Gesellschaft & Politik
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Mit der Kippa durch Paris

Beleidigt und angespuckt: Dieses Video befeuert die Debatte über Antisemitismus in Frankreich

Zvika Klein hat sich eine Kippa aufgesetzt und ist zehn Stunden lang durch Paris gelaufen – mit versteckter Kamera. Das Video zeigt, dass Antisemitismus in Frankreich ein gewaltiges Problem ist.

Christoph Sydow



Ein Artikel von

Spiegel Online

Im Schnitt zweimal am Tag werden in Frankreich Juden wegen ihres Glaubens angegriffen. 851 antisemitische Übergriffe registrierte der Dachverband der jüdischen Institutionen in Frankreich im Jahr 2014. Das war vor dem Terroranschlag auf einen koscheren Supermarkt in Paris Anfang Januar und vor der Schändung eines jüdischen Friedhofs am vergangenen Wochenende.

Die Regierung hat längst eingeräumt, dass Antisemitismus in Frankreich ein gewaltiges Problem ist. Er kommt nicht mehr nur von der Rechten wie dem Front-National-Gründer Jean-Marie Le Pen, der mehrfach wegen antisemitischer Ausfälle verurteilt worden ist. Inzwischen sind es meist junge Muslime, die Juden beschimpfen und verprügeln.

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Reporter mit Kippa unterwegs in Paris. Video: YouTube/nrg.il

Ein Video, das ein israelischer Journalist in Paris aufgenommen hat, befeuert nun die Debatte über Judenhass unter französischen Muslimen. Der Reporter Zvika Klein hat sich eine Kippa aufgesetzt und ist nach eigener Aussage zehn Stunden durch die französische Hauptstadt gelaufen. Das Konzept erinnert an das Video der Amerikanerin Shoshana Roberts, die zeigte, wie oft sie innerhalb eines Tages auf New Yorks Strassen von Männern belästigt wurde.

Roberts Video ist seit Oktober fast 40 Millionen Mal angeklickt worden. Kleins Film aus Paris hat innerhalb von zwei Tagen immerhin knapp 900'000 Klicks gesammelt. Das Video zeigt, wie der Reporter mehrfach beleidigt wird. Ein Mann verfolgt ihn und zischt ihm abfällig das Wort Jude hinterher. Eine Frau und ein Mann spucken aus, als Klein an ihnen vorbeiläuft. Ein Junge ruft ihm entgegen: «Es lebe Palästina

Das alles sind keine wirklich bedrohlichen Vorfälle, aber es sind solche Gesten und Beleidigungen, die dazu beitragen, dass sich mehr und mehr französische Juden in ihrer Heimat unwohl fühlen. «Je weiter wir gelaufen sind, umso mehr haben mir die hasserfüllten Blicke, aggressiven Bemerkungen und die feindselige Körpersprache Angst gemacht», schreibt Klein in einem Artikel zu seinem Video.

«Weiss der denn nicht, dass er hier umgebracht wird?»

Ein kleiner Junge, der ihn gesehen hatte, habe seine Mutter gefragt: «Was macht der denn hier, Mama? Weiss der denn nicht, dass er hier umgebracht wird?» Im Video ist diese Szene nicht zu sehen. Überhaupt lässt der Film offen, wie repräsentativ die insgesamt nur 70 Sekunden langen Ausschnitte für den zehnstündigen Paris-Spaziergang des Zvika Klein sind.

Der Journalist arbeitet für das israelische Nachrichtenportal nrg.co.il, das dem US-Milliardär Sheldon Adelson gehört. Der 81-Jährige ist persönlicher Freund und wichtiger Geldgeber des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. Seine Medien, allen voran die Gratiszeitung «Israel Hayom», unterstützen den Regierungschef nach Kräften.

Dem Premier kommt die grosse Aufmerksamkeit, die das Video in den vergangenen Tagen erlangt hat, gut zupass: Netanyahu wiederholt mantraartig, dass Frankreich für Juden nicht mehr sicher sei. «Israel wartet mit offenen Armen auf euch», sagte der Premier erst am Montagabend.

Die Regierung in Paris reagierte verärgert. «Der Platz für französische Juden ist in Frankreich», sagte Premierminister Manuel Valls. Netanyahus Werben um Einwanderer sei Wahlkampfgetöse, schliesslich kämpfe der Regierungschef vor den Parlamentswahlen am 17. März um jede Stimme.

