«Die Menschen sind erschöpft und wütend»: Kuba erlebt neue Proteste
Die Lage in Kuba war schon länger schwierig, sagt Yúnior García Aguilar. «Jetzt erreicht sie aber ein unerträgliches Ausmass.» In Kuba ist es in den letzten Tagen erneut zu einem schweren Stromausfall gekommen.
Der staatliche Elektrizitätsverband erklärte am Donnerstag (Ortszeit), der Zusammenbruch des Stromnetzes habe alle östlichen Provinzen von Guantánamo bis Ciego de Ávila vom Strom abgeschnitten. In Havanna, wo der Strom rationiert wird, hielten die Ausfälle am Donnerstag 24 Stunden an.
«Dem Regime fehlt Treibstoff, gleichzeitig sind die Kraftwerke völlig veraltet. Lebensmittel verderben, Müll stapelt sich auf den Strassen», so García. Er ist in Kuba aufgewachsen. Die Folge des Abfalls, der wegen fehlenden Treibstoffs nicht von der Müllabfuhr wegtransportiert werden kann, sei ein kaum aushaltbarer Gestank. «Deshalb haben die Menschen angefangen, aus Protest die Abfallberge anzuzünden», so der Aktivist und Schauspieler.
Geköpfte Tauben vor der Tür
Am Mittwochabend beobachteten Journalisten der Nachrichtenagentur AP, wie Bewohnerinnen und Bewohner zahlreicher Stadtviertel mit Töpfen und Pfannen Lärm machten und Mülltonnen anzündeten, um gegen die Stromausfälle zu protestieren. Stunden später erschien Energieminister Vicente de la O Levy im kubanischen Fernsehen und bezeichnete die Lage als kritisch.
Wie gefährlich es sein kann, sich gegen das Regime zu stellen, weiss García aus Erfahrung. Im Jahr 2021 flüchtete er nach Spanien, wo er seither wohnt. «Als ich damals friedliche Proteste organisieren wollte, wurden geköpfte Tauben vor unsere Haustür gelegt, Wände mit Blut beschmiert und unsere Wohnung umzingelt», erinnert er sich. Gleichzeitig sei seine Familie schikaniert worden.
Seine Schwiegermutter musste ihren Job aufgeben und er erhielt etliche Drohanrufe. Über die Menschen, die sich aktuell auf die Strasse trauen, sagt García deshalb: «Sie riskieren alles; ihren Job, ihr Studium, Haftstrafen oder sogar ihr Leben.»
Eine humanitäre Krise
Dass die Menschen trotzdem auf die Strasse gehen, zeigt, wie ernst die Lage ist. Der Verlust von Venezuela als wichtigster Unterstützer des Inselstaates Ende 2025 war die wohl einschneidendste Entwicklung. Kuba produziert kaum 40 Prozent des Kraftstoffs, den es benötigt, um seine Wirtschaft mit Energie zu versorgen. Seit Monaten haben auch Mexiko und Russland auf Druck der Amerikaner ihre Öllieferungen nach Kuba eingestellt.
«Die Menschen sind erschöpft und wütend», sagt García, der täglich mit seinem Sohn und anderen Verwandten und Freunden in Kuba in Kontakt ist. «Die Stimmung erinnert mich an die Zeit vor den grossen Protesten vom Juli 2021», sagt er. Die damaligen Anti-Regime-Proteste wurden teils unter massiver Gewaltandrohung niedergeschlagen.
Seit der Revolution 1959 sind die Beziehungen zwischen den USA und Kuba angespannt. Mit Trumps Amtsantritt hat sich die Situation noch einmal verschärft: Im Januar 2025 setzte er den von der Kommunistischen Partei regierten Inselstaat wieder auf eine US-Terrorliste. Seit Monaten erhöht seine Regierung den Druck, um auf Kuba einen wirtschaftlichen und politischen Wandel im Interesse der USA zu forcieren.
Kurzfristig gibt es jedoch keine Lösung, findet García. Aber: «Die internationale Gemeinschaft kann nicht länger wegschauen. Kuba erlebt eine humanitäre Krise.» (mit Material der dpa) (aargauerzeitung.ch)

