Trumps Krieg im Iran: Weshalb der wahre Preisschock noch bevorsteht
Donald Trump hat vor seinem Angriff auf den Iran nicht gewusst, wie wichtig die Strasse von Hormus ist. Der US-Präsident hat wiederholt behauptet, bei einer allfälligen Sperre der Strasse könne man immer noch auf Erdöl aus Venezuela zurückgreifen. Dabei fördert Venezuela etwa 20 Mal weniger Öl, als durch die Strasse von Hormus verschifft wird. Der Ökonom Paul Krugman folgert daraus:
Nun erhält Trump vom Iran eine Lehrstunde über die Strasse von Hormus. Die ganze Welt, auch die Schweiz, muss mit ihm lernen. Wenn der Krieg nicht bald endet, wird die US-Wirtschaftsexpertin Catherine Rampell mit ihrer Prognose recht behalten:
Da ist der Erdölmarkt, dem laut der Internationalen Energieagentur der «grösste Schock seiner Geschichte» droht. Derzeit liegt der Preis wieder nahe bei 100 Dollar. Trump hat versucht, den Preis zu drücken. Er hat dem Iran gedroht, hat behauptet, der Krieg sei bald vorbei – es hat bisher alles nichts geholfen. Der Iran hat mittlerweile 16 Tanker getroffen, der Verkehr auf der Strasse von Hormus liegt mehr oder weniger still.
Mit dem Erdöl werden natürlich Benzin, Heizöl oder Kerosin teurer. Aber das sind nur die offensichtlichsten Beispiele. Es gibt, wie Catherine Rampell festhält, unzählige Konsumgüter, die petrochemische Stoffe als Ausgangsstoffe enthalten. Dazu gehören Kleidung, iPhones, Süssigkeiten, Zahnersatz, Spülmittel, Fussbälle, Shampoo, Zahnpasta, Lippenstift, Plastikspielzeug, Müllsäcke, Regenschirme, Reifen. Und, und, und. Alles in allem sind es über 6000 Alltagsprodukte.
Laut einem US-Analysten werden solche Produkte nicht sofort teurer, aber mit der Zeit schon, falls der Krieg noch ein oder zwei Monate andauern sollte. Und Erdöl ist noch über einen weiteren Kanal in den Preisen unzähliger Produkte enthalten: Weil es nach wie vor für den Transport vieler Waren per Lastwagen gebraucht wird.
Bis zu 50 Prozent der Ernten könnten ausfallen
Aber Erdöl ist nicht der einzige globale Markt, der durch die iranische Sperre durcheinander gebracht wird. Zwei Drittel aller Schiffe, welche täglich durch die Strasse von Hormus passieren, haben Rohöl geladen, raffiniertes Öl oder Flüssigerdgas. Auf dem übrigen Drittel wird Kohle befördert, Eisen, Aluminium, Getreide oder tropische Früchte aus Südasien – vor allem aber sehr viel Düngemittel.
Über die Strasse von Hormus wird etwa ein Drittel des weltweit auf dem Seeweg transportierten Düngemittels befördert. Die Staaten am Persischen Golf liefern bei zwei wichtigen Pflanzennährstoffen um die 30 beziehungsweise fast 50 Prozent des weltweiten Angebots. Mit der Sperre fällt dieses Angebot weg. Die Preise einiger Düngemittel sind deshalb bereits um 50 Prozent angestiegen. Das wiederum hat bereits die Preise vieler Getreidesorten hochgetrieben, wie Mais oder Weizen.
Für manche Bauern könnte gerade «die schlimmste Krise aller Zeiten» beginnen, so die Nachrichtenagentur «Bloomberg». Nicht nur sind Düngemittel nun besonders teuer, sondern die Preise einiger Getreidesorten von Mais gerade tief. Im Verhältnis zum Getreidepreis ist Düngemittel deshalb so teuer wie nie. Zudem hat Trump den dümmsten Zeitpunkt für seinen Angriff ausgewählt: kurz vor der Frühjahrsaussaat, wenn Dünger am dringendsten benötigt wird.
«Wir sollten die Folgen für die globale Nahrungsmittelproduktion nicht unterschätzen», warnt der Chef eines grossen Düngemittelherstellers gegenüber der «Financial Times». Wenn der Dünger nicht auf die Felder komme, könne die erste Ernte um bis zu 50 Prozent tiefer ausfallen. Ein Experte für Ernährungssysteme sagt voraus, wenn die Sperre anhalte, müssten die Konsumenten in spätestens einem halben Jahr höhere Preise zahlen für Brot, Eier oder Pouletfleisch.
Vier Schocks in sechs Jahren
Die Sperre reiht sich ein in eine Serie von Schocks. Seit 2020 hat die Welt nun Corona erlebt, Russlands Angriff auf die Ukraine, Trumps chaotische Zollpolitik und nun Trumps planloser Iran-Krieg. Das sind in nur sechs Jahren schon vier Schocks. Wie in den früheren Schocks wird sich zeigen müssen, wie stark die Preise in den reichen Ländern wie der Schweiz reagieren.
Wenn die Inflation ansteigt, werden die Zentralbanken entscheiden müssen: Ist es bloss ein vorübergehender Schock? Dann können sie ihn aussitzen. Oder droht eine dauerhaft höhere Inflation? Dann müssten die Zentralbanken ihre Leitzinsen anheben.
In der Schweiz ginge das gleiche Spiel los, wie nach dem Corona-Schock und Russlands Angriff auf die Ukraine. Steigen die Leitzinsen, steigen die Zinsen auf Hypotheken. Steigen diese, steigt der Referenzzinssatz für die Mieten – und Mietende in bestehenden Mietverhältnissen zahlen mehr. Schliesslich sind höhere Zinsen tendenziell schlecht für Aktienkurse. Nächste Woche entscheidet die Schweizerische Nationalbank wieder über ihre Leitzinsen. Die Öffentlichkeit wird erstmals erfahren, wie sie umzugehen gedenkt mit der womöglich erst beginnenden Kriegsinflation. (aargauerzeitung.ch)

