International
Angriff auf Paris

Die populärsten Antworten auf den Terror

Die derzeit 6 populärsten Antworten auf den Terror – und warum sie alle in die Sackgasse führen

19.11.2015, 09:4323.12.2022, 21:49
Kian Ramezani
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Die Anschläge in Paris haben klar gezeigt, dass der Islamische Staat (IS) kein lokales Problem (mehr) ist, sondern uns in Europa ganz direkt betrifft. Kaum jemand ist bereit, einfach zur Tagesordnung überzugehen. Wir müssen etwas tun. Die Frage ist, was. Hier eine Liste oft gehörter Ansätze – und warum sie kaum funktionieren dürften:

Mehr Bomben!

A frame grab taken from footage released by Russia's Defence Ministry October 22, 2015, shows a pilot of the Russian air force inside the cabin of a military jet during a sortie at an unknown loc ...
Bild: HANDOUT/REUTERS

Das Bedürfnis, auf Gewalt mit Gewalt zu reagieren, ist menschlich. Daran sollte sich erinnern, wer nach Rache sinnt und gleichzeitig den USA bis heute vorwirft, nach 9/11 überreagiert zu haben.

Frankreich lässt seine Luftwaffe seit den Anschlägen von Paris wieder vermehrt Angriffe gegen den IS in Syrien fliegen. Das beruhigt kurzfristig die Volksseele, aber niemand soll ernsthaft erwarten, dass der IS damit entscheidend geschwächt wird. Dafür bomben die USA, ab und zu ein paar Golfmonarchien sowie zuletzt Russland schon zu lange.

Bodentruppen!

U.S. Marine Corp Assaultman Kirk Dalrymple watches as a statue of Iraq's President Saddam Hussein falls in central Baghdad's Firdaus Square in this April 9, 2003 file photo. To match Special ...
Bild: GORAN TOMASEVIC/REUTERS

Wenn es Luftangriffe nicht richten, dann müssen eben doch Bodentruppen her, auch wenn dadurch die Wahrscheinlichkeit eigener Verluste dramatisch ansteigt. Stellenweise scheint das Tabu zu bröckeln. Und man soll es nicht versäumen, neben kulturfremden NATO-Soldaten auch lokale Kräfte am Kampf zu beteiligen.

Mit anderen Worten: ein konventioneller Krieg mit einheimischen Verbündeten. Die ernüchternden Beispiele Irak und Afghanistan mahnen zur Vorsicht: Alle Luftwaffen, US-/NATO-Bodentruppen, einheimischen Armeen und Geheimdienste dieser Welt waren dort bislang nicht in der Lage, nachhaltig Frieden und Stabilität zu schaffen. Vielleicht gibt es triftige Gründe, warum dasselbe Rezept in Syrien doch funktioniert. Wer sie kennt, möge vortreten.

Mehr Überwachung!

FILE - In this June 6, 2013 file photo, the National Security Agency (NSA) campus in Fort Meade, Md. The Justice Department is appealing a federal judge's opinion that says the NSA's bulk co ...
Bild: Patrick Semansky/AP/KEYSTONE

Europa müsse sich eingestehen, dass es ein «grosses Sicherheitsproblem» habe und «alle bisherigen Antworten darauf unzureichend» gewesen seien, schreibt NZZ-Chefredaktor und Geheimdienst-Fan Eric Gujer. Sein Ansatz: «Die enge Verzahnung von Polizei, Nachrichtendiensten und Armee bringt in der Epoche des globalen Dschihad die besten Resultate. Die Amerikaner haben so die Kaida zerschlagen.»

Wirklich? Die Führungsriege des IS ging bekanntlich aus al-Kaida im Irak (AQI) hervor. Wie es scheint, haben deren schlimmste Elemente die «Zerschlagung» durch die USA überlebt, sich einen neuen Namen zugelegt und lehren uns seither das Fürchten.

