International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

«Oldschool Society»: «Knallen eine Moschee nach der anderen hoch und hängen die Schweine auf»

In München stehen vier Führungskader der mutmasslichen Neonazi-Terrorzelle «Oldschool Society» vor Gericht. Chat-Protokolle zeigen, wie die Gruppe zusammenfand – und was sie vorhatte.



Ein Artikel von

Spiegel Online

Am Telefon gaben sich die mutmasslichen Rechtsterroristen ihren Gewaltfantasien hin. Sie schwadronierten darüber, Sprengkörper mit Nägeln zu spicken, um deren Wirkung bei Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte zu erhöhen.

Markus W., nach Erkenntnissen der Ermittler einer der Rädelsführer der Neonazi-Gruppe «Oldschool Society» (OSS), wollte «so ein Ding im Asylheim, Fenster eingeschmissen und dann das Ding hinterhergejagt», wie er in einem abgehörten Gespräch erzählte. Und Andreas H., der andere mutmassliche OSS-Anführer, antwortete ihm: «Tät mir schon gefallen, wär schon nach meinem Geschmack.»

Doch dazu kam es nicht. Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt (BKA) hoben die Zelle aus, ehe die Extremisten ihre Pläne in die Tat umsetzen konnten. Das war vor einem Jahr . Nun beginnt vor dem Oberlandesgericht München der Prozess: Angeklagt sind neben H., 57, und W., 40, auch Denise G., 23, und Olaf O., 48 . Der Generalbundesanwalt wirft dem Quartett vor, eine terroristische Vereinigung gegründet zu haben. Deren Ziel sei es gewesen, Anschläge auf Salafisten-Prediger, Moscheen und Flüchtlingsunterkünfte zu verüben

Die Ermittlungen gegen den OSS waren ein erster Erfolg des Gemeinsamen Extremismus- und Terrorismusabwehrzentrums, das in Köln nach dem Auffliegen des «Nationalsozialistischen Untergrunds» (NSU) eingerichtet worden war. So gelang es nach Informationen von Spiegel Online zwei Landesämtern für Verfassungsschutz, frühzeitig Quellen im Umfeld der Rechtsextremisten zu platzieren. Daraufhin lief eine umfangreiche Operation der Inlandsgeheimdienste an.

Terroristen via WhatsApp und Telegram

Dabei zeigte sich, dass die Entstehung des OSS anders verlaufen war als bei vergleichbaren Zellen in der Vergangenheit. Der Zusammenschluss der mutmasslichen Terroristen vollzog sich massgeblich im virtuellen Raum. Aus einer Chatgruppe bei WhatsApp wurde nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft ein immer stärkerer Verbund von Gleichgesinnten, der sich fortlaufend weiter radikalisierte. «Sie haben sich gegenseitig hochgeschaukelt», sagt ein Ermittler.

epa04735224 Police vehicles arive to the Federal Court of Justice in Karlsruhe, Germany, 06 May 2015. Four suspected right-wing extremists arrested in Germany on 06 May were planning attacks on mosques and asylum-seekers' homes, prosecutors said. The three men and a woman, who were arrested following early morning police raids across the country, along with others founded a terrorist group known as Oldschool Society to carry out the attacks, according to prosecutors.  EPA/WOLFRAM KASTL  EPA/WOLFRAM KASTL

Die Verdächtigen werden im Mai 2015 dem Richter vorgeführt.
Bild: EPA/DPA

Ab Spätsommer 2014 firmierte die Truppe, die sich nach dem Hauptangeklagten erst «Arbeiterfront H.» nennen wollte, unter den Namen OSS. In ihrer hierarchiegläubigen Struktur orientierte sie sich an dem Aufbau von Rockergangs: Es gab einen «Präsidenten» (Andreas H.), einen «Vizepräsidenten» (Markus W.) und einen «Sergeant at Arms» (Olaf O.). Zum harten Kern, dem sogenannten Geheimrat der Gruppe, zählte auch noch W.s Lebensgefährtin Denise G.

abspielen

Ein «Spiegel TV»-Bericht vom Mai 2015.
YouTube/spiegeltv

Ähnlich wie Rockerbanden pflegte auch die OSS eine sichtbare Seite, sie trat ab September 2014 bei Facebook und in Chat-Gruppen bei WhatsApp und Telegram auf, mit denen sie Gesinnungsgenossen gewinnen wollte. Devise dabei: sauber bleiben, den Schein wahren. Die OSS-Satzung hatte man von einer rechten Kameradschaft kopiert, samt reduzierter monatlicher Mitgliedsbeiträge für Arbeitslose und Studenten von 7,50 Euro. Der reguläre Tarif lag bei 15 Euro.

