International
Analyse

Weidel behauptet, Hitler war Kommunist – weshalb das Quatsch ist

epa11818206 Alternative for Germany (AfD) party and faction co-chairwoman and top candidate for the federal election Alice Weidel attends the party's federal conference in Riesa, Germany, 11 Janu ...
Alice Weidel behauptet, Adolf Hitler sei ein Sozialist gewesen – dabei liess dieser Sozialisten reihenweise ermorden.Bild: keystone
Analyse

Weidel sagt, Hitler sei ein Linker gewesen – weshalb das Quatsch und entlarvend ist

Dariusch Rimkus
Adolf Hitler sei ein Linker, ein Kommunist und Sozialist gewesen, behauptet AfD-Chefin Alice Weidel. Weshalb diese Aussage falsch, gefährlich und entlarvend ist.
13.01.2025, 11:1813.01.2025, 13:28

Wundert man sich in Zeiten des hoch professionalisierten Rechtspopulismus noch über irgendetwas? Über die FPÖ, die die Wahlen in Österreich trotz grosser Skandale gewinnt? Über Donald Trump, der Grönland den USA einverleiben will? Über Alice Weidel, Chefin der in Teilen rechtsextremen AfD, die meint, Hitler war ein Linker, der Nationalsozialismus war links und linke Demonstrierende wiederum sind Nazis?

Natürlich sind letztere Aussagen in der AfD bei Weitem nichts Neues. Doch dass die – in ganz grossen Anführungszeichen – «gemässigte» Chefin und nun auch Kanzlerkandidatin der Partei so offen radikal geschichtsrevisionistisch ist, das überrascht dann schon.

Dennoch drohen ihre Lügen aus dem Interview mit dem rechten Milliardär und X-Besitzer Elon Musk sowie vom jüngsten Parteitag in Riesa bei vielen Wähler:innen zu verfangen.

Daher lohnt sich die Frage, was die Nazis und Hitler wirklich mit links und vor allem rechts am Hut hatten – und was Weidel mit ihrem Lügenkurs bezweckt.

Was hat AfD-Chefin Alice Weidel gesagt?

Zunächst wäre da das «Interview» mit Tech-Milliardär Elon Musk. Die kostenlose Wahlwerbung in Form eines Kollegengesprächs zwischen zwei rechten Verschwörungstheoretiker:innen nutzte Weidel, um in feinstem Denglisch den entscheidendsten Teil der deutschen Geschichte zu verdrehen.

Sie sagte beim live auf X übertragenen Gespräch am Donnerstag, Adolf Hitler sei doch eigentlich ein Linker gewesen, ein Kommunist. Zudem nannte sie die «Nationalsozialisten, wie das Wort schon sagt, Sozialisten». Das muss man als Deutscher, der oder die in der Schule Geschichtsunterricht hatte, erstmal sacken lassen.

Ach ne, sacken lassen geht nicht – denn Weidel legte am Samstag beim AfD-Parteitag in Riesa, wo sie zur ersten Kanzlerkandidatin der Partei gekürt wurde, direkt nach. Linke Demonstrierende hatten versucht, den Parteitag zu verhindern oder zumindest zu behindern und erwirkten mit Blockaden gar eine Verspätung der Veranstaltung um zwei Stunden. Weidel nannte diese eindeutig linken Socken «rot lackierte Nazis».

Warum waren Hitler und die Nazis rechts, nicht links?

Das Wort Nazis ist bekanntlich kurz für Nationalsozialisten. Letzterer Begriff kann schonmal verwirren. Stefanie Schüler-Springorum, Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung, stellte gegenüber dem ZDF klar:

«Die NSDAP trug zwar das 'sozialistisch' im Namen, vertrat aber keine sozialistischen Ideen.»

Weidels Verdrehung sei dementsprechend «sachlich falsch» und «schlicht Unsinn». Schon im Grundsatz leiten die politische Rechte und die politische Linke zwei entgegengesetzte Welt- und Menschenbilder, wie auch der Grazer Historiker Werner Suppanz in der «Tagesschau» nach dem Weidel-Talk mit Musk erklärte:

«Die nationalsozialistische Weltanschauung beruht in ihrem Kern auf der Ungleichwertigkeit der Menschen, welche schlussendlich zum Holocaust führte. Im Gegensatz dazu verfolgten linke Ideologien wie Sozialismus und Kommunismus ein Gleichheitsideal.»

