Nach Deutschland trifft’s jetzt Polen: USA pfeifen 4000 Soldaten zurück
Das schwere Gerät war bereits unterwegs. Die vor einem Auslandseinsatz übliche Fahnenweihe wurde auf dem Heimatstützpunkt Fort Hood, Texas, feierlich abgehalten. Doch im letzten Moment gab der US-Verteidigungsminister Pete Hegseth das Zeichen zum Rückzug: Die 4000 US-Soldaten der 2. mechanisierten Kampfbrigade der 1. Kavalleriedivision, auch die «Black Jack»-Brigade genannt, werden doch nicht nach Polen entsandt.
Sie hätten dort während neun Monaten andere Soldaten ablösen sollen, die zusammen mit internationalen Kräften im Rahmen der Operation «Atlantic Resolve» stationiert sind. Die Mission wurde 2014 nach Russlands Invasion der Krim-Halbinsel gestartet und soll die Nato-Ostflanke verstärken.
Die Ankündigung ist eine Überraschung: Vor allem in Polen, wo man nichts davon gewusst hat. Am Donnerstag noch sagte Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz, «das hat nichts mit Polen zu tun» und dementierte die Meldung. Später hiess es nur noch, die USA würden ihre Truppen in Polen «nicht systematisch reduzieren». Aktuell sind rund 10'000 US-Soldaten in Polen stationiert.
Selbst Muster-Alliierte sind nicht mehr sicher
Aber auch auf der US-Seite soll die abrupte Entscheidung von Hegseth in Verteidigungskreisen für Stirnrunzeln gesorgt haben. Es habe in der Armee für Verwunderung gesorgt, dass eine im Gang befindliche Truppenverlegung so kurzfristig abgesagt werde, berichtet das «Wall Street Journal».
Der Schritt ist in der Tat aussergewöhnlich. Vor allem, weil es mit Polen einen US-Alliierten trifft, den Hegseth selbst vor wenigen Monaten als «Muster-Schüler» bezeichnet hatte, der auf die US-Gunst zählen könne. Polen bemüht sich seit Jahren um möglichst enge Beziehungen zu den USA und gibt schon heute, wie von Präsident Donald Trump gefordert, knapp fünf Prozent seiner Wirtschaftskraft für die Verteidigung aus.
Bei der Nato-Verteidigungsallianz dürfte die Nachricht die vorhandenen Sorgen verstärken. Anfang Monat kündigte Trump schon den Abzug von 5000 Soldaten aus Deutschland an. Zudem werden die USA auf die Stationierung von «Tomahawk»-Lenkwaffen und «Dark Eagle»-Hyperschallwaffen in Deutschland verzichten.
Bei Mittelstreckenraketen klafft in Europa riesige Lücke
Letzteres ist aus strategischer Sicht besonders bedeutsam. In Europa klafft im Bereich ab 500 Kilometern Reichweite eine Fähigkeitslücke. Dies, weil es mit Russland mit dem INF-Vertrag eine Einigung gab, keine bodengestützten Mittelstreckenraketen auf dem jeweiligen Gebiet zu stationieren.
Der Vertrag lief 2019 aus und Russland hat mindestens seither in seiner Exklave Kaliningrad bei Polen konventionelle und nuklear bestückbare Iskander-Raketen aufgestellt. Zudem hat Russlands Präsident Wladimir Putin die Verlegung der neuartigen «Oreschnik»-Rakete nach Weissrussland angeordnet.
Mit der Stationierung der US-Raketen in Deutschland sollte das Abschreckungs-Gleichgewicht wiederhergestellt werden. Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius sagte jedenfalls, der Verzicht auf die Tomahawk-Stationierung sei eine Nachricht, «die mich mehr beunruhigt als die andere»; womit er den Abzug der 5000 Soldaten aus Deutschland meint.
Trump macht Putin ein riesiges Geschenk
Die Entscheidung der USA zur Truppenreduktion in Europa war voraussehbar. Doch die Art und Weise, wie sie umgesetzt wird, ist besorgniserregend. Die USA ziehen sich abrupt und ohne Absprache mit den Europäern zurück. Dabei lässt sich Präsident Trump wie so oft offenbar von seinen Impulsen leiten: Die Strafaktion gegen Deutschland sehen viele als Retourkutsche für den Spruch von Bundeskanzler Friedrich Merz, wonach die USA im Iran «gedemütigt» worden seien.
Oder aber war der Streit mit Merz doch nur vorgeschoben? Auffallend ist, dass Trumps Ankündigung nur zwei Tage nach einem eineinhalbstündigen Telefonat mit Wladimir Putin folgte, das er am 29. April führte. Dieses sei eine «sehr gute Unterhaltung» gewesen, sagte Trump danach. Thema waren die beiden Kriege in der Ukraine und im Iran.
Was die beiden genau ausgemacht haben, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall steht fest: Wenn Trump auf die Stationierung der Abschreckungswaffen in Europa verzichtet und tausende US-Truppen abzieht, ist das genau das, was Putin sich gewünscht hatte. (aargauerzeitung.ch)
