Digital
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Das sind keine Roboter auf einem Wüstenplaneten, sondern undefinierbare Fahrzeuge mit Käferbeinen auf einem Parkplatz in San Diego, Kalifornien. Bild: Regula Bochsler/ Edition Patrick Frey

Kunst aus dem Internet

Apple zum Trotz: Aus schlechten Bildern wird gute Kunst

Die Zürcherin Regula Bochsler erkannte das wahre Potenzial der Stadtaufnahmen von Apple Maps und machte daraus ein Buch und eine Ausstellung.



Gewiss kennen Sie das: Irgendeine grosse Firma wie Google oder Apple behauptet, dass es ihr jetzt gelungen sei, die Welt so zu zeigen, wie sie wirklich ist. Zugleich aus der Vogelperspektive, aber auch mit 3D-Effekten. Was in der Zweidimensionalität eines Bildschirms ein grundsätzlicher Unsinn ist. Die Welt der digitalisierten, der «gerenderten» Landkarten entspricht keineswegs der Realität, im Gegenteil, sie verfremdet diese zu surrealen künstlichen Gebilden. Doch aus Künstlichkeit kann Kunst erwachsen, Verfremdung erlaubt die Reflexion von Vertrautem. 

Die Zürcher Journalistin und Historikerin Regula Bochsler ist auf einer Exkursion auf ihrem iPad über Apple Maps gestolpert. Sie begab sich hinunter in amerikanische Grossstädte, wo keine Menschen erfasst waren, dafür alles Artifizielle: Die Wolkenkratzer und die Reihenhäuser der Vorstädte, Vergnügungsparks, die Freiheitsstatue, Container, Tanks, Autos, Flugfelder, Brücken, Schiffe. Dinge, die auch militärisch gesehen von Interesse sind, denn genau da haben ja die Luftaufnahmen, die heute jeder benutzt, um die Lage seines Ferienhotels vorzusondieren, ihren Ursprung.

Bild

Rosarote Freizeit: So surreal sieht Apple Maps einen Vergnügungspark bei New York. Bild: Regula Bochsler/ Edition Patrick Frey

Diese Autobahn bei Indiana bäumt sich auf wie die Strassen im Film «Inception». Bild: Regula Bochsler/ Edition Patrick Frey

Apple lässt die Dinge via Fotografien und Satellitendaten von allen Seiten erscheinen. So, wie sie sein könnten. Nicht so, wie sie wirklich sind. Doch die Screenshots offenbaren Verblüffendes: Fahrzeuge (sind es Töffs?) sehen aus wie Käfer. Bäume werfen zwar die uns vertrauten – da auch in der Realität zweidimensionalen – Schatten, doch der Baum selbst bläht sich darüber in einem seltsamen Metakörper auf, so als wäre er von Christo eingepackt worden. Fassaden schmelzen dahin wie einst die Uhren von Salvador Dalí oder wirken kühl und kubisch wie Eisblöcke. Über den Wolkenkratzern liegt ein Flimmern, als wären sie Teil einer Fata Morgana.

Exaktheit findet sich in diesen Aufnahmen nicht, sie vermitteln nur Ahnung, Illusionen. Aber vielleicht sieht Regula Bochsler all die Städte ja so, wie sie einmal wirklich sein werden: New York, Baltimore, Chicago, San Diego werden zu unheimlich postapokalyptischen Kulissen, mit Wahrzeichen, die nur noch als Fragmente zu erkennen sind. Die Farbigkeit der Bilder erinnert schon jetzt an ausgebleichte Fotografien, das Aufeinandertreffen von zwei- und ansatzweise dreidimensionaler Wiedergabe an Collagen, die ganze Optik mehr an Malerei denn an Hightech.

Die Palmen in New Orleans werfen zwar einen normalen Schatten, aber der dreidimensionale Überbau sieht aus wie ein Kunstwerk von Christo. Bild: Regula Bochsler/ Edition Patrick Frey

Die Bestandesaufnahme von sich aufbäumenden und sich auflösenden Fassaden, Strassen und Maschinen ist der Impressionismus von heute. Er entspricht der Wahrnehmung einer in sich kollabierenden Welt seit 9/11 und seit Fukushima.

Bochslers Appropriation-Art (in der sich hier zu Recht auch das Wort App verbirgt), ist nun – ganz analog - zu einem Bildband mit mehreren lesenswerten Essays geworden und zu einer Ausstellung im Zürcher Architekturforum, wo sich die schönsten Screenshots auch kaufen lassen.

Chicago Clock Tower: Diese Uhren gehen alle anders. Weil das Bild aus verschiedenen Fotos zusammengesetzt ist.  Bild: Regula Bochsler/ Edition Patrick Frey

Suburb, Las Vegas: Eine Vorstadt schmilzt wie Schokolade an der Sonne. Bild: Regula Bochsler/ Edition Patrick Frey

Ironischerweise sind die gerenderten Welten, wie sie Regula Bochsler eingefangen hat bereits wieder Geschichte. Ihr Sohn, der gewissenhafte Nerd, rüstete eines Tages ihr iPad von iOS 6 auf iOS 7 um. Wo all die irritierenden und faszinierenden Fehler, all die Christo-Bäume und die Dalí-Häuser, ausgemerzt waren. Sie ging dann in einen Apple-Shop und bat einen sehr jungen Mann darum, ihr Betriebssystem um eine Generation zurück zu setzen. Er hat sich geweigert. «Das würde Apple nicht gefallen», war die Antwort. Sie suchte deshalb an der Vernissage im Architekturforum händeringend nach einem alten iPad, das sie bis zu seinem Tod nie mehr upgraden will. Ein Filmemacher ohne Kamera ist schliesslich auch nicht denkbar. 

