mich beschäftigt, auseinander, interpretiere, überinterpretiere, hinterfrage, durchdenke, überdenke... Wäre ich eine Comic-Figur, es würde mir zu diesem Zeitpunkt mit einem lauten Loki-Pfiff der Dampf aus den Ohren kommen. Das dauert dann eine Weile, bis ich mir selber sage, ich solle mich hueresiech mal zusammenreissen. Seitenlage. Rückenlage. Andere Seite. BÄH.  

Meist stehe ich – nach ein paar Versuchen des Weglangweilens in Meditationsform – irgendwann wieder auf. HÄT DOCH KÄN WÄRT! Lese. Schaue eine Folge einer Serie. Oder zwei. Oder acht. Sollte man nicht, weiss ich schon. Aber liegen Sie mal vier Stunden völlig erschöpft im Bett, während in Ihrem Schlafzentrum die Neuronen Samba tanzen. EEEEEEEH MACARENA!

Meist habe ich so gegen drei Uhr die brillantesten Ideen. Zum Beispiel Online-Shopping. Wer braucht schon keinen Designer-Käsehobel? Mega klug. Ah nei. Eine Freundin von mir ordnete einst bekifft die mehrere tausend Exemplare umfassende Bibliothek ihres Vaters nach Farben. Dieser Gedanke erscheint auch mir in solchen Momenten extrem verführerisch. Hauptsache etwas zu tun.  

Kleiner Exkurs: Wussten Sie, dass Word das Wort «bekifft» nicht kennt? Jetzt wissen Sie's. Und ich auch.  

Egal. Vielleicht mal raus an die frische Luft? Draussen schneit's. SPINNSCH EICH, PETRUS? Dann vielleicht in die Badewanne. Macht glückliche Nachbarn, so morgens um 3.17 Uhr. Obwohl, die haben amigs am Montagmorgen um 7.00 Uhr so laut Sex, dass ich trotz Ohropax davon erwache. Uncool. Also nicht der Sex, an sich ist das ja die einzig wahre Variante, einem Montagmorgen zu begegnen (High 5, liebe Nachbarn) – aber ob sie dabei wirklich so laut sein müssen, dass sie sogar ein 100-jähriger, tauber Inuit in Alaska hören kann, sei dahingestellt. Gibt’s in Alaska Inuit? Ja? Nein? Oder nur in Grönland? Oder nur in Alaska, dafür in Grönland nicht? Ich bin zu faul zum Googlen. Da sehen Sie mal, was der Unschlaf aus mir macht, geschätzte Leserschaft. Eifach mal öpis behaupte.  

Manchmal lande ich in solchen Nächten auch auf lustigen Internetseiten. Und damit meine ich nicht Pornhub – das bekomme ich dann ja live um 7.00 Uhr. Nein, ich meine eher etwas wie die Page der Migros. «Migipedia». Allein schon dieses Wort. Bekommt man grad ein wenig Gänsehaut, nicht? Da kann ich Stunden damit zubringen, Artikelbewertungen zu lesen. So landete ich einst, keine Ahnung mehr, wann, auf der Seite mit dem Budget WC-Papier. Da hatte ein sehr enttäuschter Kunde moniert, das Papier sei, seit es die neue Prägung habe, einfach nicht mehr dasselbe. Es war herzerwärmend. Solche Geschichten gehen einem dann schon nahe, so um 3.49 Uhr. Leider konnte ich die Bewertung nun nicht mehr finden, oder ich hätte Sie, liebe LeserInnen, selbstverständlich an diesem rührenden Stück Prosa teilhaben lassen.  

Manchmal werde ich irgendwann so müde, dass vor meinen Augen alles verschwimmt. So auch dieser Text in diesem exakten Moment. Es ist wahnsinnig anstrengend, das hier zu schreiben. Aber sobald ich mich ins Bett lege, macht's in meinem Kopf «HYPER HYPER» und die Gedanken kreisen wieder wild durch die Gegend, meist schon lange nicht mehr um das Thema, welches mich ursprünglich vom Schlafen abgehalten hat. Das ist das Gute an schlaflosen Nächten: Irgendwann ist man so hinüber, dass einem alles egal ist.  

