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Anonymisierungs-Experte moritz bartl im Interview

«Ziel ist, jeden Bürger zu schützen»

Bild: zvg

Anonymisierungs-Dienste schützen politisch Verfolgte, normale Bürger und Kriminelle im Internet. Im Interview erklärt der Gründer von Torservers.net, warum dies Sinn macht und nimmt auch zu den jüngsten Angriffsversuchen Stellung.



Herr Bartl, die Geheimdienste haben das Tor-Netzwerk trotz grosser Bemühungen nicht geknackt, richtig?

Moritz Bartl: Bislang gibt es keine Anzeichen dafür, dass Tor nicht sicher wäre. Und wir sprechen hier von sehr mächtigen Gruppierungen, die weltweit Zugriff auf das Kommunikationsnetz haben. Das Design von Tor basiert auf Forschungsergebnissen von mehreren Jahrzehnten, die Technik wurde massgeblich am MIT und vielen anderen Universitäten entwickelt und ständig verbessert. 

Warum soll ich Tor benutzen?

Wenn Sie sich in einem unverschlüsselten WLAN vor Angreifern schützen wollen, die möglicherweise auf Provider-Ebene Zugriff haben oder den Datenverkehr einzelner Länder überwachen. Da gibt es Tor und danach lange nichts, was eine vergleichbare qualitativ hochwertige Sicherheit bietet. Und das auch noch kostenlos und von vielen Experten geprüft, da der Quellcode frei verfügbar ist. 

Allerdings hat die US-Regierung Tor ursprünglich initiiert und finanziert. Gibt es Hintertüren?

Nein. Das US-Verteidigungsministerium weiss sehr genau, dass man Sicherheit nur gewinnen kann, wenn man keine Hintertüren einbaut. In den USA ist es üblich, dass das Militär gerade im technischen Bereich für weitere Bereiche der Finanzierung verantwortlich ist. Die Forschung und Entwicklung findet aber an Universitäten statt.

Moritz Bartl, Torservers.net, Internet-Aktivist

Moritz Bartl ist Informatiker und Gründer von Torservers.net. Bild: zvg

Torservers.net

2011 gegründet

Die Sicherheit des Anonymisierungswerkzeugs Tor beruht darauf, dass möglichst viele Teilnehmer ihre Internetverbindung mit anderen Nutzern teilen. Der Deutsche Moritz Bartl fing 2010 neben seinem Informatik-Studium an, Spenden für den Betrieb von Tor-Infrastruktur zu sammeln. «Auf der einen Seite kommt man gemeinsam billiger weg: Je mehr Geld ich ausgebe, desto billiger wird der Datenverkehr. Auf der anderen Seite konnten so erstmals auch technisch weniger erfahrene Nutzer zum Netz beitragen.» 2011 gründete er mit Gleichgesinnten den gemeinnützigen Verein Torservers.net, der sich der sicheren Kommunikation für alle Internet-Nutzer widmet. Neben dem Betrieb von Servern tauschen sich die Sicherheitsexperten aus, halten Vorträge und bieten Gratis-Kurse für Kleingruppen an, etwa für Menschenrechts-Organisationen und Journalisten.

2013 machten beunruhigende Meldungen die Runde, dass Tor-Nutzer über eine Sicherheitslücke im Firefox-Browser ausspioniert wurden. Wie beurteilen Sie heute den Vorfall?

Die zu dem Zeitpunkt aktuelle Version des TorBrowsers hatte die ausgenutzte Schwachstelle nicht. Und in der Tat wurde dabei eine Schwachstelle im Firefox-Browser ausgenutzt, und nicht in Tor an sich. Grundsätzlich gilt, dass man veraltete Software nicht einsetzen sollte und immer sofort aktualisieren muss. 

Sind Ihnen seither neue Angriffsversuche zu Ohren gekommen?

Nein. 

«Wir machen das Internet sicherer vor Angreifern – egal, ob das autoritäre Regimes sind, Mitarbeiter von Internet-Providern oder Hacker.

Moritz Bartl

Erst kürzlich gab es Medienberichte über Schnüffler im Tor-Netz.

Das Problem, dass «Exit Relays» den ursprünglichen Traffic sehen und manipulieren können, ist seit Beginn erkannt und es wird regelmässig darauf hingewiesen. Leider gibt es dafür keine Lösung. An der Verbesserung von HTTPS im Allgemeinen wird fleissig gearbeitet, zum Beispiel auch bei Google. Deshalb ist unsere Arbeit als Tor-Servers auch wichtig und relevant: Wir kennen unsere Partnerorganisationen, und wissen, welche Knotenpunkte sie betreiben. Wir stehen sozusagen mit unserem Namen für saubere, nicht loggende Relays.

