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Angry restaurant and bar owners demonstrate in Marseille, southern France, Friday Sept. 25, 2020 to challenge a French government order to close all public venues as of Saturday to battle resurgent virus infections. The protesters, and local officials in France's second-biggest city, are also threatening legal action, to try to block the order via the courts. They argue that Marseille's virus case rise has been stabilizing, and that the central government in Paris is unfairly singling out Marseille for the toughest virus measures in the nation. (AP Photo/Daniel Cole)

Restaurant- und Barbesitzer demonstrieren in Marseille gegen eine Anordnung der französischen Regierung: Dort sollen alle Lokale ab Samstag schliessen. Bild: keystone

Frankreich verliert Kontrolle: Die Wut nach der Corona-Explosion

Frankreich verzeichnet einen erschreckenden Rekord bei den Neuinfektionen, aber viele Bürger reagieren sauer auf die neuen Massnahmen der Regierung. Die Corona-Karte in Europa färbt sich rot.

Patrick Diekmann / t-online



Ein Artikel von

T-Online

Deutschland wird in der Corona-Pandemie immer mehr zum gallischen Dorf in Europa. In den «Asterix & Obelix»-Comics von  René Goscinny ist es das kleine Dorf in Frankreich, in dem das Leben bleibt, wie es ist – und das Widerstand leistet gegen die Übermacht der Römer.

Das Dorf ist gegenwärtig die Bundesrepublik, zumindest wenn es um die Ausbreitung des Coronavirus in Europa geht. Die zweite Welle der Pandemie hat Deutschland noch nicht erreicht, aber schon 14 der 27 EU-Mitgliedstaaten werden vom Robert Koch-Institut als Risikogebiete eingestuft. Die Corona-Karte Europas färbt sich weiter rot. 

Explodierende Infektionszahlen in Frankreich

Besonders schlimm ist die Situation in Frankreich , dem Herkunftsland des verstorbenen Comicautors Goscinny. Das Coronavirus breitet sich rasant im ganzen Land aus. Die Regierung setzte im Frühjahr auf strenge Massnahmen, doch mit Beginn des Sommers wurden diese aufgehoben. Das Leben in Frankreich ging weiter – so, wie vor der Krise. Das führte zu einem zentralen Problem: Die Politik vermochte es nicht, die Bevölkerung für Abstands- und Hygienebestimmungen zu sensibilisieren. Ein grosses Versäumnis, das sich nun rächt.

Seminar Kibir, health lab technician prepares chemicals to process analysis of some nasal swab samples to test for COVID-19 at the Hospital of Argenteuil, north of Paris, Friday Sept. 25, 2020. France's health agency announced Thursday evening that the country has had 52 new deaths and has detected over 16,000 new cases of coronavirus in 24 hours. (AP Photo/Francois Mori)

Im Vergleich zum Frühjahr hat Frankreich seine Testkapazitäten deutlich steigern können. Bild: keystone

Die französische Regierung meldete am Donnerstag eine erschreckende Zahl: In 24 Stunden wurden 16'096 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet – rund 3'400 mehr Neuansteckungen als beim vorherigen Höchststand. Gleichzeitig stieg die Zahl der Menschen, die mit einer Infektion gestorben sind, innerhalb eines Tages um 52. Seit Anfang September sind in Frankreich die Infektionen explodiert, allein in den vergangenen 14 Tagen gab es mehr als 140'000 Neuinfektionen.

Zur Einordnung: In Deutschland wurden in den vergangenen 14 Tagen mehr als 23'000 Neuinfektionen gemeldet, am Freitag waren es 2'153. In Frankreich sind es also fast acht mal so viele binnen 24 Stunden. In der Bundesrepublik gibt es momentan insgesamt knapp über 22'000 akute Infektionen, in Frankreich sind es über 408'000. (Stand 25. September, 14 Uhr)

Allein diese Zahlen zeigen: Die zweite Welle ist in Frankreich längst angekommen. Dabei wurde das Land schon im Frühjahr hart von der Pandemie getroffen, bislang wurden mehr als 536'000 Infektionen und mehr als 31'500 Tote gemeldet.

