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«Humanitäre Tragödie» im Sudan – Welthungerhilfe warnt

epa10579958 A Sudanese woman carries her belongings on a street in Khartoum, Sudan, 19 April 2023. A power struggle erupted since 15 April between the Sudanese army led by army Chief General Abdel Fat ...
Diese Frau versucht während einer der angekündigten Feuerpausen aus Khartum zu flüchten.Bild: keystone

«Humanitäre Tragödie» im Sudan – Kämpfe gehen bereits 6 Tage und es ist kein Ende in Sicht

Im Sudan kämpfen die zwei mächtigsten Männer des Landes um die Macht. Derweilen haben die Menschen kein Essen, kein Wasser und keine Medikamente mehr – oder sie fallen den Bomben zum Opfer. Eine humanitäre Katastrophe bahnt sich an.
20.04.2023, 12:2220.04.2023, 16:06
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Aufgrund der anhaltenden Kämpfe im Sudan können Zehntausende Menschen in der Hauptstadt Khartum ihre Häuser weiter nicht verlassen. Auch am Donnerstag gab es Luftangriffe und Artilleriefeuer, wie Augenzeugen berichteten.

Laut einem dpa-Reporter versuchten Tausende Einwohner seit Mittwoch die Hauptstadt, in der die Kämpfe bislang am schlimmsten wüteten, zu verlassen. Sie stünden vor der Herausforderung, zu entscheiden, was sicherer sei: sich zu Hause zu verschanzen, mit der Gefahr bombardiert zu werden, oder zu fliehen – unter der Gefahr, dabei im Kreuzfeuer erschossen zu werden.

Besonders betroffen von den Kämpfen zwischen der Armee und der paramilitärischen Gruppe Rapid Support Forces (RSF) waren weiterhin der Flughafen und das Generalkommando des Militärs in Khartum. Auch in anderen Teilen des Landes setzten sich die heftigen Gefechte fort.

Nach Angaben der UN gibt es in vielen Häusern seit Tagen keinen Strom oder fliessendes Wasser mehr. Tausenden Menschen gehen demnach Trinkwasser, Nahrungsmittel, Benzin und Medikamente aus. Die Gesundheitsversorgung sei so gut wie zusammengebrochen, sagte das sudanesische Ärztekomitee. Augenzeugenberichten zufolge liegen Leichen auf den Strassen der Hauptstadt. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stieg die bislang bekannte Zahl der Toten auf rund 330. Rund 3200 Menschen seien verletzt worden.

«Humanitäre Tragödie»

Die Welthungerhilfe hat aufgrund der anhaltenden Gefechte im Sudan vor einer «humanitären Tragödie» gewarnt. Am sechsten Tag der Kämpfe zwischen dem Militär und Paramilitär spitze sich die ohnehin schon schwierige Lage der Menschen weiter zu, teilte die Hilfsorganisation am Donnerstag mit.

Schon vor Ausbruch der Gewalt habe jeder Fünfte in dem nordostafrikanischen Land mit 46 Millionen Einwohnern Hunger gelitten, hiess es. Besonders dramatisch sei die Situation in der westlichen Region Darfur.

Der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Mathias Mogge.

«Den Familien gehen die Vorräte aus und die Wasserversorgung ist zusammengebrochen, doch jeder Gang vor die Tür ist lebensgefährlich. Zudem wurden Märkte niedergebrannt, und die Versorgungswege aus der Hauptstadt Khartum sind blockiert.»

Er ergänzt:

«Hunger darf nicht als Waffe eingesetzt werden.»
epa10578769 Sudanese children wait on a street while looking for drinking water after supplies were affected due to the ongoing fighting between Sudanese army and paramilitaries of the Rapid Support F ...
Diese Kinder versuchen, irgendwo Wasser aufzutreiben – die Trinkwasserversorgung ist durch die Kämpfe derzeit stark beeinträchtigt.Bild: keystone
epa10578770 Sudanese people walk with empty bottles and jerrycans while looking for drinking water after supplies were affected due to the ongoing fighting between Sudanese army and paramilitaries of  ...
Sudanesinnen mit leeren Wasserflaschen auf der Suche nach Trinkwasser.Bild: keystone

Mogge beklagte auch die Übergriffe auf Mitarbeiter von Hilfsorganisationen im Land. «Dass humanitäre Helferinnen und Helfer zur Zielscheibe werden, ist ein klarer Verstoss gegen internationales Recht», sagte er. Es brauche dringend eine Feuerpause, um humanitäre Korridore zu erstellen und die Sudanesen mit dem Nötigsten zu versorgen.

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef warnte, die eskalierende Gewalt gefährde Millionen von Kindern. Mindestens neun Kinder wurden Berichten zufolge bei den Kämpfen getötet und mehr als 50 verletzt. Zudem hätten die Kämpfe laut Unicef die lebensrettende Versorgung von etwa 50'000 akut unterernährten Kindern unterbrochen. Wegen landesweiten Stromausfällen seien kühlpflichtige Impfstoffe, Insulin und Antibiotika zerstört worden, teilte Save the Children mit.

Medizinische Vorräte gehen zu Neige

Mehrere Versuche, eine Feuerpause zu organisieren, scheiterten in den vergangenen Tagen. Die Bundesregierung musste eine Evakuierungsmission deutscher Staatsbürger mit Bundeswehrmaschinen aus dem Sudan wegen der Sicherheitslage am Mittwochnachmittag abbrechen.

Dem Krankenhaus in El Fasher in Nord-Darfur gingen die medizinischen Vorräte zur Behandlung von Patienten aus, sagte Ghazali Babiker, der stellvertretender Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen im Sudan, am Donnerstag. Da der umkämpfte internationale Flughafen in Khartum seit Samstag geschlossen sei, hätten keine medizinischen Hilfsgüter oder Operationsteams eingeflogen werden können. Die WHO rief die Konfliktparteien erneut mit höchster Dringlichkeit zu einem humanitären Waffenstillstand auf.

In dem seit Jahren politisch instabilen Land im Nordosten Afrikas kämpft die Armee seit Samstag gegen die einst verbündeten RSF um die Macht. In dem gold- und ölreichen Land mit rund 46 Millionen Einwohnern regiert seit 2019 eine militärische Übergangsregierung, die diesen Monat eigentlich einen Prozess zur Demokratisierung einleiten sollte.

(sda/dpa)

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