Gegen sechs Uhr führe ich meist tiefsinnige Dialoge mit meinem eigenen Gehirn, wobei ich immer verliere. Ja, ich verliere gegen mein eigenes Gehirn, das muss man erst mal fertig bringen.

«Was machsch eich so mit dim Läbe?»

«Wie gaht's de 3. Süüle?»

«Wiso chläbt Cementit eich nöd ine a de Tuube?»

«Du häsch immerna d’Titanic-Videokassette vomene Schuelgspähnli, wo’d 1999 usglehnt häsch!»

«What is Love? Baby don’t hurt me ...»  

Gegen 7 Uhr drifte ich endlich langsam ins so sehr herbeigesehnte Traumland hinüber ...  

Pünktlich zum Beischlaf meiner Nachbarn.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Mary Poppins 02.05.2017 00:58
    Highlight Highlight Oh ich liege schlaflos im Bett und lese diesen Artikel und lache fast Tränen.... Danke liebe Yonni!
    Dann bis zum Wecker Klingeln in 5 Stunden.... :-(
  • Menel 22.04.2017 09:44
    Highlight Highlight Zum Glück ruht sich der Körper im Liegen auch ohne Gehirn aus. Damit beruhige ich mich, wenn mein Gehüüürn mal wieder meint 2h morgens ist der beste Zeitpunkt um neuen und alten Mist durzuackern. Aber zum Glück kommt das nicht all zu oft vor. Meistens überliste ich mein Gehirn mit Gedankenschlaufen 😄
  • Samurai Gra 22.04.2017 01:26
    Highlight Highlight Ach Frau Meyer, ich hoffe Sie können das Problem mal lösen.
    Ich habe nur wenig schlaflose Nächte.
    Dafür Schlafwandle ich.
    Meistens wache ich frierend auf dem Örtchen auch, einmal wachte ich auf und fand mich auf der Herdplatte wieder, die ich zum Glück nicht angelassen hatte. Einmal erwachte ich bei ströhmendem Regen auf dem Balkon und so weiter.

    Ich lebte kurz in einem Personalhaus mit sehr Leichthörigen Wänden. Auf jeden Fall hatten die grössten Teils Jungen Weiblichen Azubis ihre Freunde, die aus der RS kamen, eingeladen... Das war eine fürchterliche Nacht 😂
  • fifiquatro 20.04.2017 20:56
    Highlight Highlight Selten so einen unterhaltsamen und selbstreflektierenden Bericht gelesen. Du bringst es so rüber, dass sich der eine oder andere darin wiederspiegeln kann; so auch ich.

    Danke dafür! Und du bist mir eh mega sympathisch :-)


    ggggggglg und trotzdem weiter guten Schlaf :-)
  • Aliyah 19.04.2017 23:18
    Highlight Highlight Ouww Frau Meyer...
    Das mit dem lieben Schlaf kenne ich zu gut. Sie sprechen mir aus der Seele. Auf jeden Fall finden Sie unten den Link zum M-Budget WC-Papier. Falls Sie nicht schlafen können, suchen Sie nach der entsprechenden Bewertung 😂🙈



    https://migipedia.migros.ch/de/m-budget-toilettenpapier
    • Yonni Moreno Meyer 20.04.2017 09:00
      Highlight Highlight Nein! So gut! Da ist er ja! Wahrscheinlich habe ich in meiner Übermüdung «Bütsché» statt «Budget» geschrieben... Danke fürs Raussuchen.
    • fandustic 20.04.2017 22:06
      Highlight Highlight Der Austausch des "leicht" enttäuschten Kunden mit Tanja und Herrn K. von der Migros....einfach göttlich😂
  • Spooky 19.04.2017 22:00
    Highlight Highlight "Irgendwann ist man so hinüber, dass einem alles egal ist."

    Ich selber mit massiven Schlafstörungen, schreibe in diesen Momenten meine intelligentesten Kommentare.

    ;-)
  • Bruno Wüthrich 19.04.2017 16:53
    Highlight Highlight Ist doch gar nicht so schlecht, so eine schlaflose Nacht. Der Blog ist bereits geschrieben und somit kann der Schlaf über den Tag nachgeholt werden.

    Ist einmal gerade kein Blog zu schreiben, so empfehle ich die Lektüre des Nebelspalters. In der Regel reicht schon ein Artikel, um sich von den Problemen abzulenken und dann wie ein Bär im Winterschlaf zu schlafen.

