Bevölkerung fordert mehr digitale Verantwortung vom Staat
Ganz generell steht eine Mehrheit der Bevölkerung der Digitalisierung für den persönlichen Gebrauch zwar positiv gegenüber. Bei der Betrachtung der gesamten Gesellschaft und der Regulierung von Tech-Unternehmen überwiegt jedoch die Skepsis. Dies zeigt eine neue, repräsentative Umfrage vom Forschungsinstitut gfs.bern im Auftrag der Stiftung Mercator Schweiz.
Wie steht die Schweiz grundsätzlich zur Digitalisierung?
58 Prozent stehen der heutigen Digitalisierung positiv oder zumindest eher positiv gegenüber. Zusätzlich äussern 22 Prozent der Befragten eine weder positive noch negative Haltung gegenüber der Digitalisierung.
Skeptischer sind tendenziell ältere Personen über 64 Jahre, Sympathisierende der Parteien an den politischen Polen (SP, Grüne und SVP) und die Menschen, die selbst weniger stark von der fortschreitenden Digitalisierung profitieren.
Während 53 Prozent eher oder klare persönliche Vorteile in der Digitalisierung sehen, rechnet ein weiteres Viertel weder mit Vor- noch Nachteilen für das persönliche Leben. Allerdings äussern sich die Befragten beim Blick auf die gesamthafte Bevölkerung skeptischer.
«Nur» noch 48 Prozent sehen eher oder klare Vorteile in der Zukunft für die gesamthafte Bevölkerung. Während 28 Prozent befürchten, dass sogar eher oder klare Nachteile für die Gesellschaft entstehen würden.
Interessanterweise hält die Studie fest schliessen viele der Befragten von den eigenen Vorteilen auf die Vorteile der Gesellschaft. Sprich: Wer persönliche Vorteile durch die Digitalisierung sieht, ist auch eher der Ansicht, dass die gesamte Gesellschaft davon profitiert.
Wo liegt die Verwantwortung?
Zentral in der Umfrage ist die Frage nach der Verantwortung und welche Rolle der Staat und die Unternehmen künftig in der Digitalisierung einnehmen sollen.
Die Mehrheit der Befragten gibt an, dass grundsätzlich mehr Verantwortung übernommen werden soll, und zwar in allen Kategorien. Der Staat, die Unternehmen sowie Nutzerinnen und Nutzer sollen für einen Grossteil der Teilnehmenden in Zukunft ihre Pflichten stärker wahrnehmen.
Die Befragten sehen den Staat am stärksten in der Verantwortung. 65 Prozent wollen, dass der Staat in Zukunft mehr Verantwortung übernimmt. Währenddessen schätzen 28 Prozent den Status-Quo als zureichend ein und lediglich fünf Prozent sehen weniger staatliche Verantwortung.
Auch im Thema Sicherheit, traditionell eine stark staatliche Angelegenheit, sind die Befragten mehrheitlich für eine Digitalisierung, welche die nationale Sicherheit über die individuelle Privatsphäre stellt.
69 Prozent sprechen sich dafür aus, dass die Schweiz in Zukunft mehr digitale Lösungen einsetzt, um die nationale Sicherheit zu verstärken, auch wenn diese Massnahmen die individuelle Privatsphäre einschränken. Dagegen wollen 37 Prozent die Privatsphäre höher gewichten als die nationale Sicherheit.
Insbesondere ältere Personen sehen den Staat stärker in der Pflicht. Ebenso Befragte aus der Romandie, dem Tessin und Menschen, die oft digitale Lösungen nutzen, sehen den Staat stärker in der Pflicht.
Beispielsweise fordern 88 Prozent der Befragten, dass der Staat sicherstellt, dass Entscheidungen und Algorithmen von KI-Systemen nachvollziehbar sind. Weitere 86 Prozent sind auch für eine vom Staat vorgeschriebene Sicherstellung der menschlichen Kontrolle von KI-Systemen.
Kritische Haltung gegenüber Tech-Unternehmen
Zurückhaltender äussern sich die Befragten bei der staatlichen Regulierung des digitalen Marktes. Über 44 Prozent lehnen diesen ab, doch eine Mehrheit ist eher oder gar klar dafür, dass Tech-Unternehmen stärker durch den Staat reguliert werden.
Bei der Gegenüberstellung, ob Technologieunternehmen sich wirtschaftlich frei entfalten und ihre Regulierung dem Markt überlassen werden soll oder ob sich Big-Tech demokratisch gesetzte Regeln unterwerfen muss, äussern sich 64 Prozent der Befragten für eine stärkere Regulierung. Fast ein Drittel positioniert sich gar klar für die Durchsetzung von demokratisch gesetzten Regeln.