Grenzen zu!

epa04988827 Hungarian police officers stand guard in front of the iron gate between Hungary and Serbia during the official reopening of the Roszke-Horgos border crossing in Roszke, 180 kilometers sout ...
Bild: EPA/MTI

Machen wir uns nichts vor: Eine kriminelle Organisation von der Grösse und mit den Ressourcen des IS wird Wege finden, einzelne Leute – mehr braucht es für einen Terroranschlag nicht – nach Europa zu schleusen. Wenn er sich dabei für die Variante «als Flüchtling getarnter Terrorist» entscheidet, dann kaum aus Not, sondern mit Absicht: Das weitverbreitete Misstrauen gegenüber Flüchtlingen in Europa weiter zu schüren und Überreaktionen durch Bevölkerung und Behörden zu forcieren.

Dass Millionen Menschen dem «Kalifat» davonlaufen und anderswo ein besseres Leben aufbauen, passt nicht in die langfristigen Pläne des IS. Als sich die DDR mit dem gleichen Problem konfrontiert sah, baute sie die Mauer. Die Terroristen sind schlauer und perfider: Sie wollen, dass der Westen den Mauerbau für sie erledigt. Die Rechnung könnte aufgehen.

Integration!

FILE - In this Feb. 7, 2013 file photo, women walk in the streets of Montfermeil, outside Paris. French Prime Minister Manuel Valls shocked many this week by referring to a "territorial, social,  ...
Bild: Elaine Ganley/AP/KEYSTONE

Gewiss kein «quick fix», aber ein vielversprechender Ansatz: Arbeit, Perspektiven und letztlich westlich-humanistische Werte in die Banlieues, die Ghettos, und die Parallelgesellschaften in den Städten Europas bringen und damit dem Terrorismus den Nährboden entziehen. Allerdings sind längst nicht alle Terroristen Verlierer, die es im Westen nicht geschafft haben und deshalb für die Heilversprechen des IS besonders empfänglich wären.

Wie der deutsche IS-Kenner Jürgen Todenhöfer gegenüber watson erklärte, ist der Lockruf des «Kalifats» derart mächtig, dass ihm auch vordergründig erfolgreiche Menschen erliegen. Dass Armut und Terrorbereitschaft nicht miteinander korrelieren, belegen zudem zahlreiche Studien.

Öl-/Geldhahn zu!

DEREK, SYRIA - NOVEMBER 14: A truck prepares to dump the dregs of oil refined into diesel fuel on November 14, 2015 near Derek, in Rojava, Syria. The predominantly Kurdish autonomous Rojava region of  ...
Bild: Getty Images Europe

Eine Lösung, dem Terror indirekt den Garaus zu machen: Die Ölförderungsanlagen unter Kontrolle des IS zerstören und ihm so den Geldhahn zudrehen. Oder noch nachhaltiger: Alternative Energiequellen erschliessen und gar kein Öl mehr importieren. Allerdings ist der IS-«Staatshaushalt» im Vergleich mit anderen Ländern in der Region wesentlich diversifizierter und keineswegs einseitig vom Ölhandel abhängig. Entführungen/Lösegeld, illegaler Antiquitätenhandel, Steuern und Spenden spülen Millionen in die Kriegskasse der Barbaren.

Im Übrigen: Sollte sich der Westen dereinst tatsächlich aus der Öl-Abhängigkeit befreien, dürften einige Golfstaaten, die schon heute unter dem tiefen Ölpreis ächzen, vollends kollabieren. Ob Saudiarabien als «failed state» der Terrorgefahr zu- oder abträglich ist, sei einmal dahingestellt.

Ratlosigkeit?

Der Westen muss etwas tun. Was? Ich gestehe offen, ich weiss es nicht. Die oben aufgeführten, derzeit intensiv gehandelten Ansätze, taugen nicht. Vielleicht eine kompromisslose Kombination davon, was in ungefähr dem «Israel»-Ansatz entspräche: Abgesehen von kruden Messerattacken ist es dem jüdischen Staat weitgehend gelungen, Terroranschläge auf seinem Territorium zu unterbinden. Dafür bezahlt das Land einen hohen Preis: Grenzzäune, Armee und Polizei, wohin das Auge blickt. Gigantische Geheimdienst-Strukturen. Dauerhafte Besatzung. Unvorstellbar, dass ein westeuropäisches Land diesen Weg wählt.

