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Anne Wizorek über #aufschrei

«Wir sind längst nicht so weit, wie viele glauben»

Vor zwei Jahren entstand auf Twitter der Hashtag #aufschrei und löste eine breite Debatte über Alltagssexismus und Feminismus aus. Die Initiantin des Hashtags, Anne Wizorek, spricht im Interview über ihr neues Buch und was #aufschrei bewirkt hat. Und sie sagt, warum Frauen manchmal laut fluchen sollten.
22.02.2015, 09:08
bild: anne koch
Anne Wizorek
Die deutsche Netzfeministin (34) wurde durch ihre Twitter-Aktion #aufschrei bekannt. In der Nacht vom 24. auf den 25. Januar 2013 initiierte sie zusammen mit anderen Feministinnen den Hashtag, um unter diesem Schlagwort Erfahrungen mit Sexismus und sexueller Gewalt gegen Frauen zu sammeln und sichtbar zu machen. Die Hashtag-Aktion wird fälschlicherweise oft als Reaktion auf den am selben Tag im Stern erschienenen Artikel Der Herrenwitz der Journalistin Laura Himmelreich verstanden. Es war jedoch nur ein zeitlicher Zufall, der wiederum die mediale Debatte um Alltagssexismus vorantrieb.

Am 21. Juni 2013 wurde #aufschrei als erster Hashtag mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.

Im Herbst 2014 erschien Anne Wizoreks Buch «Weil ein #aufschrei nicht reicht – für einen Feminismus von heute»

Anne Wizorek betreibt den Blog kleinerdrei und twittert unter @marthadear
luzia tschirky

Anne, zwei Jahre ist es her, seit der Hashtag #aufschrei auf Twitter eine grosse Debatte über Sexismus ausgelöst hat. Was hat die Debatte gebracht?
Anne Wizorek: Aus meiner Sicht zwei Dinge: Erstens hat die Aufschrei-Debatte den Alltagssexismus wieder sichtbar gemacht. Das Thema galt ja eigentlich als abgehakt. Doch es zeigte sich, dass wir längst nicht so weit sind, wie viele glaubten. Das Aussprechen der Erfahrungen war für viele Menschen – nicht nur Frauen – ein erster wichtiger Schritt. Aufschrei ist quasi zum Label für die Diskussion um Alltagssexismus geworden.

Und zweitens?
Insgesamt haben mehr Menschen verstanden, dass es sich bei Sexismus nicht um ein «Frauenproblem» handelt, sondern um ein gesamtgesellschaftliches, welches wir gemeinsam angehen müssen. Gerade auch Männer wurden dafür sensibilisiert, dass sie Zivilcourage zeigen müssen und einschreiten können, wenn sie Zeugen von sexuellen Übergriffen werden.

«Aufschrei ist quasi zum Label für die Diskussion um Alltagssexismus geworden.»
Anne Wizorek, Buchautorin und Feministin

Die Aufschrei-Debatte war eines der wichtigsten Ereignisse für Twitter. Wie hat sich die Twitter-Gemeinde seither entwickelt?
Es haben sich noch mal viele kleine Netzwerke von engagierten Menschen gebildet. Insgesamt wird das Thema Feminismus und das Problem Sexismus nun viel stärker wahrgenommen. #aufschrei konnte aber auch den Weg für andere Hashtag-Aktionen ebnen, wie zum Beispiel #schauhin, unter dem Erfahrungen mit Alltagsrassismus sichtbar gemacht werden.

Womit beschäftigst du dich heute?
Ein starker Fokus meiner Arbeit liegt mittlerweile auf dem Thema Hasskommentare im Netz und wie diese unsere politische Teilnahme beeinflussen.

Inwiefern geschieht das?
Ich will sichtbar machen, was täglich im Netz an Beleidigungen, Diffamierungen und Drohungen passiert – insbesondere durch sogenannte Trolle, die überall Hasskommentare streuen. Wir müssen darüber aufklären, wessen Meinungsfreiheit durch die Trolle beschnitten wird, wenn wir Hasskommentare einfach so als Teil der Online-Kultur akzeptieren.

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Die Geschlechtergleichheit sei heute erreicht, ist eine verbreitete Meinung. Was sagst du dazu?
Klar, wir haben ja auch schon einiges erreicht, aber eben längst noch nicht alles. Den einen ist das schlicht nicht bewusst, weil sie sich nicht mit den Möglichkeiten dieser Gleichheit befassen. Aber es gibt auch solche, die sehr bewusst gewisse progressive Entwicklungen behindern, da sie ihre Macht bedroht sehen.

«Dass Frauen sich zurücknehmen und immer nett sein sollen, selbst wenn sie etwas kritisieren, ist ja Teil von Sexismus.»
Anne Wizorek, Buchautorin und Feministin

Ein Slogan von dir lautet: «Feminismus Fuck Yeah». Müssen Frauen fluchen, damit Männern ihnen zuhören? 
Ich glaube nicht, dass wir müssen. Aber es ist wichtig, dass wir es dürfen. Es darf uns auch mal der Kragen platzen. Dass Frauen sich zurücknehmen und immer nett sein sollen, selbst wenn sie etwas kritisieren, ist ja Teil von Sexismus. Dabei ist das «Fuck yeah» nicht mal ein Fluchen, sondern vielmehr ein euphorisches «Juhu!»

Macht Feminismus manchmal einsam? 
Jein. Wenn du dich feministisch engagierst, dann musst du gegen den Strom schwimmen, weil Gleichberechtigung keine Realität ist. Es wird da auch immer das Erlebnis geben, dass man sogar mit Leuten, die dir nahe stehen, grundlegende Dinge diskutieren muss. Die Menschen, die ich über dieses Engagement kennengelernt habe – das sind aber wiederum die echten Beziehungen, die ich haben will, und die ich auch nicht mehr missen möchte. Ausserdem gibt es selten etwas Lustigeres, als wenn Feministinnen zusammenkommen und schnacken. 

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