Buch, Ausstellung und Webseite

Regula Bochsler mit Philipp Sarasin: The Rendering Eye – Urban America Revisited. Edition Patrick Frey, Zürich 2014. 287 S., ca. 69 Fr. 

The Rendering Eye: Architekturforum Zürich, bis 16. April.

Viele weitere Bilder auf www.renderingeye.ch

Weiterlesen zum Thema Apple

Das könnte dich auch interessieren:

Diese 9 Food Trucks aus New York wünschen wir uns in der Schweiz (weil absolut 🤤)

Link zum Artikel

Federer/Nadal necken sich wie ein altes Ehepaar und McEnroe will «ihre Karrieren beenden»

Link zum Artikel

«Kein Brexit ohne Parlament!» John Bercow sagt Johnson in Zürich den Kampf an

Link zum Artikel

St. Galler Polizist schiesst sich aus Versehen in den Oberschenkel

Link zum Artikel

Die lange Reise der Schiedsrichter-Pfeife an die Rugby-WM nach Japan

Link zum Artikel

Eins vor Tod will ich Sex und (eventuell) eine Ohrfeige

Link zum Artikel

CVP fährt grosse Negativ-Kampagne gegen andere Parteien – die Reaktionen sind heftig

Link zum Artikel

Wo du in dieser Saison Champions League und Europa League sehen kannst

Link zum Artikel

Migros Aare baut rund 300 Arbeitsplätze ab

Link zum Artikel

Eine Untergrund-Industrie plündert Banking-Apps wie Revolut – so gehen die Betrüger vor

Link zum Artikel

YB droht Bickel mit Gericht, nachdem er als Sportchef 40 Mio. verlochte

Link zum Artikel

Warum wir bald wieder über den Schweizer Pass reden werden

Link zum Artikel

«Ich hatte Sex mit dem Ex meiner besten Freundin…»

Link zum Artikel

Die amerikanische Agentin, die Frankreichs Résistance aufbaute

Link zum Artikel

Matheproblem um die Zahl 42 geknackt

Link zum Artikel

Wie gut kennst du dich in der Schweiz aus? Diese 11 Rätsel zeigen es dir

Link zum Artikel

«In der Schweiz gibt es zu viel Old Money und zu wenig Smart Money»

Link zum Artikel

So schneiden die Politiker im Franz-Test ab – wärst du besser?

Link zum Artikel

Röstigraben im Bundeshaus: «Sobald ich auf Deutsch wechsle, sinkt der Lärm um 10 Dezibel»

Link zum Artikel

So erklärt das OK der Hockey-WM in der Schweiz die Ähnlichkeit zum Tim-Hortons-Spot

Link zum Artikel

Die Geschichte von «Ausbrecherkönig» Walter Stürm und seinem traurigen Ende

Link zum Artikel

«Informiert euch!»: Greta liest den Amerikanern bei Trevor Noah die Leviten

Link zum Artikel

Keine Angst vor Freitag, dem 13.! Diese 13 Menschen haben bereits alles Pech aufgebraucht

Link zum Artikel

Der Kampf einer indonesischen Insel gegen den Plastik

Link zum Artikel

«Ich bin … wie soll ich es sagen … so ein bisschen ein Arschloch-Spieler»

Link zum Artikel

Alles, was du über die neuen iPhones und den «Netflix-Killer» von Apple wissen musst

Link zum Artikel

15 Bilder, die zeigen, wie wunderschön und gleichzeitig brutal die Natur ist

Link zum Artikel

Shaqiri? Xhaka? Von wegen! Zwei Torhüter sind die besten Schweizer bei «FIFA 20»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

4
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen

Frida Kahlo: Die Frau, die den Tod auslachte

Willkommen zu einem weiteren Teil Frauen in der Geschichte. Heute wollen wir uns mit der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo beschäftigen. Einer Frau, die es verstand, ihren Schmerz in Bildern auszudrücken.

Am 17. September 1925 rammt in Mexiko City eine Trambahn einen hölzernen Omnibus. Die 18-jährige Frida Kahlo sitzt drin, wird nach vorne geworfen – und von einer eisernen Griffleiste durchbohrt.

«Sie war fast nackt; bei dem Zusammenstoss waren ihr die Kleider vom Leibe gerissen worden. Jemand im Bus, wahrscheinlich ein Anstreicher, hatte ein Paket mit Goldpulver bei sich gehabt, das aufgegangen war; und nun war das Gold über Fridas blutenden Körper gestäubt.»

Sie habe wie eine Ballerina …

Artikel lesen
Link zum Artikel