«Ich habe die FLN im Algerienkrieg gesehen. Ich habe mit Al-Kaida und den Taliban gesprochen. Aber ich habe noch nie so etwas Machtvolles wie den IS gesehen, diese Kombination aus Fanatismus und vorzüglicher militärischer Ausbildung.»
Jürgen Todehöfer

Wen diese Analyse ratlos zurücklässt, befindet sich in guter Gesellschaft: US-Präsident Obama, nominell der weltweit mächtigste Mann, hat keinen Plan gegen den IS. Jürgen Todenhöfer, renommierter Terrorismus-Experte und intimer IS-Kenner, erstarrt in Ehrfurcht vor dem Phänomen. Wer einen einfachen Weg sieht, den IS zu zerstören, begeht den fatalen Fehler, ihn zu unterschätzen. Wenigstens das sollte uns nach Paris nicht mehr passieren.

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66 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Tepesch
19.11.2015 10:04registriert Oktober 2015
Ohne militärisches Eingreifen wird sich der Daesh nicht besiegen lassen. Aber dabei müssen Kollateralschäden vermieden werden und jeder Kriegsgefangene muss einen ordentlichen Prozess erhalten. Wir müssen zeigen, dass wir nicht die gleichen, von Hass getriebenen, Monster sind.

Gleichzeitig müssen wir unsere Vorurteile ablegen. Und zwar alle. Bücher soll man nicht nach ihrem Einband beurteilen und gleiches gilt für Menschen. Einzig unsere Taten zählen.

Wenn wir uns gegenseitig respektieren und eine Chance geben, dann werden sich auch weniger ausgeschlossen fühlen und sich in Extreme flüchten.
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Denkmal
19.11.2015 11:41registriert November 2015
Es braucht eine vollständige Säkularisierung der Gesellschaft. Die Wissenschaft der letzten 2000, v.a. aber die der letzten 200 Jahre und die Vernuft - sofern ausreichend vorhanden - sollten uns eigentlich längst klar gemacht haben:
Gott oder Allah oder wie auch immer man "es" nennen mag, sind bloss menschliche Erfindung und vor dem Auftauchen von uns Hominiden in der Erdgeschichte hat keine Seele auch nur einen Gedanken daran verschwendet.
Alle "heiligen" Bücher sind voller Lügen und müssen endlich kritisch hinterfragt anstatt als gottgegeben hingenommen werden. "Glauben" = "NICHT WISSEN" !
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Triumvir
19.11.2015 10:35registriert Dezember 2014
Dieser Terrorstaat kann nur durch eine KOMBINATION sämtlicher oben genannter Massnahmen bekämpft werden. Und es braucht dazu namentlich auch die Zusammenarbeit aller zivilisierten Staaten, die ihre Freiheit verteidigen und die Sicherheit ihrer Bürger gewährleisten wollen und müssen. Erstarren in Ehrfurcht ist da wohl kaum ein taugliches Mittel. Zudem noch nie konnte ein Terrorstaat langfristig existieren, vor allem dann nicht, wenn ihn eine Koalition zvilisierter Staaten entschlossen bekämpft hat. Da genügt ein Blick in unsere Geschichte. Daesh hat keine Zukunft und das ist gut so!
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Nach der Bundeshaus-Schleglete hauen in der Bürgenstock-«Arena» alle auf die SVP ein
Peinlich für das Parlament, ja die ganze Schweiz, ist der Eklat im Bundeshaus diese Woche gewesen, finden von FDP bis Grüne alle in der «Arena» zur Ukraine-Friedenskonferenz. Warum man den Fernseher trotzdem mit einem stolzen Gefühl ausschalten konnte.

Was für eine wunderschöne Sendung! Als Schweizerin konnte man (mit einer kleinen Ausnahme) beim Schauen der SRF-«Arena» endlich mal wieder Stolz empfinden. Dieser Stolz kam nicht nur aufgrund des hochkarätigen Line-Ups des Abends auf, das wie folgt aussah:

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