Die KI des Pentagons im Zentrum einer neuen Art von Krieg
Ein KI-Programm des Pentagons, «Project Maven», steht im Zentrum der Militärkampagne gegen Iran. Eine völlig neue Rolle, die zeigt, wie sich die moderne Kriegsführung gerade grundlegend verändert – angetrieben von Innovationen aus dem Silicon Valley, das selbst mit grossen ethischen Fragen ringt.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Was ist das?
«Project Maven» ist das wichtigste KI-Programm der US-Armee. Es wurde 2017 als Experiment gestartet, um Militäranalysten dabei zu helfen, die riesigen Mengen an Drohnenbildern auszuwerten.
Die Auswerter waren völlig überfordert – sie mussten Bild für Bild durchgehen, um Hinweise zu finden, die oft nur für einen Sekundenbruchteil sichtbar sind. «Maven» wurde entwickelt, um genau das zu ändern: die Nadel im Heuhaufen schneller zu finden.
Acht Jahre später ist das Programm massiv ausgebaut worden. Es hat sich zu einem KI-gestützten System für Zielerfassung und Gefechtsführung entwickelt – und die Geschwindigkeit der «Kill Chain» vervielfacht, also jenes Prozesses, der von der Entdeckung eines Ziels bis zu dessen Zerstörung reicht (in der Nato-Sprache: Wirkkette).
Wie funktioniert das?
«Maven» vereint die Funktionen einer militärischen Flugsicherung mit denen eines Cockpits. Der Experte Aalok Mehta beschreibt das System als «eine Art zusätzliche Schicht», die Sensordaten, Satellitenbilder sowie Informationen über eigene und gegnerische Kräfte zusammenführt.
Konkret, erklärt der Direktor des Wadhwani AI Center in Washington, analysiert «Maven» in hoher Geschwindigkeit Satellitendaten, um Bewegungen zu erkennen oder Ziele zu identifizieren – und erstellt dabei «ein Echtzeitbild des Einsatzgebiets», um den optimalen Angriffsplan zu bestimmen.
«Maven» verwandelt eine erkannte Bedrohung direkt in einen Zielprozess: Es bewertet verfügbare Optionen und legt der Führung eine Auswahl an möglichen Vorgehensweisen vor, wie ein Pentagon-Vertreter bei einer kürzlichen Online-Demo erklärte.
Der Aufstieg der generativen KI in den letzten drei Jahren hat einen weiteren Sprung ermöglicht: Man kann nun in natürlicher Sprache mit dem System interagieren – und damit wird die Technologie plötzlich auch für Nicht-Techniker im Militär zugänglich.
Diese Fähigkeit wird derzeit vom Modell Claude der Anthropic bereitgestellt – allerdings womöglich nicht mehr lange. Das US-Start-up wurde vom Pentagon sanktioniert, nachdem es öffentlich den Einsatz seiner KI für vollständig automatisierte Angriffe oder zur Überwachung amerikanischer Bürgerinnen und Bürger abgelehnt hatte.
Warum hatte Google abgelehnt?
Die ethischen Fragen rund um KI waren schon in den Anfangsjahren des Programms brisant – damals, als Google noch der ursprüngliche Auftragnehmer war. 2018 unterschrieben mehr als 3000 Mitarbeitende des Tech-Giganten aus Mountain View einen offenen Brief gegen das Projekt, weil es für sie eine rote Linie überschritt. Mehrere Ingenieure zogen die Konsequenzen und kündigten.
Google weigerte sich später, den Vertrag zu verlängern, und veröffentlichte eine KI-Charta, die jede Beteiligung an Waffensystemen ausschloss. Die Episode machte einen tiefen Riss im Silicon Valley sichtbar: einerseits Ingenieure, die autonomes Targeting als ethische rote Linie sehen – andererseits Militärverantwortliche, die es für unverzichtbar halten.
Google hat diese Einschränkungen inzwischen wieder aufgehoben und angekündigt, sich stärker an Militärverträgen zu beteiligen. Neben Google sind auch OpenAI – der wichtigste Konkurrent von Anthropic – sowie die Firma xAI von Elon Musk im Rennen, um «Claude» in «Maven» zu ersetzen, wie das Pentagon mitteilte.
Welche Rolle spielt Palantir?
2024 hat Palantir Technologies den Platz übernommen, den Google frei gemacht hatte. Das Unternehmen, das teilweise mit Geldern aus dem Umfeld der CIA aufgebaut wurde, war von Anfang an stark auf Geheimdienstarbeit ausgerichtet.
Das Unternehmen ist inzwischen zum wichtigsten Auftragnehmer von «Maven» geworden – und seine KI-Technologie bildet das operative Rückgrat des Programms. Für CEO Alex Karp ist die Welt damit in zwei Lager geteilt: in jene, die über diese Technologie verfügen – und jene, die es nicht tun.
Für ihn ist es entscheidend, dass der Westen Fähigkeiten beherrscht, über die der Rest der Welt nicht verfügt. Ein System, das mehrere Stunden der «Kill Chain» auf wenige Sekunden komprimieren kann, mache jeden Gegner schlicht obsolet, so seine Einschätzung.
Welche Ergebnisse wurden bisher erzielt?
Das Pentagon und Palantir Technologies wollten sich nicht zu den konkreten Leistungen von «Maven» im Krieg gegen Iran äussern. Das hohe Tempo der US-Angriffe deutet jedoch darauf hin, dass das System den Prozess der Zielerfassung und der Schläge deutlich beschleunigt hat.
In den ersten 24 Stunden der Operation «Epic Fury» griffen die US-Streitkräfte mehr als 1000 Ziele an. Auch der tödliche Angriff auf eine Schule, die in einem ehemaligen Militärgebäude untergebracht war, soll laut übereinstimmenden Medienberichten dazugehören. Eine Untersuchung des Pentagons läuft. (dal)
