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Analyse

Leise, aber präzis – Friedrich Merz meistert den Balanceakt bei Trump

epa12792525 US President Donald Trump (R) and German Chancellor Friedrich Merz hold a bilateral meeting in the Oval Office at the White House in Washington, DC, USA, 03 March 2026. EPA/SAMUEL CORUM /  ...
Friedrich Merz beweist erneut Fingerspitzengefühl im Umgang mit dem impulsiven US-Präsidenten.Bild: keystone
Analyse

Leise, aber präzis – Friedrich Merz meistert den Balanceakt bei Trump

Iran-Krieg, Ukraine, Strafzölle: Beim 3. Treffen im Oval Office setzt der deutsche Kanzler Friedrich Merz auf eine leise, aber präzise Strategie im Umgang mit Präsident Trump.
04.03.2026, 06:2604.03.2026, 06:26
Florian schmidt und bastian brauns, washington
Ein Artikel von
t-online

Und dann sagt er doch etwas. Er wird sogar richtig deutlich, viel deutlicher, als es mancher vorab erwartet hatte von Friedrich Merz. Der deutsche Bundeskanzler sitzt am Dienstag (US-Zeit) neben Donald Trump in dem inzwischen sehr güldenen Büro des Präsidenten, dem Oval Office. Von einem Journalisten gefragt nach den wirtschaftlichen Auswirkungen des Iran-Kriegs sagt Merz:

«Ja, natürlich, das schadet unseren Volkswirtschaften.»

Das gelte für die Ölpreise und auch für Gaspreise. «Aus diesem Grund», so Merz weiter, «hoffen wir alle, dass dieser Krieg so bald wie möglich endet, dass die israelische und die amerikanische Armee die richtigen Dinge unternehmen, um das zu beenden. Damit eine neue Regierung übernimmt, die Frieden und Freiheit zurückbringt.»

Da ist er, der Satz, der hängen bleiben dürfte. Denn er steht sinnbildlich für Merz' Taktik im Umgang mit Donald Trump. Auch bei seinem dritten Oval-Office-Besuch scheint sie aufzugehen: Nicht konfrontieren oder widersprechen, sondern klare Ich-Botschaften setzen. Und dabei den US-Präsidenten mitdenken: Der nämlich dürfte ebenfalls wissen, wie gefährlich eine hohe Inflation im Jahr der Zwischenwahlen werden kann.

Bloss keine Konfrontation

Der Kanzler will den Präsidenten ins Boot holen. Und dafür verwendete er in Washington vor den Kameras, in Anwesenheit von Vizepräsident JD Vance, Aussenminister Marco Rubio und Finanzminister Scott Bessent, nur wenige Sätze. Die Bühne bespielt – wie immer – der US-Präsident vor allem selbst. Merz lässt es geschehen, ohne sich nach vorn zu drängen.

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Fast alles dreht sich um Trump: Die versammelte Runde im Oval Office.Bild: keystone

Trotzdem wirkt der Kanzler kaum wie ein Statist. Einmal mehr, wie schon beim Antrittsbesuch im vergangenen Juni, setzt er die richtigen Punkte an der richtigen Stelle. Und das, ohne die Stimmung zu gefährden. Trump, von mancher Frage wie so oft sichtlich genervt, schäkert sogar mit Merz, haut ihm freundschaftlich gegen das Bein, lacht, grinst, scherzt über Angela Merkel – was Merz mit einem Stoizismus quittiert, der auf deutsche Beobachter fast schon ironisch wirkt.

Der Kanzler ist in schwierigen Zeiten nach Washington gereist. Der Krieg gegen den Iran bestimmt in den USA die Agenda, die ursprünglich anvisierten Themen des Kanzlers – die Ukraine, der Zollstreit – waren in den vergangenen Tagen fast gänzlich in den Hintergrund gerückt.

Erschwerend kam für Merz hinzu: Es ist Trumps erster längerer Pressetermin seit Beginn der Militärschläge vom vergangenen Samstag. Mehr noch als sonst nutzen die amerikanischen Journalisten die Gelegenheit, um Trump zu löchern – und Merz blieb buchstäblich links liegen.

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Friedrich Merz verzieht im Oval Office kaum eine Miene während Trump von den Medien gelöchert wird.Bild: keystone

Der Kanzler vertritt seine Punkte klar

Doch Merz scheint das gar nicht so schlecht zu finden. Fast wirkt er unbeteiligt, jedoch im positiven Sinne. Während des schrillen Medien-Kreuzfeuers blickt er teils in die Luft, teils stiert er vor sich hin. Gelegentlich lächelt er, nickt, wägt zustimmend den Kopf. Trotzdem gelingt es ihm – neben dem Wunsch nach einem schnellen Ende des Iran-Kriegs – seine Standpunkte zu vertreten.

