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Zahnmediziner: «Man muss keinen Kaugummi verwenden, um gute Zähne zu haben»

Können Kaugummis Zähne reinigen – oder ihnen gar schaden? Welche Inhaltsstoffe nützen dem Gebiss? Zahnmediziner Thomas Attin erklärt, was Kaugummis können und was nicht – und warum ihn seine Studenten manchmal an eine Herde Kühe erinnern.

frederik jötten



Können Zahnpflege-Kaugummis mit Mikrogranulaten die Zähne säubern? 
Das ist wohl eine Utopie. Vielleicht kann der weiche Belag ein wenig abgetragen werden – aber bestimmt kein fest haftender Teebelag zum Beispiel. Und eine Wirkung ausserhalb der Kaufläche ist schon gar nicht vorstellbar. Studien haben keinen nennenswerten Einfluss der Verwendung von Kaugummikauen auf die Entfernung von Plaque oder Speiseresten nachweisen können. Zahnpflegekaugummi kann auf keinen Fall das Zähneputzen ersetzen. 

Zur Person

Thomas Attin ist Professor und Direktor der Klinik für Präventivzahnmedizin, Parodontologie und Kariologie der Universität Zürich. Er forscht unter anderem zum Thema Zahnerhaltung und Zahnabrieb. 

Ist es sinnvoll Kaugummi zu kauen, wenn man sich nicht die Zähne putzen kann, etwa nach dem Mittagessen in der Kantine?
Wenn Sie die Zähne nicht gut geputzt haben und deshalb Plaque haben, entsteht in den ersten fünf bis zehn Minuten nach dem Essen dort ein saurer pH-Wert. Wenn Sie in dieser Phase einen Kaugummi kauen, wird der Speichelfluss angeregt. Die Säure wird dadurch neutralisiert, die Zähne werden weniger stark angegriffen. Zur Karies-Prophylaxe ist ein Kaugummi also durchaus sinnvoll, Säureschäden dagegen kann er nicht beheben. 

«Studien haben keinen nennenswerten Einfluss der Verwendung von Kaugummikauen auf die Entfernung von Plaque oder Speiseresten nachweisen können.»

Professor Thomas Attin, Universität Zürich

Moment, Sie haben doch gerade gesagt, der Kaugummi hilft, Säure zu neutralisieren? 
Aber bei einer Erosion durch einen Säureschaden, ist die Zahnoberfläche extrem angegriffen. Wenn Sie da zehn Minuten später mit dem Kaugummi kommen, ist der Säureschaden längst da. 

Der Schaden entsteht, wenn ich in die Orange beisse und kann nicht wieder gut gemacht werden durch Kaugummi? 
Wir haben Zahnproben vier, acht Stunden in Speichel gebadet – es gibt dadurch eine gewisse, aber leider nur sehr geringe Remineralisation an der Oberfläche. Durch hohe Fluoridzufuhr kann man diese gegebenenfalls beschleunigen, aber der Schaden kann nicht mehr repariert werden. Säureschäden zu verhindern, schaffen Sie nur, in dem der Zahn keine Säure abbekommt. 

Man kann ja schlecht auf Obst verzichten. 
Patienten mit extremen Schäden sind Menschen, die zum Beispiel sehr oft erbrechen – 20 bis 40 Mal pro Tag. Durch Nahrung können Sie die Zähne kaum so stark schädigen – ausser, Sie trinken ständig säurehaltige Erfrischungsgetränke wie Cola, dann bekommen Sie Erosionen – wenn es zuckerhaltige Erfrischungsgetränke sind, bekommen Sie noch Karies dazu. 

«Durch Erfrischungsgetränke wie Cola, bekommen Sie Erosionen – wenn es zuckerhaltige Erfrischungsgetränke sind, bekommen Sie noch Karies dazu.»

