Verirrter Wal in der Ostsee über Nacht auf sich allein gestellt
Was ist passiert?
Der Wal, der nahe der deutschen Küste in der Ostsee gestrandet war, hat sich wieder verirrt. Aktuell befindet er sich wieder in der Nähe des Festlandes. Dabei herrschte am Vormittag kurz Hoffnung, nachdem er sich von einer Sandbank befreit hatte und Richtung offenes Meer schwamm.
Wo ist der Wal jetzt?
Am Freitagnachmittag näherte sich der Wal wieder gefährlich der Küste. Mehrere Experten haben bereits klargemacht: Sollte der Wal erneut stranden, werde man ihm wieder helfen.
Am Vormittag befand er sich eine Weile auf dem richtigen Weg hin zur offenen Ostsee hin und schaffte es, ein von Fischern genutztes Gebiet zu durchqueren, ohne sich in den Stellnetzen zu verfangen.
Ursprünglich war das Ziel, dass der Wal am Freitag die Ostsee verlässt und die Nordsee erreicht. Das hat nicht geklappt.
Eine Eskorte aus Polizei und Tierschützern liessen nach Einbruch der Dunkelheit von dem Tier ab. In der Nacht ist das Tier auf sich allein gestellt. Am Samstagmorgen will sich das Einsatzteam beraten, wie es weitergeht.
Um dem Tier zu helfen, ist es begleitet worden von sechs Schiffe der Küstenwache, der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft und von Wissenschaftlern in Richtung Dänemark. Von dort aus sollte es der Wal in den Atlantik schaffen.
Die Schiffe sollten vor allem dafür sorgen, dass sich der Wal nicht erneut verirrt und strandet. Sie versuchten ihn mit Geräuschen in die richtige Richtung zu leiten.
Der Weg aus der Ostsee ist heikel – die Schiffe sollten sich zwischen den Wal und das Festland stellen, um diesen von einer erneuten Strandung abzuhalten.
Offenbar soll der Wal schon seit Wochen in der Ostsee unterwegs sein und dort zum ersten Mal im Dezember 2025 gesichtet worden sein.
Wie konnte sich das Tier befreien?
Am Donnerstag kämpfte ein Rettungsteam bis spät am Abend um die Befreiung des gestrandeten Wals in der deutschen Ostsee. Mit Baggern wurde eine Rinne gegraben, welche dem Tier die Befreiung erleichtern sollte. Auch Taucher waren im Einsatz – unter anderem Biologe Lehmann, der den Wal anzufeuern versuchte.
Vor allem am Abend bewegte sich der Wal immer weiter in Richtung der rettenden Rinne, erreichte diese aber nicht. Aus Sicherheitsgründen wurde die Rettungsaktion auf Freitag verschoben.
Gemäss deutschen Medienberichten hatte sich der Wal am Donnerstag rund 40 Meter von seinem ursprünglichen Ort in Richtung der Rinne bewegt. Zum Zeitpunkt des Abbruchs fehlten ihm noch rund zehn Meter zu dieser. Dem Tier dürfte zugute gekommen sein, dass der Wasserpegel in der Bucht nachts wegen des Windes gemäss einem Koordinator etwa einen halben Meter angestiegen war.
Wird es der Wal überleben?
Der Wal steckt zwar nicht mehr fest, gerettet ist er aber noch nicht. Robert Marc Lehmann sagt, er verspüre «vorsichtige Euphorie». Gleichzeitig bleibt das Schicksal des Wals unklar. «Er ist ja in keinem guten Gesundheitszustand», so der Biologe. Weiter seien noch immer die Reste eines Netzes in seinem Maul.
Eine definitive Prognose wagt Lehmann deshalb nicht. «Vielleicht finden wir ihn wieder und vielleicht sehen wir ihn nie wieder. Oder vielleicht liegt er einen Monat später tot am Strand», sagt er. Er würde aber «vorsichtig Entwarnung» geben, sollte das Tier in den nächsten Wochen nicht an einem anderen Strand auftauchen.
Was weiss man über den Zustand des Wals genau?
Biologe Lehmann erklärte am Freitag, dass es sich um ein ausgewachsenes, altes Tier handle. Zunächst war davon ausgegangen worden, dass es ein Jungtier ist. Er ist schätzungsweise zwischen 12 und 15 Meter lang sowie rund 15 Tonnen schwer.
Wie es um den Gesundheitszustand des Tiers genau steht, ist schwer zu sagen. Biologen machte zuletzt vor allem der Zustand der Haut des Meeressäugers Sorgen. «Sie sieht schlecht aus», so Lehmann. Die Ostsee hat einen geringen Salzgehalt, was der Haut des Tieres schadet. Der Zustand der Haut ist auch der Grund, warum kein Sender angebracht wurde.
Auch sonst dürfte der Wal unter der langen Strandung gelitten haben. «Er ist schwach, der hat lange nichts gefressen», sagt Lehmann. Gleichzeitig sagte er am Donnerstag, dass er davon ausgehe, dass der Wal nicht zum Sterben in die Nähe der Küste gekommen sei. Das Tier wolle leben.
Am Nachmittag zeigte sich Stephanie Gross vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung gegenüber der «Bild» optimistisch, was die Energie des Wals betrifft. «Diese Tiere können wochenlang ohne Nahrung auskommen», sagt sie. «Der Wal hier ist gut genährt, hat also auch noch Reserven. Das wird nicht sein Problem sein», so die Tierärztin. (dab)
