Putin fürchtet Attacken: Den Ukrainern gelingt «zweites Wunder»
Die Nachricht der ukrainischen Drohne, die am Sonntag ein Luxus-Hochhaus in einem gehobenen Moskauer Wohnviertel traf, kam für Wladimir Putin zur Unzeit. Keine zehn Kilometer vom Kreml entfernt war das Geschoss niedergegangen und hatte das Gebäude erheblich beschädigt. Zwei weitere Drohnen waren laut des Bürgermeisters der Stadt, Sergej Sobjanin, noch rechtzeitig abgefangen worden. Auch über anderen russischen Regionen flogen ukrainische Drohnen, in der Nacht zu Montag laut Auskunft des russischen Verteidigungsministeriums insgesamt 117, davon 60 allein in der Region St. Petersburg, der Heimat von Kremlherrscher Putin.
Die massiven Angriffe auf das russische Staatsgebiet erfolgen kurz vor einem für das Land bedeutenden Datum: Am 9. Mai feiert Russland das Ende des Zweiten Weltkriegs und den Sieg über Nazi-Deutschland. Der Feiertag, traditionell mit einer pompösen Militärparade begangen, zählt zu den wichtigsten im russischen Kalender. Er ist Teil der Identität des Riesenreichs.
Für Machthaber Putin sind die Drohnenangriffe im Herzen seines Landes mehr als ein Ärgernis. Sie sind ein Zeichen dafür, dass im fünften Jahr des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges keineswegs alles nach Plan läuft, wie der Kreml nicht müde wird, den Menschen in Russland zu versichern.
Putin droht Ukraine mit Vergeltung
So hält die österreichische Zeitung «Der Standard» fest: «Putin bekommt es mit der Angst zu tun. Nicht nur vor Drohnen, sondern auch vor seinem eigenen Volk.» Die Ukraine hingegen habe mit ihrer extensiven Drohnenstrategie «voll ins Schwarze getroffen». Seit Monaten schon greift Kiews Militär wichtige Punkte von Putins militärischer Infrastruktur an, darunter wiederholt auch Anlagen zur Ölproduktion, die für den Treibstoffnachschub der Armee von grosser Bedeutung sind. Aber eben auch Metropolen wie Moskau oder St. Petersburg.
Schon in der vergangenen Woche hatte das russische Verteidigungsministerium daher angekündigt, dass die Parade zum Jahrestag am 9. Mai dieses Mal deutlich kleiner ausfallen wird. Auch sollen dabei keine gepanzerten Fahrzeuge und Raketensysteme gezeigt werden – zum ersten Mal seit 2008. Am Montag hiess es dann aus dem Kreml, es solle an der Front in der Ukraine eine Feuerpause und um die Feier zum Gedenken an das Weltkriegsende am 8. und 9. Mai geben. Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte in der vom russischen Staat unterstützten Nachrichtenapp Max, die Feuerpause sei auf Anordnung des russischen Präsidenten initiiert worden, der auch Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist.
Zugleich drohte das russische Verteidigungsministerium mit einem Vergeltungsangriff auf das Stadtzentrum von Kiew, sollte die Ukraine die Feuerpause brechen. «Sollte das Kiewer Regime versuchen, seine kriminellen Pläne zur Störung der Feierlichkeiten zum 81. Jahrestag des Sieges im Grossen Vaterländischen Krieg umzusetzen, werden die russischen Streitkräfte einen massiven Vergeltungsraketenangriff auf das Zentrum von Kiew starten», erklärte das Verteidigungsministerium auf Max.
Kiew: Drohnen «über dem Roten Platz»
Das Ministerium wies insbesondere «die Zivilbevölkerung von Kiew» und «Beschäftigte ausländischer diplomatischer Missionen» darauf hin, dass sie «rasch das Stadtzentrum verlassen» müssten.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte zu der russischen Ankündigung, bislang habe sein Land «keine offizielle Anfrage» zu einer Einstellung der Kampfhandlungen erhalten. Diese werde lediglich «auf russischen Online-Netzwerken behauptet». Zu den russischen Plänen fügte er an, es sei «nicht seriös», einen Waffenstillstand zu vereinbaren, um Russland die Feier dieses Tages zu ermöglichen. Moskau befürchte, dass ukrainische Drohnen in der Hauptstadt «über dem Roten Platz schwirren» könnten.
Die verbale Auseinandersetzung sagt viel über die derzeitigen Machtverhältnisse in dem Konflikt aus. Selenskyj kann es sich leisten, die Waffenstillstandsofferte aus Moskau demonstrativ ins Reich der Fabel zu verweisen und stattdessen mit einer eigenen Ankündigung zu kontern. «Wir verkünden eine Waffenruhe, beginnend ab 0.00 Uhr (23 Uhr MESZ) in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai», teilte Selenskyj mit. Sollte sich die russische Seite nicht ebenso daran halten, werde Kiew spiegelbildlich reagieren. Eine zeitliche Begrenzung für die Waffenruhe nannte er dabei nicht.
Ukraine erobert Territorium zurück
Die Ankündigung der Ukraine ist wohl auch als Antwort darauf zu verstehen, dass Putin und US-Präsident Donald Trump bereits in einem Telefonat Ende April über eine Waffenruhe für den 9. Mai gesprochen hatten. Beide Seiten nahmen die Initiative anschliessend für sich in Anspruch. Die Ukraine war in die Gespräche – wieder einmal – nicht eingebunden. Selenskyj verlangte nach dem Telefonat von Trump und Putin daher auch Details zu deren Absprachen, schliesslich war es die Regierung in Kiew, die sich zuvor schon mehrfach für einen dauerhaften Waffenstillstand und einen anschliessenden dauerhaften Friedensschluss ausgesprochen hatte.