Professor Thomas Attin, Universität Zürich

Ist es denkbar, dass man durch Kaugummikauen Zahnsubstanz verliert, wenn man die Zähne vorher durch Trinken von Erfrischungsgetränken oder Essen von Obst empfindlicher gemacht hat? 
Wenn das zuträfe, dann sähen wir eine starke Abnutzung der Oberfläche. Bei den Menschen, die Obstschäden haben, sind die Schäden aber in der Regel rundherum am Zahn. Wir schlucken circa alle 20 Sekunden – und auch dabei haben wir jeweils einen Zahnkontakt. Das alleine macht aber noch keine nennenswerte Zahnabnutzung, dazu müssten die Zähne schon mit grösserer Kraft aufeinander geführt werden.

In Zahnpflegekaugummis sind heute häufig so genannte Mikrogranulate enthalten, kann dadurch Zahnsubstanz abgerieben werden? 
Wenn man Kaugummi kaut, dann kaut man nicht durch, das heisst, Sie kauen nicht, bis Sie das ganze Kaugummi zerquetscht haben und üben dann richtig Druck mit diesen Kügelchen auf die Kaufläche aus. Die Bewegung ist stattdessen wie ein leichtes Pressen auf den Kaugummi. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dadurch eine starke Abnutzung zustande kommt. 

«Wenn man Fluorid-Tabletten nimmt, kommt nur ein Prozent von dem, was man verschluckt, im Gebiss an.» 

Professor Thomas Attin, Universität Zürich

Ist es sinnvoll, Kaugummis zu kauen, die Calcium enthalten? 
Es gibt Zahnpasten und Kaugummis, die Calcium verbunden mit Kasein enthalten, so genannte CPP-ACP-Komplexe. Damit erreicht man einen relativ hohen Calcium-Spiegel mit hoher Bioverfügbarkeit im Speichel, –und Remineralisation funktioniert dann gut, wenn Calcium beziehungsweise Calciumphosphat vorhanden ist. Die CPP-ACP-Komplexe haben in Studien eine gute präventive Wirkung gegen Karies gezeigt. 

Das heisst, für die Zähne ist die Menge Calcium wichtig, die im Mund vorhanden ist und nicht das, was über den Darm aufgenommen wird?
Genau. Das Gleiche gilt für Fluorid. Wenn man Tabletten nimmt, kommt nur ein Prozent von dem, was man verschluckt, im Gebiss an. 

«Ich mag einfach keinen Kaugummi, auch ästhetisch nicht. Wenn unsere Studierenden mit dieser Kaubewegung vor mir sitzen, komme ich mir vor, als würde ich im Gebirge an einem Weidezaun stehen.»

Professor Thomas Attin, Universität Zürich

Ist es sinnvoll, fluoridhaltige Kaugummis zu benutzen? 
Es gibt Studien, die bei Verwendung von Fluoridhaltigen Kaugummis eine leicht erhöhte Fluoridaufnahme in den Zahnschmelz und eine verbesserte Remineralisation von beginnendem Karies festgestellt haben. 

Ist es sinnvoll, Kaugummis auszusuchen, die Xylitol enthalten?
Xylitol wirkt positiv, weil Bakterien es nicht gut abbauen können – und wenn sie es abbauen, dann entsteht ein Produkt, das nicht sauer ist. Zudem blockiert Xylitol auch Enzyme und wirkt deshalb ab einer bestimmten Dosis sogar hemmend auch das Bakterienwachstum. Der Gewöhnungseffekt der Bakterien ist gering, Xylitol ist also empfehlenswert, ab sechs Gramm pro Tag ist eine präventive Wirkung gegen Karies nachgewiesen. 

Nutzen Sie selbst die positiven Effekte von Kaugummi? 
Nein, ich mag einfach keinen Kaugummi, auch ästhetisch nicht. Wenn zum Beispiel unsere Studierenden mit dieser Kaubewegung vor mir sitzen, mutet das für mich an, als würde ich im Gebirge an einem Weidezaun stehen. Man muss auch nicht Kaugummi verwenden, um gute Zähne zu haben. In meinem Studium habe ich meine letzte Füllung bekommen – studiert habe ich bis 1989.

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