Wie viele User zählt das Tor-Netzwerk aktuell?

Es werden nur sehr grob Statistiken erfasst, um die Nutzer nicht zu gefährden. Laut aktueller Hochrechnung gibt es bis zu drei Millionen Nutzer täglich, über die ganze Welt verteilt.

Warum unterstützen Sie das Tor-Projekt?

Unser Ziel ist es, jeden Bürger zu schützen – und sichere Kommunikation nicht nur Verbrechern zu überlassen, die sich von einem eventuellen Verbot sowieso nicht abhalten lassen. Es ist sehr wichtig für das Tor-Netz, dass es möglichst viele Organisationen gibt, die sich am Betrieb beteiligen. Die Infrastruktur zu zentralisieren, ist kontraproduktiv. Deshalb haben wir angefangen, ähnliche Gruppierungen in anderen Ländern aufzubauen und zu unterstützen. Inzwischen besteht Torservers.net aus 13 Organisationen in 10 Ländern. 

Uns vereint, dass wir nicht-überwachbare Kommunikation für ein Grundrecht halten, und wir setzen uns dafür ein, das Internet sicherer vor Angreifern zu machen – egal, ob das autoritäre Regimes sind, Mitarbeiter von Internet-Providern oder Hacker.

Das Tor-Netzwerk funktioniert dank vieler Freiwilliger. Wie gross ist die Unterstützung in der Schweiz?

Hervorgetan haben sich vor allem die Swiss Privacy Foundation, einer unserer Partner, die Digitale Gesellschaft und der Chaos Computer Club Schweiz. Ich war im vergangenen Jahr zu Besuch beim KOBIK, der Schweizerischen Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität. Auch dort wird Tor eingesetzt und als Werkzeug sehr geschätzt.

«Einen Hammer kann ich vielseitig verwenden, und definitiv auch, um jemandem den Schädel einzuschlagen. Sollen wir Hämmer deshalb verbieten?»

Was können Sympathisanten tun, die Ihr Projekt unterstützen wollen?

Zunächst einmal natürlich durch Spenden. Wir sind stolz darauf, dass wir dank unseren freiwilligen Helfern jede Spende zu hundert Prozent in Bandbreite verwandeln können, die dann jedem Tor-Nutzer zur Verfügung steht. Inzwischen wird Tor von verschiedenen Förderungen getragen, so zum Beispiel zu kleinen Teilen von Schweden. Leider hinkt die EU da allgemein weit hinterher und bislang gibt es kaum Forschung über sichere Kommunikation in Europa.

In der Öffentlichkeit wird Tor öfters mit illegalen Handlungen in Verbindung gebracht. Was sagen Sie zur Kritik?

Wichtig für das Verständnis ist, dass wir hier von sicherer und unkontrollierbarer Kommunikation sprechen, die Tor gewährleistet. Experten sind sich darin einig, dass man die Sicherheit aller Bürger nicht nur aufgrund dessen gefährden darf, weil Verbrecher sich diesen Werkzeugen auch bedienen können. Einen Hammer kann ich vielseitig verwenden, und definitiv auch, um jemandem den Schädel einzuschlagen. Sollen wir Hämmer deshalb verbieten?

Sie sind ein Verfechter der uneingeschränkten Meinungsäusserungsfreiheit. Sehen Sie diese in Europa in Gefahr?

Die Meinungsfreiheit ist ständig und überall in Gefahr. Das mag in Europa subtiler sein, aber Entwicklungen wie den Rechtsradikalismus mit Regierungsnähe in Ungarn oder sogar in Holland betrachte ich mit Sorge. Meinungsfreiheit ist wenig wert, wenn sie die Freiheit zur Zustimmung bedeutet – wir brauchen die Freiheit zum Widerspruch.

Ausserdem tragen wir als Europa auch eine Verantwortung für den Rest der Welt. Und gerade das Internet ist ja deshalb so mächtig, weil es immer grössere Regionen der Welt erreicht, und sich Menschen aller Kulturen frei informieren und austauschen können. Freie, nicht-überwachte Kommunikation ist die moderne Versammlungsfreiheit.

«Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäusserung; dieses Recht schliesst die Freiheit ein, (...) über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten..»

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948, Artikel 19

 

(Das Interview wurde schriftlich geführt)

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