Doch die Ukraine scheint weder in Washington, D.C. noch in Moskau ernst genommen zu werden. Sehr wohl Aufmerksamkeit dürfte im Kreml dagegen die Tatsache erregt haben, dass Russland an der Front in der Ukraine im vergangenen Monat bedeutende Netto-Gebietsverluste erlitten hat. Erstmals seit fast drei Jahren.
Wie aus einer Analyse der Nachrichtenagentur AFP auf Grundlage von Daten des US-ansässigen Institute for the Study of War (ISW) hervorgeht, verlor die russische Armee im April unter dem Strich die Kontrolle über rund 120 Quadratkilometer ukrainischen Territoriums. Insgesamt gewann die Ukraine demnach die Kontrolle über rund 0,02 Prozent ihres Staatsgebiets zurück. Der Ukraine gelang es laut den ISW-Daten, an mehreren Frontabschnitten vorzurücken. In den drei ostukrainischen Regionen Saporischschja, Charkiw und Donezk gewannen die Soldaten demnach jeweils rund 40 Quadratkilometer Gebiet zurück. Allerdings rückten Putins Truppen in der Gegend um die Grossstadt Kramatorsk in der Region Donezk vor.
Knirschen und Knacken in Putins Reich
«Die Ukraine hat eine Formel gefunden, wie sie den Vormarsch der Russen unterbinden kann», sagte der österreichische Oberst Marcus Reisner «ntv.de». «Das gelingt ihr mit dem massiven Einsatz von Drohnen, die kleinste Stosstrupps aufklären und neutralisieren können.» Zwar würden Putins Truppen nach wie vor in unverminderter Intensität angreifen, doch sei den Ukrainern ein regelrechtes «zweites Wunder» geglückt, indem sie die russischen Attacken trotz des bislang schwersten Kriegswinters weiterhin zurückschlagen konnten. Unter dem «ersten ukrainischen Wunder» wird oft die erfolgreiche Verteidigung von Kiew und die Abwehr des russischen Angriffs in den ersten Wochen nach dem 24. Februar 2022 verstanden.
«Der Soldatenmangel bleibt ein Problem und der russische Druck immens. Aber man erkennt sehr wohl das Knirschen und Knacken auf der russischen Seite», so Reisner zur aktuellen Lage an der Front.
Ein Knirschen und Knacken lässt sich auch weit entfernt von der Front vernehmen. In Russland selbst wird der Unmut gegenüber dem Alleinherrscher Putin allmählich grösser. Dazu hatten zuletzt vor allem die rigiden Internetsperren für Russlands Bürger beigetragen. Die Regierung kündigte nun an, dass diese auch für die anstehenden Maifeierlichkeiten gelten würden. Unter anderem sollen Medienberichten zufolge mobile Internetverbindungen in der russischen Hauptstadt über die kommenden Tage nur eingeschränkt funktionieren.
Dies könnte – mehr noch als die schleppenden Erfolge an der Frontlinie und der Einbruch der wirtschaftlichen Daten – laut Beobachtern für den Kremlautokraten zum Problem werden. «Hatten die meisten die horrenden Opferzahlen [des Krieges] bislang schulterzuckend hingenommen, könnte nun ausgerechnet Putins Vorgehen gegen den Messengerdienst Telegram, wo ungefilterte Informationen über die Situation im Land und an der Front zu lesen sind, zu Protesten in Russland führen», schreibt der «Standard». «Die jüngste Repressionswelle führt vor Augen, wie schlecht der Kreml die Probleme mittlerweile zu verschleiern vermag.»
Putin fürchtet offenbar Mordanschlag
Wie ernst Putin die Situation nimmt, zeigen auch die Berichte über wachsende Sicherheitsbedenken beim Machthaber. Wie internationale Medien berichten, soll der 72-Jährige sein Sicherheitspersonal aufgestockt haben. Auch sollen seine engsten Berater nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren dürfen, zudem wurden Überwachungssysteme an deren Domizilen angebracht, wie unter anderem CNN unter Berufung auf europäische Geheimdienstquellen berichtet.
Die drastisch erhöhten Sicherheitsmassnahmen gelten demnach auch für Köche, Bodyguards und Fotografen, die im Kreml arbeiten. Jeder, der zum Präsidenten wolle, müsse zwei Sicherheitschecks absolvieren. Auch dürften seine engsten Mitarbeiter nur noch Telefone ohne Internetverbindung im Regierungssitz verwenden.
Hintergrund der Massnahmen sind Befürchtungen Putins, er könne Opfer eines Mordanschlags werden. In den vergangenen Monaten hatte es in Russland mehrere Attentatsversuche auf hochrangige Militärs gegeben.
Verwendete Quellen:
- bbc.com: Ukrainian drone hits upmarket Moscow high-rise ahead of Victory Day celebrations
- derstandard.at: Putin hat immer mehr Angst vor seinem eigenen Volk
- ntv.de: "Wir haben ein zweites ukranisches Wunder erlebt"
- cnn.com: Unsettled Kremlin tightens security around Putin amid assassinations and coup fears, intel report says
- Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa und Reuters