Zur Einordnung: Deutschland hatte mehr als 280'000 gemeldete Infektionen und mehr als 9'400 Menschen, die mit einer Covid-19-Erkrankung gestorben sind.

Regierung schlägt Alarm

Der starke Anstieg der Neuinfektionen alarmiert die französische Regierung. Sie verschärfte bereits am Mittwoch die Massnahmen vor allem in den Grossstädten. In der am stärksten betroffenen Stadt Marseille müssen ab Samstag alle Bars und Restaurants schliessen. In Paris und anderen Grossstädten werden Grossveranstaltungen mit mehr als tausend Teilnehmern untersagt. Das betrifft auch das Grand-Slam-Tennisturnier der French Open ab Sonntag, das die Publikumszahl zuvor bereits reduzieren musste.

Bild

Frankreichs Regierung meldet immer mehr Risikogebiete mit einem drastischen Anstieg der Corona-Neuinfektionen. Quelle: Französische Regierung

Im Grossraum um die südfranzösischen Städte Marseille und Aix-en-Provence gilt nun die zweithöchste Corona-Warnstufe, ebenso wie für das Überseegebiet Guadeloupe in der Karibik. Steigen die Infektionszahlen dort weiter, drohen Ausgangsbeschränkungen, wie sie bereits zwischen März und Mai galten.

epaselect epa08629174 A family wearing protective face masks walk near the Eiffel Tower, in Paris, France, 27 August 2020. French Prime Minister Jean Castex has announced that measures are being taken to enforce mask-wearing across the entire city of Paris, which has been declared a zone of 'active circulation' for the coronavirus SARS-CoV-2 which causes the Covid-19 disease. Cases in France have surged in recent weeks, with over 5000 new cases recorded in a 24 hour period.  EPA/IAN LANGSDON

Touristen vor dem Eiffelturm in Paris: Auf den Strassen gilt eine Maskenpflicht. Bild: keystone

In Paris und zehn weiteren Grossstädten werden nun Versammlungen von mehr als zehn Menschen etwa in Parks und auf Plätzen untersagt. Dort können die Präfekturen eine teilweise Schliessung von Bars und Restaurants verhängen. Für Grossveranstaltungen mit bis zu tausend Teilnehmern muss ein strenges Hygienekonzept vorgelegt werden. Bisher lag die Grenze bei 5'000 Teilnehmern.

«Die Situation verschlechtert sich weiter», sagte Gesundheitsminister Oliver Véran am Mittwoch im Fernsehen. «Vor allem der Druck auf die Krankenhäuser erfordert es, dass wir zusätzliche Massnahmen ergreifen.»

Unvernunft und die Tatenlosigkeit der Politik

Ähnlich wie Spanien hatte Frankreich im Frühjahr mit strengen Massnahmen auf die Pandemie reagiert. Es gab Ausgangssperren, die Bevölkerung durfte nur zum Einkaufen und Arbeiten vor die Tür, bei Polizeikontrollen mussten die Menschen Passierscheine vorzeigen. Mit Einzug des Sommers kam auch die Atempause in der Pandemie, die Infektionszahlen sanken auch in Frankreich. 

SCREENSHOT - Emmanuel Macron, Pr

Emmanuel Macron in einem Video bei der UN-Vollversammlung: In der Corona-Krise schickt der französische Präsident seine Minister vor. Bild: sda

Die Massnahmen wurden aufgehoben, die französische Regierung setzte auf ein Ampelsystem, wie es auch Deutschland anwendet. Auf Infektionsherde in Frankreich soll mit regionalen Massnahmen reagiert werden. Damit will Präsident Emmanuel Macron vor allem einen zweiten landesweiten Lockdown vermeiden, auch um die Wirtschaft vor weiterem Schaden zu bewahren.