Ein weiteres Drittel spricht sich dagegen eher oder klar für die Selbstregulierung Tech-Unternehmen aus. Doch nach der Mehrheit der Befragten müssen sich die Firmen stärker demokratisch gesetzten Regeln unterwerfen. Was durchaus mit dem Misstrauen der Befragten gegenüber Big-Tech-Konzernen einhergeht.
Lediglich 21 Prozent der Befragten äussern eine positive Haltung gegenüber Big-Tech-Firmen. Zwei Prozent davon gar eine sehr positive. Allerdings steht der grösste Teil, 40 Prozent, Big-Tech ambivalent gegenüber, während 36 Prozent eine eher oder sehr negative Haltung haben.
Die eher negative Haltung gegenüber Big-Tech-Firmen schlägt sich auch in vier kritischen Fragen nieder. So sind 94 Prozent der Meinung, dass Kinder und Jugendliche besser von den schädlichen Auswirkungen von Social Media geschützt werden müssen. Weiter stimmen 90 Prozent der Aussage zu, dass die Tech-Konzerne nur auf Profit ausgerichtet seien.
Wie sieht es mit der künstlichen Intelligenz aus?
Trotz der skeptischen Haltung gegenüber Big-Tech ist die Nutzung der Produkte aus den grossen Tech-Schmieden, spezifisch von künstlicher Intelligenz, weit verbreitet.
So geben 73 Prozent der Befragten an, KI zu nutzen. Etwas mehr als ein Viertel nutzt sie gar regelmässig. Auch der Bekanntheitsgrad von KI-Anwendungen ist gross. Lediglich zwei Prozent geben an, noch nie von den herkömmlichsten KI-Systemen gehört zu haben.
Während viele KI-Systeme nutzen, äussern sich viele der Befragten auch kritisch gegenüber der möglichen Auswirkung der breiten Nutzung von KI.
Gerade wenn es um Ressourcenfragen geht, wünschen sich eine Mehrheit von 71 Prozent eine spezifischere Nutzung von KI, welche die Umwelt weniger stark belastet. Dagegen spricht sich ein Viertel der Befragten für eine offenere und breitere Nutzung von KI für alle aus, auch wenn dies die Umwelt mehr belastet.
Im Detail sprechen sich 77 Prozent der Befragten für eine sparsamere Nutzung von KI aus, um künftig an Ressourcen zu sparen. Auch hier sieht die Mehrheit von 76 Prozent wieder den Staat in der Verantwortung. Sie wünschen sich eine stärkere Regulierung von KI-Systemen durch die Schweiz.
Weitere 73 Prozent wollen mehr Schweizer Souveränität bei KI-Anwendung und sprechen sich für grössere Investitionen in eigene KI-Projekte. 63 Prozent befürchten ausserdem, dass es durch KI zu Arbeitsplatzverlusten kommen wird.
Die Befragten äussern sich kritisch zu KI-Systemen als Problemlösung wie auch zu den Big-Tech-Konzernen. Gleichzeitig ist die Nutzung aber weit verbreitet. Künstliche Intelligenz ist praktisch, und wir erinnern uns: Die Mehrheit der Befragten nimmt die Digitalisierung für sich persönlich als positiv wahr, hat aber gleichzeitig Bedenken für die Auswirkung auf die Gesellschaft.
Digitalisierung und die Demokratie
Daher wird der Einfluss der Digitalisierung auf die Informationsverbreitung, die Meinungsbildung, die Privatsphäre und die demokratische Entscheidungsfindung von den Befragten auch eher kritisch beurteilt.
Fast die Hälfte, 46 Prozent, gibt an, dass die Digitalisierung einen negativen Einfluss auf demokratische Prozesse habe. Weitere 30 Prozent äussern sich weder positiv noch negativ und 19 Prozent glauben, sie habe positive Auswirkungen. Auch hier sehen viele einen zu grossen Einfluss der digitalen Plattformen auf die demokratische Meinungsbildung und politische Partizipation.
Eine breite Mehrheit von 89 Prozent stimmt der Aussage zu, dass die digitalen Plattformen dafür verantwortlich sind, Hassrede, Fake News und Falschinformationen zu unterbinden. Weiter befürchten 80 Prozent der Befragten, dass es durch die Verschiebung der politischen Diskussionen auf digitale Plattformen zu neuen Formen von politischer Ausgrenzung kommen könnte.
Doch glaubt auch eine knappe Mehrheit von 51 Prozent, dass durch die Digitalisierung mehr Menschen an politischen Prozessen teilhaben können. (can/sda)