Bitte nüchtern erscheinen

Doch die Radikalisierung nahm zu. Bis zu 1000 Nachrichten tauschten die Extremisten in den Chat-Gruppen täglich aus. «Das war ein ganz enger Kontakt – wie in einer Familie», so ein Beamter. Einer der OSS-Kader schrieb: «Dann knallen wir eine Moschee nach der anderen hoch und hängen die Schweine an Ort und Stelle auf.» Im Dezember 2014 stuften die Behörden die OSS als Gefährdungssachverhalt ein, Wochen später leitete der Generalbundesanwalt dann ein Verfahren wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung ein.

Im Februar 2015 diskutierten die Rechtsextremisten nach Erkenntnissen der Ermittler erstmals darüber, Sprengstoff zu beschaffen und Flüchtlingsunterkünfte anzugreifen. Olaf O. alias «Ruhrpott Olli» schrieb auf Telegram: «Es ist ein Treffen geplant, vom 8. bis 10.5. in Borna, Leipzig. Bei Markus im Garten, dort können wir zelten.» Ausserdem wird darum gebeten, nüchtern zu erscheinen.

Am 1. Mai fuhren die mutmasslichen Rädelsführer W. und G. nach Tschechien, in Asia-Märkten kauften sie für 40 Euro pro Stück sogenannte Polenböller vom Typ «Cobra 6 und 11», La Bomba, Viper 12, Dum Bum. Auf der Rückfahrt riefen sie O. an: «Ich hab so viel Sprengstoff unter dem Sitz», prahlte Markus W., «wenn jetzt was passiert, bräuchte ich einen Fallschirm, um wieder runterzukommen.»

Auch die mutmasslichen Rechtsterroristen der «Gruppe Freital», gegen die Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt in der vergangenen Woche vorgegangen waren, sollen solche Sprengkörper verwendet haben.

In der Gruppe habe eine «Wahnsinnseuphorie» geherrscht, sagt ein Ermittler, «die haben sich regelrecht vergessen». Um die Wirkung der Böller zu steigern, überlegten sich die Neonazis laut Anklage, die Sprengsätze nicht nur mit Nägeln zu umhüllen, sondern auch mit Spiritus zu versetzen.

Das BKA stellte später in kriminaltechnischen Untersuchungen fest, dass diese Konstruktionen in einem Umkreis von bis zu zwei Metern lebensgefährliche Verletzungen hätten verursachen können. Die Nägel wären bis zu acht Zentimeter tief in die Körper der Opfer eingedrungen. Doch die Behörden verhinderten das.

Der Prozess gegen die Extremisten soll bis Anfang Oktober dauern.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Das ist Deutschlands Corona-Hotspot – und 400 Demonstranten ziehen singend durch die Stadt

Im Landkreis Hildburghausen mit Deutschlands höchster Infektionszahl gelten seit Mittwoch noch schärfere Regeln. Trotzdem zogen am Abend rund 400 Menschen singend durch die Kreisstadt. Nicht nur der Bürgermeister ist fassungslos.

In Hildburghausen im deutschen Bundesland Thüringen sind am Mittwoch bei einer nicht angemeldeten Kundgebung rund 400 Menschen singend durch die Stadt gezogen. Die Szenen lösen lokal und bundesweit Empörung und Unverständnis aus: Es ist der Kreis, in dem nach Zahlen des RKI das Coronavirus so um sich greift wie sonst nirgends. Er war deutschlandweit der erste, der die Sieben-Tage-Inzidenz von 527 Neuerkrankungen pro 100'000 Einwohnern durchbrochen hatte, auf der Karte des RKI musste dafür …

Artikel lesen
Link zum Artikel