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«Four more years» für angeschlagenen Trudeau oder wird's der farblose Scheer?



epaselect epa07928995 Canadian Prime Minister and Liberal Party leader Justin Trudeau addresses his supporters at a campaign rally in Montreal, Quebec, Canada, 17 October 2019. Canadians will vote in the country's 43rd general election on 21 October 2019.  EPA/VALERIE BLUM

Der Lack ist ab: Justin Trudeau. Bild: EPA

Links schreien ein paar Dutzend Trudeau-Fans «four more years» («noch vier Jahre»), ein paar Meter daneben skandieren die Anhänger der Konservativen Partei «Andrew Scheer» zur selben Melodie.

Wenige Tage vor der kanadischen Parlamentswahl am 21. Oktober liegen die beiden grössten Parteien im Land in Umfragen ähnlich nah beieinander – der Regierungsstuhl vom einstigen Polit-Superstar Justin Trudeau jedenfalls wackelt bedenklich.

Während die Unterstützer der Parteien sich gegenseitig übertönen, schimmern auf der anderen Seite des Ottawa River die grünen Kupferdächer des Parlaments in der Abendsonne. Wer dort für die nächsten vier Jahre einzieht, wird auch an diesem Tag verhandelt: Vor dem nationalen Geschichtsmuseum trudeln die Spitzenkandidaten der Parteien zur grossen TV-Debatte ein.

Scheer steigt aus einem blauen Bus, der seinen Namen trägt. Der 40-Jährige winkt seinen Anhängern etwas steif zu und eilt schnell durch die Schiebetüren ins Gebäude. Der liberale Trudeau ist sieben Jahre älter, wirkt aber dynamischer. Der Premier reckt den Daumen nach oben und zeigt sein berühmtes Siegerlächeln.

Dabei hatte Trudeau – angetreten als liberaler Held, seit 2016 betitelt als «Anti-Trump» – in den vergangenen Monaten nicht viel zu feiern. Erst wurde öffentlich, dass er Ermittlungen gegen das kanadische Unternehmen SNC-Lavalin wegen Schmiergeldzahlungen in Libyen unterdrücken wollte – eine Ethik-Kommission kam zu dem Schluss, dass Trudeau sich falsch verhalten hatte.

Im September dann tauchte ein 20 Jahre altes Bild auf, das Trudeau mit dunkel geschminktem Gesicht – verkleidet als Aladdin – auf einer Party zeigte. Trudeau entschuldigte sich für sein «rassistisches» Verhalten. Er sei immer «von Kostümen mehr begeistert gewesen, als es manchmal angebracht ist.»

Skandale überstanden

Doch die Skandale schadeten ihm nicht in dem Masse, wie seine Gegner hofften. Die meisten Kanadier seien der Meinung, Trudeau besser zu kennen, erklärt Meinungsforscher David Coletto, Chef der Firma Abacus Data in Ottawa. «Das ist 20 Jahre her und wenn Sie auf seine Karriere als Politiker schauen, sehen Sie, dass es nicht passt.» Schliesslich habe Trudeau Minderheiten aktiv eingebunden.

Nichtsdestotrotz: Viele sind ernüchtert, dass Trudeau einige seiner Versprechen – eine Wahlrechtsreform oder ein ausgeglichener Haushalt bis 2019 – nicht gehalten hat. Kritiker empfinden auch seine Klimapolitik trotz der Einführung einer CO2-Steuer als nicht weitreichend genug.

Doch es gab auch Erfolge: eine bessere Unterstützung für einkommensschwache Familien, die recht reibungslose Legalisierung von Cannabis und die Rettung des zwischenzeitlich am Abgrund stehenden Handelsabkommens Nafta mit den USA und Mexiko.

Die «sonnigen Wege» aber, mit denen Trudeau Transparenz und Ehrlichkeit versprach, lagen in den vergangenen vier Jahren zu oft im Schatten. «Ich sage immer, er ist zu einem normalen Politiker geworden», meint Coletto.

Da kommt dem Premier die Wahlempfehlung vom ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama sehr gelegen. Der hatte auf Twitter geschrieben, die Welt brauche Trudeaus «progressive Führung».

Misstrauen gegenüber Konservativen

Das grösste Glück der Liberalen aber ist der farblose Andrew Scheer. Wenn man Kanadier nach ihm fragt, kommt selten Euphorie auf. Taxifahrer Mike sagt, dass Trudeau zwar ein «Idiot» gewesen sei, als er sich angemalt habe. «Aber das ist nichts gegen die Falschheit von Herrn Scheer!».

Viele der 37 Millionen im diversen Kanada tendieren zu liberaler und linker Politik. Scheers konservative Ansichten etwa zu Abtreibung oder Schwulenehe kommen bei ihnen nicht gut an. Und es hilft scheinbar nur wenig, wenn dieser ohne Ende wiederholt, die Offenheit bestehender Gesetze nicht antasten zu wollen.

Einen ganz anderen Weg dagegen will Scheer in Sachen Klima gehen. «Die CO2-Steuer hat die Kosten auf die Dinge erhöht, die wir jeden Tag brauchen», wetterte er. Sein Klima-Programm soll den Kanadiern nicht weh tun. Kritiker halten es für entsprechend wirkungslos.

Stattdessen buhlt Scheer beim zweiten grossen Wahlkampfthema – der Angst vor steigenden Preisen – um die Gunst der Wähler. Was sich mit einer Regierung unter seiner Führung sonst ändern würde, bleibt in vielen Bereichen unklar.