Trotzdem hat der wachsende Antisemitismus in Frankreich Folgen. Im vergangenen Jahr sind mehr als 7000 Franzosen nach Israel ausgewandert – mehr als je zuvor. Damit hat die Fünfte Republik binnen eines Jahres mehr als ein Prozent seiner jüdischen Gemeinde verloren.

Ein Ende dieses Trends ist nicht absehbar. Die Jewish Agency, die israelische Behörde, die Juden bei der Einwanderung nach Israel hilft, registriert nach eigenen Angaben pro Tag mehr als hundert Anfragen von französischen Juden.

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23Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Statler 17.02.2015 20:39
    Highlight Highlight Schürt so ein Video nicht gleichzeitig den Hass auf die Hasser?
    Solange es Menschen gibt, die meinen, besser als andere zu sein, wird es solchen Hass geben. Ob das Ziel nun Juden, Muslims, oder Leute die auf der falschen Seite der Rolltreppe stehen sind, spielt dabei keine Rolle. Stets wird ein anderer für die eigene Unzufriedenheit verantwortlich gemacht und die eigene Unzulänglichkeit auf andere projiziert. So lange das täglich von allen vorgelebt und geradezu zelebriert wird und wir allem, was nicht unserem Gusto entspricht, mit Feindschaft begegnen, wird sich nichts ändern.
  • Dan Rifter 17.02.2015 18:17
    Highlight Highlight Da wird also ein [xbeliebiger] Jude in Frankreich ähnlich mies behandelt, wie ein [xbeliebiger] Moslem in Israel. Das IST ein Skandal!
    • AdiB 17.02.2015 18:37
      Highlight Highlight eher ein xbeliebiger jude unter moslemen, wie ein xbeliebiger moslem unter juden.
  • Martin Sommer (1) 17.02.2015 17:56
    Highlight Highlight Mal so als anmerkung. Im Titel steht "angespuckt". die frau die im video spuckt, wird wohl nicht ihn angespuckt haben. Selbst wenn sie antisemitin wäre, wie würde sie seine kopfbedeckung denn sehen wollen, von vorne? locken an den schläfen hat er ja auch nicht.

