Eishockey
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15.02.2014; Sochi; Olympische Winterspiele Sochi - Eishockey Play-offs Quarterfinals - Schweiz - Russland;
Torhueterin Florence Schelling (SUI) und Sara Benz (SUI) nach dem Spiel
(Urs Lindt/freshfocus)

Schelling Hext und Hext

Der blonde Hockeyengel von Sotschi und Klotens historische Chance, sexy zu werden

Florence Schelling hat den Lauf der Hockeywelten zum Stehen gebracht. Mit ihr im Tor stünde Zug wohl in den Playoffs. Die Schweizerinnen spielen nach dem 2:0-Sieg gegen Russland am Donnerstag wohl um Bronze.



In der reichen Kulturgeschichte der Schweizer Eishockeytorhüter nimmt Florence Schelling nun einen Ehrenplatz ein. Ihr Name darf nach dem 2:0 über Russland in einem Atemzug mit Jean Ayer, Hans Bänniger, Gérald Rigolet, Renato Tosio, Reto Pavoni, Martin Gerber oder Jonas Hiller genannt werden.

Im Halbfinal gegen Kanada werden die Schweizerinnen zwar trotz Florence Schelling chancenlos sein. Die Kanadierinnen haben noch nie gegen ein europäisches Team verloren. Aber im Bronze-Spiel am Donnerstag (voraussichtlich gegen Schweden) ist die erste Olympia-Eishockey-Medaille seit 1948 möglich. Die Schweizerinnen haben vor den Männern die erste WM-Medaille der Neuzeit gewonnen (Bronze 2012) und jetzt sind sie vor den Männern im Olympia-Halbfinal angelangt.

Eine Analyse des Russland-Wunders beginnt mit Florence Schelling, geht mit Florence Schelling weiter und endet mit Florence Schelling. Die ehemalige Freundin von NHL-Verteidiger Yannick Weber hielt alle 42 Schüsse. Ihr ruhiger Stil mahnt ein wenig an Jonas Hiller. Jonas Hiller ist einer der besten Torhüter der Welt. Florence Schelling ist mit ziemlicher Sicherheit die beste Torhüterin der Welt.

Der Engel mit den tausend Händen

Der Chronist wunderte sich schon während des Spiels, das eigentlich ein Drama war, über die Schweizerinnen. Sie kämpften mit Leidenschaft und Hingabe, aber auch mit taktischer Schlauheit. Ein Spiel, das zu einem Lehrfilm verarbeitet werden sollte. Vier Jahre lang, seit Vancouver 2010, haben sie auf dieses eine Spiel hingearbeitet. Das Spiel, das ihnen den Weg zu einem Showdown um eine olympische Medaille öffnet.

Die grösste Überraschung folgte indes für den Chronisten nach dem Spiel. Als Florence Schelling die Torhütermaske lüftete. Da erscheint nach einer titanischen, fast dreistündigen Anstrengung eine schöne blonde junge Frau, frisch wie eine Rose, strahlend wie der neue Morgen. Spontan fällt dem Chronisten ein: Der 24-jährige, blonde Hockeyengel mit den tausend Händen. Schliesslich verehrten die Russen einst ihren Kulttorhüter Wladislaw Tretjak (er entzündete hier die olympische Flamme) als den Mann mit tausend Händen.

Das Tor, das uns ins Halbfinale bringt 

Dieser Schuss hat für die Geschichte unseres Frauen-Hockeys eine ähnliche Bedeutung wie Tells Geschoss für die Historie unseres Landes: Nach 10 Minuten und 46 Sekunden fuhr der von Stefanie Marty (26) kurz nach der blauen Linie abgefeuerte Puck wie ein Laserstrahl und völlig unhaltbar zum 1:0 ins Netz der Russen. Dieser Treffer war zugleich die Entscheidung. «Normalerweise mache ich keine Slapshots», sagte die Stürmerin, die vier Jahre in Nordamerika studierte und spielte. «Aber diesmal habe ich es gewagt.» Sie hatte schon bei der Bronze-WM 2012 im Viertelfinale gegen die Russen zwei Treffer zum 5:2-Sieg beigesteuert. Sotschi ist nach Turin (2006) und Vancouver (2010) ihr drittes Olympisches Turnier. 

Florence Schelling schilderte mit wohltuender Bescheidenheit auf Deutsch und Französisch ihre Erlebnisse. Nein, es sei wohl nicht die beste Leistung ihrer Karriere gewesen. «Aber die beste mit der Nationalmannschaft». Und sie betonte – wie übrigens auch die Feldspielerinnen – den enormen Zusammenhalt im Team.

Florence Schelling gilt seit Jahren als eine der besten Torhüterinnen der Welt. Seit 2004 spielt sie fürs Nationalteam. Sie bestreitet nach 2006 (Turin) und 2010 (Vancouver) ihr drittes olympisches Turnier, sie war mehrere Jahre in Kanada und in dieser Saison steht sie in der ersten Liga bei den Männern des EHC Bülach im Kasten. «Dieses Spiel gegen Russland war anstrengender und intensiver als eine Erstligapartie bei den Männern. Zwar spielen die Männer aggressiver. Aber ich bekomme bei Bülach nie so viele Schüsse.»

Die Schwester von Klotens Verteidiger Philippe Schelling (29) trainiert und spielt nicht nur mit Bülachs Männern. Zusätzlich steht sie jeden Donnerstag beim Torhütertraining der Kloten Flyers auf dem Eis. «Dabei wird keine Rücksicht darauf genommen, wer im Tor steht.» Ob Martin Gerber oder Florence Schelling – es wird alle Kraft in die Schüsse gelegt.

Florence Schellings Vertrag mit Bülach läuft Ende Saison aus. Sie sagt: «Ich bin offen für eine neue Herausforderung.» Eigentlich müssten die Kloten Flyers die Torfrau auf nächste Saison als Nummer 2 verpflichten. Sie ist nicht nur mit ziemlicher Sicherheit besser als der aktuelle Lotter-Ersatzgoalie Jonas Müller. Noch viel wichtiger: Die Kloten Flyers sind inzwischen zum wohl langweiligsten Team der Liga verkommen. Mit der schönen Torhüterin könnte Klotens Hockey endlich wieder sexy, ja glamourös werden. Das ist dringend notwendig. Wegen stockender Werbeerträge hat ja das überaus tüchtige Verkaufsgenie Lukas Hammer in Kloten soeben das Handtuch geworfen.

Bis heute hat erst eine Frau ein Spiel auf höchstem Männerniveau absolviert. Die Kanadierin Manon Rhéaume bestritt mit Tampa zwei NHL-Vorbereitungsspiele. Aber noch nie hat eine Torhüterin ein reguläres Männerspiel in einer höchsten Liga bestritten. Kloten könnte also Hockey-Weltgeschichte schreiben. Und noch etwas: Kein Schelm, wer denkt, dass der EV Zug mit Florence Schelling im Tor wohl in den Playoffs stünde.

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