Conservative leader Andrew Scheer speaks during a campaign stop in Brampton, Ontario, Thursday, Oct. 17, 2019. (Adrian Wyld/The Canadian Press via AP)

Andrew Scheer. Bild: AP

Wirtschaftlich trauen die Bürger den Konservativen traditionell viel zu, doch die Ökonomie boomt ohnehin. Und ob ein Premier Scheer mit US-Präsident Donald Trump besser auskommen würde? Europäische Staaten jedenfalls würden Trudeau als verlässlichen internationalen Partner wohl vermissen.

Kleine Parteien hoffen auf Einfluss

Die Umfragen deuten darauf hin, dass keine der Parteien die absolute Mehrheit von 170 Sitzen erreichen kann. Zuletzt hatten die Konservativen vor allem wegen der Wähler aus den ländlichen Regionen im Westen des Landes leicht vorne gelegen – doch in etwa einem Drittel der Wahlkreise liegen die Direktkandidaten eng beieinander.

Im Falle einer nötigen Minderheitsregierung – in Kanada nichts Ungewöhnliches – würde die Stunde der kleinen Parteien schlagen. Ausschlaggebend könnten am Ende neben Yves-François Blanchet vom regionalen Bloc Québécois die Sozialdemokraten von Jagmeet Singh sein. Anders als Blanchet hatte dieser wie auch die Grüne Elizabeth May klar gemacht, Scheer nicht unterstützen zu wollen.

Vor allem Singh hatte nach einem starken Auftritt bei der hitzigen TV-Debatte im Geschichtsmuseum zuletzt zugelegt. Dort stellte er die beiden grossen Gegenspieler beim Thema Klima in den Schatten: Kanada müsste «nicht zwischen Herrn Verzögerung (Trudeau) und Herrn Leugnung (Scheer) wählen», sagte er. «Es gibt eine andere Option.» (aeg/sda/dpa)

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9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Chrigi-B 18.10.2019 16:40
    Highlight Highlight Aaaah, der Blackface Präsident.

    Wäre es ein Konservativer, die Medien würden duuuurchdrehen bis er seinen Rücktritt einreicht.
  • #wiilichschan 18.10.2019 16:35
    Highlight Highlight Hasan Minhajs (war mal bei der Daily Show) Beitrag zu Trudeau ist sehr zu empfehlen. 😊

    Play Icon

  • honesty_is_the_key 18.10.2019 16:32
    Highlight Highlight Ich verfolge die kanadische Politik überhaupt nicht. Und ohne mehr zu wissen, ich finde Justin Trudeau sehr sympatisch. Weil er ähnliche politische Meinungen vertritt wie ich, verglichen mit anderen Staatschefs sehr jung ist, und wohl auch - wie ich zu meiner Schande gestehen muss - weil er sehr gut aussieht. Mir ist klar dass dies total bescheuert ist und null Kriterium ist für ein so wichtiges Amt. Aber es zeigt wie ich mich und wohl auch viele andere sich von anderen Sachen beeinflussen lassen.

    Btw: Emily, wie ist deine Meinung ?
    • honesty_is_the_key 18.10.2019 20:39
      Highlight Highlight An die Blitzer: mir ist klar das ich gar nicht qualifiziert bin gross über Trudeau und die kanadische Politik zu urteilen. Aber wenn ihr es sein solltet, dann zeigt doch genug Cochones um zu Schreiben und zu sharen was ihr wisst oder was euch dazu triggert, statt nur zu Blitzen. Das wäre doch irgendwie interessanter, oder nicht ?
      Cheers
    • Basti Spiesser 20.10.2019 10:06
      Highlight Highlight Ich finde es schön dass du es erkennst, und sicher der Anfang, wenn man es bemerkt und hinterfragt. Wahrscheinlich gehts den Meisten so.
  • PC Principal 18.10.2019 15:44
    Highlight Highlight Politisch gesehen warTrudeau sehr erfolgreich. Es würde mich überraschen, wenn ihm diese Aladdin-Geschichte schadet. Ich fand ehrlichgesagt, dass er extrem lustig aussah.
    • MaskedGaijin 18.10.2019 16:19
      Highlight Highlight Schaden könnte ihn wohl eher seine Rolle bei der Korruptionsaffäre einer kanadischen Firma in Libyen. Wer Trudeau wegen der Aladdin-Geschichte nicht wählt, lebt wohl in einer Twitter-Empörungsbubble.
  • soulcalibur 18.10.2019 13:34
    Highlight Highlight Bevor man sich jetzt wieder betont, wie gut der Heilsbringer doch aussieht, sage ich nur "Teersand", nachzulesen auf Greenpeace. Dagegen ist das angepeilte Plastikverbot Kinderkram: "2011 trat Kanada endgültig aus dem weltweiten Klimaabkommen aus, das die Vorgänger-Regierung 1997 noch selbst mit verantwortet hatte. Statt die C02-Emissionen im Vergleich zu 1990 zu senken, erhöhten sich diese um 30 Prozent." Aber es wäre ja nicht mehr Politik, wenn man sich um die wirklichen Probleme kümmern würde...
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    • Platon 18.10.2019 16:13
      Highlight Highlight @soulcalibur
      Die konservative Vorgängerregierung ist aus dem Kyoto-Protokoll ausgestiegen, woraufhin die Regierung Trudeau wieder mitmachte und beim Parisabkommen sich für 1.5 Grad stark machte. Zudem hat Trudeau eine CO2-Steuer eingeführt. Im Gegensatz zu den Konservativen ist Trudeau deshalb tatsächlich ein Heilsbringer. Der Teersand in Alberta ist aber tatsächlich eine reisen Schweinerei, aber wohl politischer Selbstmord etwas dagegen zu unternehmen...
      https://www.nzz.ch/international/kanada-klimawandel-dominiert-den-kanadischen-wahlkampf-ld.1515279

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