Aber während die Wirtschaft sich langsam vom ersten Lockdown erholte, verpasste es die Politik, die Bevölkerung für Hygienemassnahmen zu sensibilisieren. Viele Menschen in Frankreich führten ihr Leben grösstenteils so weiter wie vor der Pandemie. Es gab Partys, die Bevölkerung und Touristen tummelten sich in Massen an den Stränden der französischen Mittelmeerküste. Die strikten Massnahmen im Frühjahr führten besonders beim jüngeren Teil der Bevölkerung dazu, die wiedergewonnene Freiheit im Sommer voll auszukosten. Es mischte sich menschliche Unvernunft mit einer Politik, die nur zusah.

«Viele Leute nehmen es nicht ernst»

Besonders deutlich wird diese Entwicklung im Corona-Hotspot Marseille. Die Berlinerin Lisa Heinemann hat den Sommer in der südfranzösischen Stadt erlebt und war auch die vergangenen Tage vor Ort. «Im Sommer wurde die Corona-Pandemie hier total ignoriert und jetzt, wo die Fallzahlen wieder steigen, sind die Massnahmen sehr radikal», berichtet sie im Gespräch mit t-online. «Die Regierung schafft es nicht, die Menschen zu einem vernünftigen Umgang mit Corona zu bringen. Jetzt mit den strikten Massnahmen ist die Pandemie sichtbar geworden, anders als im Sommer. Aber viele Leute nehmen das immer noch nicht richtig ernst.»

Friends have a drink together at a bar in Marseille, southern France, Saturday, Sept. 12, 2020. French Prime Minister Jean Castex warned that the virus situation is

Trotz Corona-Notstands sind die Bars in Marseille noch gut gefüllt. Masken werden kaum getragen. Bild: keystone

Marseille und sein Umland sind am stärksten von der zweiten Welle betroffen. Zuletzt wurden dort 281 Neuinfektionen pro 100'000 Einwohner registriert, fast das Sechsfache des Warnwerts. Trotzdem protestierten am Freitag in der Hafenstadt Hunderte Gastronomen gegen die angekündigte Schliessung aller Bars und Restaurants. Der regionale Arbeitgeberverband warnte in einer Erklärung vor einem «wirtschaftlichen Lockdown», denn auch Fitnessstudios und andere Einrichtungen sind betroffen.

Wut auf der Strasse in Marseille

Die Gastronomie ist nach dem ersten Lockdown im Frühjahr vor allem eines: verzweifelt. «Rettet unsere Arbeitsplätze, rettet unsere Unternehmen», war auf einem Banner vor dem Handelsgericht zu lesen. «Der Kelch ist voll», sagte ein Restaurantbesitzer aus dem benachbarten Aix-en-Provence, der ebenfalls zumachen muss. «Wir waren gerade dabei, wieder auf die Beine zu kommen.» Eine Reihe von Gastronomen haben angekündigt, sich der Anordnung der Pariser Zentralregierung zu widersetzen.

People arrive at a coronavirus testing centre in Bayonne, southwestern France, Tuesday, Sept. 22, 2020. France is reporting several thousand virus cases a day and more than 80 weekly cases per 100,000 people, among the highest rates in Europe. (AP Photo /Bob Edme)

Bayonne: Patientinnen stehen Schlange vor einer Covid-19-Teststation. In Frankreich steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen seit Wochen an. Bild: keystone

Der Präsident der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur, Renaud Muselier, will juristisch gegen die neuen Einschränkungen vorgehen. Er sieht in ihnen eine «kollektive Bestrafung» für die rund 1.9 Millionen Menschen im Ballungsraum Marseille. Frankreichs Gesundheitsminister Véran wollte das grösste städtische Krankenhaus in Marseille am Freitagnachmittag besuchen. Er wurde bei der Demonstration symbolisch ausgebuht. Véran hatte angekündigt, dass für Marseille und das Überseegebiet Guadeloupe die «maximale Alarmstufe» ausgerufen werde.

Sorge um Überlastung der Krankenhäuser

Das Verständnis für strengere Massnahmen ist bei Teilen der Bevölkerung nicht vorhanden, im Sommer wurde die Öffnung vieler Bars, Restaurants und Kneipen euphorisch gefeiert. Macron würdigte die Gastronomiebetriebe als Symbole des «französischen Esprits, unserer Kultur und Lebenskunst». Ihre erneute Schliessung nährt die Ängste vor einer neuen landesweiten Ausgangssperre. Nun will der Präsident nicht in die Schusslinie der Proteste geraten, schickt meist seine Minister vor. 