Deutlich spricht er den ungelösten Krieg in der Ukraine an, der Trump in seiner Stellungnahme zuvor nicht eine Silbe wert gewesen war. «Das ist ein Thema, über das wir sprechen müssen, denn wir alle wollen, dass dieser Krieg so schnell wie möglich beendet wird», sagt Merz. Es gebe eben noch andere Schurken auf der Welt und nicht nur Teheran. «Die Ukraine muss ihr Territorium und ihre Sicherheitsinteressen wahren», so der Kanzler.

President Donald Trump, right, talks with German Chancellor Friedrich Merz during a meeting in the Oval Office at the White House, Tuesday, March 3, 2026, in Washington. (AP Photo/Mark Schiefelbein)
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Bei der Ukraine wird Merz deutlich – und erntet kaum Widerspruch von Trump. Bild: keystone

Trump wirkt in diesem Moment so, als würde ihm das nicht so recht passen. Der Ukraine-Krieg ist ihm lästig, denn anders als er es grossspurig verkündet hat, kann er ihn nicht in einem Handstreich oder mit ein paar Luftschlägen lösen. Doch er schätzt den Bundeskanzler, den er auch dieses Mal im Blair House, dem Gästehaus des Weissen Hauses, übernachten liess. Und so ringt sich Trump zur Ukraine immerhin, ein mürrisches «Das ist richtig. Wir werden darüber reden» ab. Später beteuert er auf Nachfrage noch, wie sehr die Ukraine Priorität hätte.

Schmeicheln, aber zielgerichtet

Blitzschnell reagiert Merz in diesem Moment und bedankt fast überschwänglich für die ehrenvolle Übernachtungsmöglichkeit. Das Blair House liegt nur rund 100 Meter vom Schlafzimmer des US-Präsidenten entfernt. Was für ein tolles Haus das sei, sagt Merz. So viele Staatsoberhäupter hätten darin schon geschlafen. Trump wirkt besänftigt und sagt: «Ja, ein sehr berühmtes Haus.»

Auch die unklare Lage bei den Zöllen bringt der Kanzler zur Sprache. Trump hatte nach dem Urteil des Supreme Court, das gegen seine Notstandsgesetzgebung erging, der ganzen Welt und damit auch Europa gedroht: 15 Prozent Extra-Zölle, begründet auf einem anderen Gesetz, will der US-Präsident auf importierte Waren erheben. «Wir werden über ein paar grossartige Handelsverträge sprechen», hatte Trump in seinem Eingangsstatement geprahlt. Merz weiss, dass das gar nicht so einfach wird.

Dann verfällt Trump in Übermut

Zu Beginn des Treffens wirkt Trump neben Merz beinahe so, als wäre ihm der Termin fast ungelegen. Müde und wenig enthusiastisch beantwortet er Frage um Frage. Angesichts der Iran-Probleme, die ihm innenpolitisch immer mehr zusetzen, würde er womöglich am liebsten auch anderes tun, als sich zu rechtfertigen. Doch mit dem Kanzler an seiner Seite kommt Trump im Laufe der rund 40 Minuten immer mehr in Fahrt. Bis ihn der berüchtigte Übermut packt, der ihm die nächsten Schlagzeilen sichert.

Trump wütet plötzlich gegen das sozialistisch regierte Spanien als unzuverlässigen Partner und droht damit, jeglichen Handel mit dem Land aufzukündigen. Der Grund: Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez weigert sich, die erhöhten Verteidigungsausgaben für die Nato zu erreichen. Für den überzeugten Europäer Merz wird es hier heikel, immerhin greift Trump hier ein wichtiges EU-Mitglied an. Und auch gegen Grossbritannien schiesst Trump scharf. «Sie sind sehr unkooperativ und zerstören Beziehungen», wettert er.

Spain's Prime Minister Pedro Sanchez speaks during a panel discussion at the Munich Security Conference in Munich, Germany, Saturday, Feb. 14, 2026. (AP Photo/Michael Probst)
Pedro Sanchez
Der spanische Ministerpräsident hat bei Trump einen wesentlich schwereren Stand als Friedrich Merz.Bild: keystone

Der Kanzler wird in diesem Moment wissen, dass die USA in Handelsfragen so kaum mit einem einzelnen EU-Mitglied umspringen können. Und so lenkt Merz dann auch die Nachfrage eines deutschen Journalisten zu Trumps Strafandrohung gegen Spanien elegant um. Wieder setzt er eine Ich-Botschaft. Er werde Spanien versuchen zu überzeugen, seinen Beitrag wie alle verpflichtend zu leisten. Auf Trumps Drohung geht er gar nicht ein, obwohl er explizit danach gefragt wurde. In der Höhle des Löwen ist das zumindest nicht verkehrt.