    Ich mag die latente meinungsmache hier auf Watson nicht besonders.
  • sobre 17.02.2015 16:19
    Highlight Highlight Ich nerve mich, dass in der Schweiz vor lauter Toleranz, Intoleranz akzeptiert werden.
    • greenlion 18.02.2015 08:49
      Highlight Highlight sehe ich auch so... richtig kontrovers....
  • everSin 17.02.2015 16:17
    Highlight Highlight Peinlich wie nicht differenziertt wird, von wem/warum dieser Journalist wohl beleidigt wird. Oder kommt wirklich niemand auf die Idee, dass es IRGENDWIE damit zusammenhängen könnte, dass Frankreich auch die bei weitem grösste Anzahl nach Syrien reisender Extremisten aufweist?
    Es wirkt nämlich ziemlich unpräzise jetzt von einem starken 'Antisemitismus in Frankreich' zu sprechen und damit die komplette französische Gesellschaft unterschwellig zu beschuldigen. Aber ist wohl politisch korrekter, als die Sache mal beim Namen zu nennen.
    • AdiB 17.02.2015 18:47
      Highlight Highlight und wie siehts mal aus, nach zu denken wieso diese leute die juden nicht mögen? oder hätten sie es gerne wen ein untermieter plötzlich die ganze wohnung einniehmt und ihnen nur noch der balkon bleibt?
    • Anded 17.02.2015 21:04
      Highlight Highlight @AdiB: Der jüdische Franzose im Video hat mit dem Staat Israel wohl so wenig zu tun wie die meisten muslimischen Franzosen mit Palästina. Oder hättest du auch Verständnis dafür, wenn ich in der Schweiz Albaner beschimpfe und bespucke, weil der IS Christen köpft?
    • AdiB 17.02.2015 22:04
      Highlight Highlight bin kein albaner. nenn sie wie du willst, ist mir egal.
      und der jude da hat was mit israel gemein oder wieso muss er zusätzlich noch auf hebreisch übersetzen?
    Weitere Antworten anzeigen
  • DerWeise 17.02.2015 15:49
    Highlight Highlight Auffällig ist nur eines. Der Mann läuft eher gut angezogen durch die "ärmeren" Viertel und wird vor allem von anderen Minderheiten beleidigt. Multikulti funktionert aber leider nur bei Reichen Menschen.
    • sobre 17.02.2015 16:15
      Highlight Highlight Eher von gebilteten Menschen.
    • Anded 17.02.2015 16:43
      Highlight Highlight Ich kann beim besten Willen keinen Unterschied in der Qualität seiner Kleidung und deren der "anderen Minderheiten" sehen. Ist ja auch bekannt dass die "anderen Minderheiten" (auch bei uns in der CH) viel Wert auf das Äussere legen und auch weniger Wohlhabende sich gerne teure Kleider leisten. Und Antisemitismus hat nun gar nichts mit Wohlstand zu tun.
  • zombie1969 17.02.2015 15:41
    Highlight Highlight Die Zukunft in Europa zeigt auch "la femme de la rue" klar auf. Ein kurzes Video einer belgischen Kunststudentin, in der sie in einem sommerlichen Kleid durch einen muslimisch geprägten Teil Brüssels geht. Aber auch die Skandale in Rotherham und Oxford oder die Vergewaltigungswellen in Schweden und Norwegen. Diese Frauenverachtung mitten in Europa, die nur dem radikalen Islam innewohnt, ist unglaublich.
    http://www.theguardian.com/world/2012/aug/03/belgium-film-street-harassment-sofie-peeters
    • stiberium 17.02.2015 16:11
      Highlight Highlight Prophezeiungen sind immer ein wenig heikel. Dass Globalisierung ohne Reibung von statten geht wäre ja schön, doch eher utopisch. Eine der grössten Tugenden des Westens ist die Geduld. Lass dich nicht provozieren von schlechten Beispielen der menschlichen Spezies und sei stolz darauf, dass du nicht so bist und verstanden hast was Werte bedeuten!
  • saukaibli 17.02.2015 15:18
    Highlight Highlight Eine Schande und ein Beispiel, was "heilige" Bücher wie die Bibel oder der Koran anrichten können. In beiden Büchern werden Juden als schlecht dargestellt, in der Bibel wird sogar behauptet, dass die Juden Schuld an Jesu tot seien (was natürlich vollkommenrer Quatsch ist). Die Christen beten sogar einen Juden an und beide Religionen beten den Gott der Juden an, denn die Juden glaubten ja bekannterweise als erstes an diesen einen Gott.
    Und dass Netayahu mehr Juden als Siedler nach Israel locken will und dafür zu schmutzigen Trickt greift, ist auch nicht wirklich überraschend.
  • Stratosurfer 17.02.2015 14:58
    Highlight Highlight Über Generationen geschürter Hass und religiöse Propaganda brechen hier zutage - Eine Schande für unsere Gesellschaft.
  • Migarosh 17.02.2015 13:56
    Highlight Highlight Welchen Grund haben französische Juden in Frankreich zu bleiben?
    • Migarosh 17.02.2015 16:03
      Highlight Highlight In einer Heimat, in der man als Juden angespuckt wird und beleidigt wird, ist es mehr als ungemütlich. Man stelle sich vor, die Kinder besuchen jüdische Schulen und Kindergärten. Welches Unsicherheitsgefühl haben diese Eltern? Immer die Angst im Hinterkopf, es könnte wieder einen Terroranschlägen geben.
      Der französische Staat hat meiner Meinung nach zuwenig unternommen, um gegen diese Missstände anzugehen. Integration hat wenig bis gar nicht stattgefunden
    • Pisti 17.02.2015 18:27
      Highlight Highlight Die Frage ist wohl eher, welchen Grund haben diese fehlgeleiteten Muslime in Europa zu leben?
      Die Antwort, gebe ich gleich dazu. In Saudi-Arabien, Irak etc.. gibt es halt nicht so einen toleranten Sozialstaat. Im Prinzip müssten wir nicht nur kriminelle Ausländer ausschaffen, sonder auch solche die sich nicht integrieren wollen.
    • AdiB 17.02.2015 22:21
      Highlight Highlight @pisti also mir sind irakier gier erst nach dem letzten golfkrieg aufgefallen so wie auch afganer. woran könnte das liegen?
      und zu frankreich, tja koloniessieren aussbeuten und dan noch sagen ihr dürft nicht zu uns ist sehr demokratisch.
      lern geschichte!
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