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Anfänge von Corona: Erfahren wir je die Ursache?

Er war lange erwartet und mehrfach verschoben worden: Jetzt liegt der WHO-Bericht zum Ursprung des Coronavirus vor. Die Theorie eines möglichen Laborunfalls spielt dabei kaum eine Rolle. Doch Experten wollen weitersuchen.

Lars Wienand / t-online



Ein Artikel von

T-Online

Fledermäuse sind nach Ansicht der Expertenkommission der WHO die wahrscheinlichste Quelle für den Ausbruch des SARS-Cov2-Virus. Das ist das dürftige Ergebnis nach monatelangen Untersuchungen und Abstimmungen und einem einmonatigen Besuch in China . Erfahren wir nie, wie es zu der Pandemie gekommen ist? Die Experten stellten am Dienstag ihren Bericht vor. Sie wollen die Hoffnung nicht aufgeben – weil die Frage nach der Ursache auch so wichtig ist für die Welt. «Wenn wir nicht zurückgehen zum Anfang und daraus lernen können, wird uns das in der Zukunft wieder treffen», sagte der Däne Peter Ben Embarek, Leiter des 13-köpfigen Teams. 

Residents visit the Yangtze River in Wuhan in central China's Hubei province Monday, March 29, 2021. A joint WHO-China study on the origins of COVID-19 says that transmission of the virus from bats to humans through another animal is the most likely scenario and that a lab leak is

Recherchen in Wuhan: Erfahren wir je die Ursache? Bild: keystone

Der Gruppe gehört auch der deutsche Wissenschaftler Fabian Leendertz an. Er ist beim Robert Koch-Institut Experte für Zoonosen, also für Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen und vom Menschen auf Tiere übertragen werden. Leendertz forderte Geduld: «Wer sich die Forschung zu früheren Zoonosen anschaut, sieht, dass es immer Jahre gedauert hat, um zu den Ursprüngen zu kommen.»

Forscher wollen Spuren weiter nachgehen

Was haben die Forscher also bisher erreicht? Man habe sich den grossen Überblick verschaffen können und dabei aussichtsreiche Ansätze gefunden, sagte die Niederländerin Marion Koopmans: «Wir müssen jetzt diesen Hinweisen nachgehen.» Es ist auch eine freundliche Umschreibung dafür, dass von den Chinesen noch Hilfe erwartet wird.

Die Experten erklärten, dass sie jetzt wissen, welchen Spuren sie nachgehen müssen. Lieferketten zeigten, dass auf den Markt Waren aus der 800 Kilometer entfernten Region angeliefert wurden, die eine wichtige Rolle in der Ursachenforschung spielt. Dort ist die Fledermausart zuhause, in der sich ein sehr ähnliches Virus findet. In dieser Region seien Befragungen nötig.

Beim Markt in Wuhan gehen die Forscher davon aus, dass er nur ein Verstärker für das Virus war. Parallel zu Fällen dort sei es bereits in anderen Teilen der Stadt zirkuliert, Die Daten von Krankenhäusern zeigten zwar keine Auffälligkeiten vor Dezember 2019. Milde und asymptomatische Fälle könne es aber eventuell schon im November oder Oktober 2019 und in anderen Teilen gegeben haben. Auch dazu fordern die Forscher nun weitere Studien. Der Wille sei überall gross, die Ursprünge zu ermitteln, so Embarek. Ihren Bericht haben die Forscher einstimmig vorgelegt, ohne abweichende Einzelmeinungen.

«Die ganze Welt hat jede Bewegung verfolgt»

Und die Kooperation mit chinesischen Stellen? Delegationsleiter Embarek räumte politischen Druck ein. Den habe es aber von vielen Seiten gegeben: «Die ganze Welt hat jede Bewegung von uns verfolgt.» Er dankte der Bevölkerung von Wuhan, die man nach der «traumatischen Erfahrung» in ihrem Alltag gestört habe. Und es sei auch klar: «Niemand will die Ursprünge in seinem Hinterhof haben.» Bei den Treffen waren auf chinesischer Seite die Wissenschaftler regelmässig die kleinere Gruppe. Politischen Druck habe es aber von allen Seiten gegeben. Embarek und erklärt: «Wir haben es geschafft, einen Raum für die Wissenschaft zu schaffen» Man habe auch mit offenen Karten gespielt, «wir hatten nichts zu verstecken.» Und die chinesische Seite? Die Wissenschaftler machten deutlich, dass sie noch offene Fragen haben. 

An der Arbeit der Untersuchungskommission hatte es vorher schon reichlich Kritik gegeben, unter anderem, weil einer der Forscher in der Vergangenheit eng mit dem Labor in Wuhan kooperiert hatte. Der Chef von Human Rights Watch, Ken Roth, hatte der WHO sogar «institutionelle Komplizenschaft» vorgeworfen, weil sie zu leichtgläubig chinesischen Darstellungen gefolgt sei. Die Forscher werden danach oft gefragt und werden jedes Wort sorgsam abgewogen haben. 

WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus wurde deutlicher: China habe dem Expertenteam nicht genügend Daten zur Verfügung gestellt. Die Wissenschaftler seien vor Ort auf «Schwierigkeiten beim Zugang zu Rohdaten» gestossen. Das sind nun «offene Fragen», die in weiteren Untersuchungen angegangen werden sollen. Ob und wann dafür wieder eine Riese nach Wuhan geplant wird: völlig offen.

WHO-Chef: Mehr Infos zu Labor nötig

Der WHO-Chef ging auch bei der brisantesten Frage viel weiter als sein Expertenteam. Die Laborunfall-Theorie? «Ich glaube nicht, dass die Untersuchungen umfangreich genug war», sagte er dazu. «Weitere Daten und Studien werden benötigt, um fundiertere Schlussfolgerungen zu ziehen.» In Deutschland war die Frage zuletzt durch eine Veröffentlichung des Hamburger Nanowissenschaftlers Roland Wiesendanger breit in der Öffentlichkeit. Er hatte viele, auch zweifelhafte Quellen in einem Papier zusammengestellt und behauptet, die Laborthese sei die wahrscheinlichste Erklärung.

Die Expertenkommission sieht das völlig anders – und räumt offen ein, dieser Spur deshalb auch nicht  sehr intensiv nachgegangen zu sein. Wenig deute bisher auf die Laborthese. «Sie war nicht unser Hauptfokus und wir haben da nicht in der Tiefe untersucht», sagte Embarek. Die Hypothese einer absichtlichen Verbreitung oder Herstellung des Sars-Cov-2 zur Verbreitung ging die Gruppe gar nicht nach: Nach Analyse der Genome hatten die Wissenschaftler das ausgeschlossen.

Die Gruppe war auch im Institut für Virologie von Wuhan. Man habe in dem Labor die Möglichkeit gehabt, eine Reihe von Fragen zu erörtern, habe sich Protokolle angeschaut und Tests der Mitarbeiter zu sehen bekommen, die alle negativ auf Antikörper gewesen seien. «Eine echte forensische Untersuchung des Labors war das nicht», erklärte aber auch der australische Mikrobiologe Dominic Dwyer. Embarek: «Wenn es Anlass geben sollte, sich das genauer anzuschauen, werden wir das natürlich.» 

Wieder wurde der WHO-Generalsekretär deutlicher: «Für die WHO bleiben alle Hypothesen auf dem Tisch.» Und die Antwort, sie wird noch auf sich warten lassen.

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