Als die Kameras später nicht mehr dabei sind, macht Merz dem Präsidenten klar, dass Einzelbestrafungen von EU-Mitgliedern nicht erfolgreich sein würden. So zumindest erzählt er es später. Denn diese Diskussion habe er nicht in der Öffentlichkeit vertiefen wollen. Auch Grossbritanniens Premierminister Keir Starmer nimmt er demnach gegenüber Trump in Schutz. Denn der würde einen unschätzbar grossen Beitrag, gerade in der Ukraine, leisten.

Routine als bestes Ergebnis

Anders als der Antrittsbesuch vom vergangenen Jahr hat dieses Treffen den Charakter eines Arbeitstreffens. Merz betrat den Amtssitz von Trump dieses Mal darum auch durch den Hintereingang von der Südseite her – abseits der Presse, ohne glamouröse Bilder, mit freundlichem Händeschütteln und den zahlreichen Standarten im Hintergrund. Das amerikanische Protokoll hält das Treffen mit dem Bundeskanzler dieses Mal auch optisch knapper.

Das muss nichts Schlechtes bedeuten. Das Treffen wirkt am Ende wie die Routine zwischen zwei Politikern, die sich inzwischen relativ gut kennen und einander einschätzen können. Merz lässt Trump den Raum, den der US-Präsident für sich einfordert. Und der wiederum lässt dem Kanzler seine klaren Worte und vorgetragenen Wünsche durchgehen, ohne sich brüskiert zu fühlen.

Aber was kann der Kanzler sich von diesem gerade mal 20 Stunden dauernden Verständigungstrip kaufen? Als Merz das Weisse Haus nach einem gemeinsamen Mittagessen mit Trump verlässt, tritt er vor die mitgereisten Journalisten. Der Ort wirkt symbolträchtig ausgewählt. Merz steht vor grossen Panoramafenstern im 9. Stock eines Gebäudes an der Constitution Avenue. Hinter ihm blickt man auf das parlamentarische Herz der amerikanischen Demokratie, das Kapitol, in dem der US-Kongress tagt. Gerade in den für Deutschland heiklen Zollfragen hat das oberste amerikanische Gericht die Rechte des Parlaments zuletzt gestärkt.

Die heiklen Fragen bleiben

«Wir wollen jetzt nach dem Urteil des Supreme Court eine faire, dauerhafte Verständigung», sagt Merz. Ein Abkommen, das den transatlantischen Handel stärker belasten würde als die schon getroffene Vereinbarung vom August des vergangenen Jahres, stünde für die Europäische Union und ihn persönlich nicht zur Debatte. «Das weiss man in Washington auch», so der Bundeskanzler. Auf europäischer Seite sei hier ganz klar «eine Grenze erreicht.»

Um die tiefe Verbundenheit mit Amerika, gerade in Handelsfragen, zu illustrieren, hat er Trump auch dieses Mal ein Geschenk mitgebracht, verrät der Kanzler. Letztes Mal war es die deutsche Geburtsurkunde seines Grossvaters. Jetzt war es eine gerahmte Kopie des ersten Handelsabkommens zwischen dem damaligen Preussen und der gerade erst gegründeten, unabhängigen, amerikanischen Nation aus dem Jahre 1785. Merz sagt, er habe Trump diese handelspolitische Erinnerungshilfe «mit einem Augenzwinkern» überreicht. Ob diese kleinen Geschenke auch diese komplizierte transatlantische Freundschaft erhalten, muss sich aber erst noch zeigen.

Washington, D.C., USA, 03.03.2026: Wei�es Haus: Besuch beim US-Pr�sidenten: Donald Trump und Bundeskanzler Friedrich Merz CDU *** Washington, D C , USA, 03 03 2026 White House visit to US President Do ...
Merz brachte Trump erneut ein symbolträchtiges Geschenk ins Weisse Haus mit.Bild: www.imago-images.de

Merz: Ukraine-Frieden nur mit Europa

Beim Thema Ukraine könnte all das noch schwieriger werden. Merz sagt:

«Präsident Trump weiss, nur ein Frieden, den Europa mitträgt und legitimiert, kann von Dauer sein.»

Ob der US-Präsident aber dementsprechend handeln wird, weiss man eben nicht.

Merz' Routine-Rezept dazu: Man werde das persönliche Gespräch weiter fortsetzen, ob beim nächsten G7-Treffen in Frankreich oder in Form von geführten Telefonaten. Es ist in diesen Zeiten und mit diesem Präsidenten wohl das einzige Mittel für ein wenig Stabilität.

Verwendete Quellen:

  • Beobachtungen, Gespräche und Recherchen vor Ort
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