So appellierte Regierungschef Jean Castex im Fernsehen an die gemeinsame Verantwortung der Franzosen. Er argumentierte, durch die verschärften Massnahmen könne ein weiterer Lockdown vermieden werden.

Une personne regarde sur son smartphone l'application SwissCovid alors que des personnes font la fete lors d'une soiree d'ete le samedi 27 juin 2020 dans le quartier du Flon a Lausanne. SwissCovid est une application mobile de suivi des contacts mise en place en Suisse lors de la pandemie de Coronavirus (Covid-19) pour faciliter la recherche des contacts. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Ähnlich wie das hier gezeigte Schweizer Exemplar führte auch Frankreich eine Corona-App ein: «Stop Covid» ist ihr Name. Bild: KEYSTONE

Besondere Sorgen macht der Regierung das Gesundheitssystem, schon im Frühjahr waren einige Krankenhäuser ausgelastet, Deutschland nahm Patienten aus dem Nachbarland auf. Jetzt treffen einige Krankenhäuser wieder Vorkehrungen. In Pariser Krankenhäusern beispielsweise haben sie die Zahl der Operationen um 20 Prozent reduziert, da derzeit mehr als 25 Prozent der Intensivbetten in der Hauptstadt mit Covid-19-Patienten belegt sind und mehr Kapazitäten geschaffen werden sollen. 

Der Schlüssel ist Vernunft

Damit es nicht zu einer Überlastung der Krankenhäuser kommt, sind vor allem zwei Dinge nötig: Vernunft und Solidarität in der Bevölkerung. Frankreichs Regierung hat momentan die Kontrolle über die Pandemie verloren, das System der regionalen Eindämmung ist gescheitert. Eben weil es an zu vielen Stellen diese Vernunft im Sommer nicht gab.

Das Scheitern der Corona-Politik liegt also nicht an den Massnahmen und an deren Strenge. Das Ping-Pong-Spiel der französischen Regierung zwischen Lockdown und grosser Freiheit hat nicht funktioniert, weil es in der Bevölkerung kaum Verständnis für sehr strikte Massnahmen gibt – trotz alarmierender Infektionszahlen. Und dieses Problem besteht noch immer.

Die Lagen in Spanien und Frankreich sind auch mahnende Beispiele für Deutschland, dem gallischen Dorf in der Pandemie. Das hat nach Ansicht des Berliner Virologen Christian Drosten aber nichts mit Widerstandsfähigkeit zu tun. In einer Pandemie sei das schlichtweg Glück, sagte Drosten in einem Video auf Twitter. Ein Glück, das Deutschland nutzen sollte, um sich vorzubereiten und eine zweite Welle vielleicht sogar zu verhindern. Nicht nur mit Massnahmen, sondern vor allem mit Vernunft. 

Verwendete Quellen:

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89 Kommentare
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Kruk
26.09.2020 10:32registriert April 2019
Es liegt in der Hand der Bevölkerung, nimmt sie das Virus einigermassen ernst, hält Abstand, wäscht die Hände etc. oder lebt sie als gäbe es das Virus nicht.
Dies sollten wir beachten und Rücksicht nehmen, Angst ist nicht nötig nur ein bisschen Respekt und die daraus resultierende Vorsicht.
So werden weitere Massnahmen welche der Nation Schaden zufügen nicht nötig sein.
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nadasagenwirjetzteinfachmal
26.09.2020 08:55registriert March 2020
Seit 7 Tagen sind die Fallzahlen von positiv Getesteten in der Schweiz am sinken und die Presse kommuniziert das kaum.
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Brösmel
26.09.2020 09:06registriert August 2019
Die Schweiz hat momentan die wohl bestmöglichste Balance zwischen Schärfe der Massnahmen und 'Freheit' in Europa.
Das sollten sogar die Coronaleugner und auch die Hysteriker auf der anderen Seite kapieren.
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