Das ist eine der klassischen Unterscheidungen zwischen links und rechts. Juden etwa wurden arischen Deutschen gegenüber als ungleich angesehen, wodurch ihre massenhafte und systematische Ermordung gerechtfertigt wurde.

Alfred Rosenber (l.), Adolf Hitler
Adolf Hitler und die Nazis hielten nicht viel von der Vorstellung, dass alle Menschen im Grunde gleich seien.Bild: Getty Images

Historiker Udo Grashoff vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung erklärte gegenüber dem ZDF zudem, warum Hitlers Partei, die NSDAP, auch aus wirtschaftlicher Sicht «weder links noch kommunistisch» war:

«Die Nazis haben die kapitalistischen Grundstrukturen der Wirtschaft nicht verändert, nur in die Kriegswirtschaft eingespannt.»

Und ganz generell, das betonen Schüler-Springorum als auch Grashoff, waren gerade Sozialist:innen und Kommunist:innen die ersten Opfer, die von den Nazis verhaftet und ermordet wurden.

Was bezweckt Weidel mit ihren Aussagen?

AfD-Chefin und -Kanzlerkandidatin Alice Weidel bezweckt nach einhelliger Meinung von Expert:innen vor allem eines: sie will sich und ihre Verbündeten vom Vorwurf des Nazi-Gedankentums befreien. Die AfD, die Rechten, die sollen ohne Schuld dastehen.

«Die AfD-Vorsitzende versucht, den Rechtsextremismus von der Schuld der Shoah reinzuwaschen, indem sie Hitler als Kommunisten bezeichnet», schrieb etwa der Historiker und Direktor der KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner auf Bluesky. Auch Historiker Michael Wolffsohn analysierte in der «Bild»:

«Alice Weidel will mit dieser Finte ihre eigene Partei vom Verdacht reinwaschen, sozialistisch oder nationalsozialistisch zu sein.»

Doch ironischerweise nutzt Weidel genau mit dieser Verdrehung einen rhetorischen Kniff – oder auch: «PR-Trick» – der Nazis, wie Wolffsohn weiter erklärte:

«Sie gibt sich nationalistisch und verbreitet zugleich den Eindruck, Politik 'für den kleinen Mann' zu machen.»

In jedem Fall nähert sich Weidel mit diesen Aussagen dem Ton den Rechtsaussen ihrer Partei an. Von «gemässigt» kann bei dieser für Weidel in dieser Dimension neuen Geschichtsvergessenheit wohl keine Rede mehr sein. Beim Parteitag am Samstag öffnete sie sich auch gegenüber dem Deportations-Begriff «Remigration», kündigte zudem an, dass alle Windräder abgerissen und Gender Studies verboten werden sollten.

Weidel entlarvt sich mit «rot lackierten Nazis»

Dann wären da noch die von Weidel als «rot lackierte Nazis» beschimpften Demonstrierenden. 12'000 Menschen machten sich nach Angaben eines Aktionsbündnisses auf den Weg, um gegen den AfD-Parteitag in Riesa zu protestieren.

Dass Weidel diese als versteckte Nazis verhöhnt, offenbart alleine schon, wie wenig die AfD-Chefin in ihrer wirren Erzählung auf Logik gibt: Linke werden seit Jahrzehnten schon mit der Farbe Rot assoziiert, sowohl von sich selbst als auch von politischen Gegnern.

Wenn Weidel nun also sagt, die Menschenmenge seien «rot lackierte Nazis», würde das bedeuten, dass die Demonstrierenden so tun, als wenn sie links sind, obwohl sie in echt Nazis sind. Doch genau diese Nazis sollen doch, wie wir in Weidels Talk mit Musk gelernt haben, in Wahrheit links (= rot) gewesen sein.

Man könnte meinen, dass in dieser Gleichung also irgendetwas nicht stimmen mag. Doch wer braucht die schon, wenn er oder sie stattdessen auf PR-Tricks der Nazis zurückgreifen kann?

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Die Brandmauer hat Risse – wie die Koalition von Friedrich Merz
Der neuste AfD-Schock im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt bringt die Berliner Regierung von Union und SPD weiter in Bedrängnis. Den Bruch verhindert nur die Angst vor Neuwahlen.
In Berlin traf sich am Mittwochabend der Koalitionsausschuss mit den Spitzen von CDU, CSU und SPD. Es war die erste Sitzung nach der Sommerpause. Und den drei Landtagswahlen im Osten Deutschlands, die der AfD starke Zugewinne und vor allem der CDU von Bundeskanzler Friedrich Merz hohe Verluste beschert hatten.
Zur Story