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Die NPD ruft mit diesem Video zum Fackelmarsch in Trier auf – und blamiert sich bis auf die Knochen



Mit einem Video wollte die NPD zu einer Demonstration gegen die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland aufrufen – doch statt wütendem Zuspruch hat der Clip der rechten Partei bloss Hohn und Spott beschert. Das liegt zum einen an der Machart des Films, aber vor allem auch an seinen Protagonisten.

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Die Nummer 1: Er weiss, wofür er kämpft.

«Am 1. August zeigt der nationale Widerstand in Deutschlands ältester Stadt Flagge. In Trier wird die NPD gegen das neue Asylheim auf die Strasse gehen», beginnt der erste Sprecher und fordert etwas stockend: «Jetzt sind alle gefragt ... Denn der ... Asyl-Irsinn nimmt Überhand.» Die Regierenden wollten die Stadt zu einer «Hochburg der Asyl-Überfremdung» machen, erläutert der pausbäckige Mann ein wenig atemlos. 

Es ist aber nicht so, dass nicht auch harte Fakten geliefert werden. Trier nehme mehr Flüchtlinge auf «als das Land Polen», so der Mann mit Bart und Brille. Ob sie lange üben mussten, dass er nicht von «Ostpreussen, Pommerellen und Schlesien» spricht? «Und dabei werden weniger als ein Prozent als politisch Verfolgte anerkannt», schwadroniert er weiter. «Das bedeutet: Für den Asylbetrug muss der deutsche Steuerzahler jedes Jahr über 20 Milliarden Euro verpulvern.»

Hoppla, da hat der Asyl-Irrsinn offenbar das Gehirn des guten Mannes ein wenig überfremdet. In Deutschland wird knapp jedem zweiten solchen Antrag stattgegeben, wenn man formelle Fehler abzieht. Auch mit den Kosten liegt der Experte ein wenig daneben. Der Haushalt des für Flüchtlinge zuständigen Bundesinnenministeriums beträgt 2015 insagesamt bloss 5,7 Milliarden Euro, von denen 302 Millionen für Massnahmen für Migration und ihre Integration vorgesehen sind.

«Wir wissen, wofür wir kämpfen, wenn wir am 1. August vor der Jägerkaserne den ersten nationalen Appell abhalten», flunkert der nicht ganz so aufrechte Deutsche noch, bevor die Kamera ein wenig ungelenk auf den nächsten Kameraden schwenkt. Der nuschelt tonlos: «Wir sind nicht das Sozialamt der Welt. Deutsches Geld für deutsche Interessen.»

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Fühlte sich da wer beim Dreh unwohl? Nummer 2 wirkt im Film ein wenig angespannt.

«Für unsere Schulen, für unsere Kindergärten ist kein Geld da», sagt die dritte Flöte des Quartetts. «Unsere Kinder leiden. Schluss damit!» Man muss konstatieren: Hier macht die Kampagne für einen Augenblick Sinn. Es steht dem jungen Mann ins Gesicht geschrieben, dass es an (Schul-)Bildung fehlt, und sicherlich hätte es ihm auch geholfen, wenn er in einem Kindergarten etwas Liebe erfahren und soziales Verhalten erlernt hätte. Auch ein Schul-Zahnarzt (oder eine Dental-Hygiene) wären nicht verkehrt gewesen. 

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Für Nummer 3 gibt es zu wenig Bildung in Deutschland, wie er selbst zugibt.

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Aber hey, ich hab nichts gesagt! 

Doch der letzte Mitstreiter, der wie das Klischee eines Würstchenbuden-Besitzers daherkommt, zerstreut etwaige Sorgen mit zackiger Schneidigkeit: «Volksgenossen, am Samstag, den 1. August, gelten keine faulen Ausreden!» Er sagt das mit dem Arm locker in die Hüfte gebeugt. «Wir treffen uns zum Demonstrationszug der nationalen ...», kurze Pause, «... Sache in Trier West.» Okay, warum nochmal? «Es geht gegen den Asyl-Missbrauch und Mulitikulti-Wahn.» Ach, stimmt ja!

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Sieht gemütlich aus, kennt aber keine faulen Ausreden: Nummer 4.

Und dann sagt der Trinkhallen-Troll doch tatsächlich in die Kamera «Arschloch! Ich zähl auf euch!» Hoppla, nein, er meint «Arsch hoch». Und ich dachte schon! Was ein wenig verwundert: Als die Vier am Ende nochmal im Chor skandieren, macht die Würstchen-Glatze, die zuletzt seinen Senf dazugeben durfte, den Eindruck, als hätte sie den Text des «Refrains» noch nicht ganz auf der Pfanne. Die scheint etwas eingerostet zu sein.

Das Video hat seine Wirkung nicht verfehlt. Allerdings anders, als es die Kreuzritter geplant hatten: Nur 45 NPD-Sympathisanten fanden am 1. August den Weg zur völkischen Versammlung, die Zahl der Gegendemonstranten schätze der Trierer Volksfreund dagegen auf 600 Menschen. 

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Das Finale des fulminanten Aufrufs: Nummer 4 ganz rechts muss sich von Nummer 3 beim Text helfen lassen. Nummer 2 taut beim Skandieren anscheinend auf, während Nummer 1 ganz links steht und ein grosses Päckchen mit sich herumtragen muss. Er trägt ja die ganze Verantwortung!

Auf Social Media fiel die Kritik nur deshalb noch verhältnismässig milde aus, weil sich die handelnden Personen selbst schon genug demontiert haben. Das Beste haben wir herausgesucht – und noch ein spassiges Gedankenspiel gemacht: Welcher Schauspieler sollte welchen der vier Sängerknaben spielen, falls Hollywood das NPD-Video verfilmt? 

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