    Bleibt nur noch die Frage: Schnarcht in Ihrem Schlafzimmer jemand? Vielleicht sogar Sie selbst? Nicht dass dies zwingend stören muss. Aber es soll Leute geben...
  • Luca Brasi 19.04.2017 11:54
    Highlight Highlight Ich verstehe den Absatz "Ich beine, was mich beschäftigt…" nicht ganz.
    Ich wünsche Ihnen viele geruhsame Nächte, Frau Meyer.

    Grüsse an die Nachbarn von 7 Uhr und vielleicht entschuldigt sich ja der "Taschen-Tubel", wenn er das liest (Ich wars nicht, fahr nicht S-Bahn ;)).
    • Turboschnegge 19.04.2017 15:43
      Highlight Highlight "Ich beine das, was mich beschäftigt, auseinander,''
      Hab den Satz auch zweimal lesen müssen. ;-)
      Etwas (Problem, Gespräche, Verhalten) immer wieder in Gedanken wiederholen. Immer und immer wieder...
      Oder kurz: Zu tode analysieren...
  • pamayer 19.04.2017 11:06
    Highlight Highlight Danke für die ehrliche Beschreibung des Zustandes der schlaflosen Nächte.
    Habe ich gerade zum Glück schon lange nicht mehr erlebt.
    Vieles können wir 'machen', Schlaf nicht.
    Dann gibt's diese irrationalen Nächte, die so lebendig sind, dass ich das Gefühl habe, alles was ich verschlafen hatte, meldet sich nun höchst vital.
    Und dann der Stress wegen dem nahenden Arbeitstag, sicher mit 5 Extras, wo du speziell Präsenz aufbringen musst, oder Kinder, die eben auch... ...

    C'est la vie.
  • Phil.A 19.04.2017 09:41
    Highlight Highlight Geht mir ähnlich. Das einzige dass bei mir hilft, sodas ich am nächsten Tag einigermaßen arbeitsfähig bin, ist kiffen. Leider auch das nicht ohne Nebenwirkungen...
  • Zeit_Genosse 19.04.2017 09:20
    Highlight Highlight Ich lese gerade:

    Denken wird überschätzt:
    Warum unser Gehirn die Leere liebt

    Buch von Jörg Zittlau und Niels Birbaumer
  • Tanzleila 19.04.2017 08:53
    Highlight Highlight hey Pony! Das känni. Und das Gemeine ist ja noch: wenn man am nächsten Morgen aufstehen muss (es soll ja noch Leute geben, die studieren und/oder arbeiten müssen), ist alles noch viel schlimmer.
    Schön zu hören dass ich nicht alleine bin.
    Din dem Sinne: schlaf guet!
  • freyar_geist 19.04.2017 08:23
    Highlight Highlight Liebe Frau Yonni, so schön geschrieben! Merci. Und Sie sind nicht alleine! Ich esse dann jeweils um vier Uhr früh wie ein Hobbit mein erstes Frühstück. Manchmal hilft mir das, vor halb sechs Uhr wieder einzuschlafen. Bestimmt denke ich bei meiner nächsten schlaflosen Episode an Sie, doch ich verspreche: Nur soviel, damit ich Sie nicht aufwecke.
    • El_Sam 19.04.2017 09:23
      Highlight Highlight Um halb sechs wieder einschlafe??
      Dann klingelt mein Wecker :-(
    • ShadowVolpe 19.04.2017 10:33
      Highlight Highlight Bei mir auch! Aber ich stehe freiwillig so früh auf, damit ich nicht stressen muss :)
    • Lichtblau 19.04.2017 23:40
      Highlight Highlight Sobald ich das Licht ausmache, schlafe ich ein.
      In diesen Tagen wache ich aber zur Unzeit auf: So gegen 4.15h, vor allem Montags. Und dann verfolgen mich die unerledigte Steuererklärung (die für 2015), der bevorstehende Auszug meines Kindes und ewig zurückliegende peinliche Situationen (Weihnachtessen 2001). Was hilft: iPad zücken und Yonnihof lesen. Nach ca. 1 Stunde bin ich dann wieder weg und die Träume bis zur Tagwache um 7h sind besonders intensiv.

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