Google macht auf Apple – und will die Android-User entmündigen
Die Digitale Gesellschaft Schweiz gehört zu den vielen Organisationen weltweit, die den amerikanischen Techkonzern Google (Alphabet) massiv kritisieren. Grund ist eine für September 2026 angekündigte Änderung. Demnach müssen neu alle Entwicklerinnen und Entwickler von Android-Apps ihre Identität offenlegen.
Rahel Estermann, Co-Geschäftsleiterin der Digitalen Gesellschaft, wählt in einem letzte Woche veröffentlichten Meinungsbeitrag deutliche Worte. Unter dem Titel «Android ist bedroht – Google will unsere Smartphones abriegeln» warnt sie vor drastischen Folgen.
Der amerikanische Techkonzern versuche, sein mobiles Betriebssystem Android in eine streng kontrollierte Plattform zu verwandeln. Damit baue er seine «ohnehin schon übermässige Macht» weiter aus.
Wo ist das Problem?
Obwohl Google die geplante Abriegelung der Android-Plattform als Sicherheitsmassnahme darstellt, handle es sich tatsächlich um «die Einführung einer verpflichtenden und zentralisierten Überprüfung der Identität» aller App-Entwickler, konstatiert Rahel Estermann.
Betroffen ist das sogenannte «Sideloading»: Auch Entwickler, die ihre Apps ausserhalb des offiziellen Play Stores anbieten wollen, müssten sich bei Google registrieren und ihre Identität überprüfen lassen. Und Apps von nicht verifizierten Anbietern wären dann auf «zertifizierten» Android-Geräten (mit installierten Google-Play-Diensten) standardmässig blockiert.
Damit würde Android eines seiner grössten Unterscheidungsmerkmale gegenüber dem grössten Konkurrenten Apple verlieren: die Installationsfreiheit.
Tatsächlich scheint Google das Vorgehen des zweiten marktbeherrschenden «Mobile»-Akteurs zu kopieren. Das iPhone-Betriebssystem iOS und das Tablet-Betriebssystem iPadOS stehen seit der Lancierung unter der relativ strengen Kontrolle der Plattformbetreiberin. Zudem hat Apple die technische Abriegelung in den letzten Jahren weiter verstärkt. Das «Jailbreaking» von Geräten, also das Entfernen der vom Hersteller verfügten Software-Restriktionen, ist für Laien nahezu unmöglich.
Die Abriegelung der beiden marktbeherrschenden mobilen Plattformen erhält angesichts der aktuellen politischen Machtverhältnisse zusätzliche Brisanz. Apple und Google sind gegenüber dem US-Präsidenten Donald Trump bereits verschiedentlich eingeknickt und haben unliebsame Apps aus ihren Stores gelöscht.
Wie Rahel Estermann argumentiert, bestehe nun «die ernsthafte Gefahr, dass nationale Aktivitäten und Handlungen nicht aus rechtlichen Gründen, sondern aufgrund wirtschaftlicher oder politischer Interessen eines amerikanischen Tech-Konzerns verhindert werden».
Bestätigt sehen sich Kritiker durch das Vorgehen der USA bei der militärischen KI-Nutzung. Da beugen sich die marktdominierenden US-Techkonzerne dem wachsenden staatlichen Druck und stellen ihre KI-Sprachmodelle für Kriegszwecke zur Verfügung. Selbst die Firma Anthropic, die sich öffentlichkeitswirksam für gewisse Schutzmechanismen einsetzt, sieht nur dann ein Problem, wenn es um die Totalüberwachung von Amerikanern geht. Die ethischen Ansprüche enden an der eigenen Landesgrenze. Alles ausserhalb darf überwacht werden.
Und es ist anzumerken, dass Google im Februar 2025 stillschweigend eine Formulierung aus seinen öffentlichen KI-Prinzipien strich, die die Entwicklung von Waffen und Überwachungstechnologie verbot.
Was passiert mit dem «puren» Android?
Das Android-Betriebssystem galt bislang als vergleichsweise offen. Der Quellcode ist offen einsehbar und jede interessierte Person kann eigene Apps entwickeln und frei verbreiten. Sei dies über den Google Play Store oder über alternative App-Stores wie F-Droid.
Das sogenannte Android Open Source Project (AOSP), geleitet von Google, bezeichnet den frei verfügbaren «Kern» des mobilen Betriebssystems. Dieser bietet die Basis, um eigene, modifizierte Android-Versionen für Smartphones und andere Geräte zu entwickeln.
Seit Anfang 2026 hat Google den Veröffentlichungszyklus des Android-Quellcodes massiv umgestellt. Anstatt wie früher quartalsweise neue Versionen zu publizieren, geschieht dies nun nur noch zweimal pro Jahr.
Für die Anbieter und User von unabhängigen Android-Projekten («Custom-ROM») wie LineageOS oder GrapheneOS bedeutet das längere Wartezeiten auf neue Funktionen. Google entwickelt sein Android primär intern «hinter verschlossenen Türen» und wirft dem Open-Source-Projekt nur noch fertige Brocken hin, wie diverse kritische Stimmen schon seit Monaten warnen.
Zudem verschiebt Google immer mehr Kernkomponenten seines Android-Systems in geschützte Bereiche. Dies erhöht zwar die Sicherheit, erschwert aber den Zugang für die erwähnten Entwickler von Dritt-Systemen.
Das unabhängige Bündnis «Keep Android Open» hat deshalb am 24. Februar einen offenen Brief an die Führung des Alphabet-Konzerns veröffentlicht. Darin wird vor der Zerstörung des freien Ökosystems gewarnt. Mitunterzeichnerin ist die Digitale Gesellschaft Schweiz.
Auf der entsprechenden Website werden nebst den unabhängigen Software-Entwicklern auch «normale» User aufgerufen, gegen die Abriegelung zu protestieren. In der Schweiz könne man etwa bei der staatlichen Wettbewerbskommission (WEKO) Bedenken anmelden.
Quellen
- digitale-gesellschaft.ch: Android ist bedroht – Google will unsere Smartphones abriegeln
- keepandroidopen.org: Protest-Website gegen die Google-Pläne mit offenem Brief
- theguardian.com: Google owner drops promise not to use AI for weapons (Februar 2025)
