Belfast-Video: «Er versucht ihn zu enthaupten» – deshalb kippte die Stimmung
Es sind Szenen, die viele Zuschauer als kaum erträglich beschreiben. Das Video zeigt einen Mann, der mitten auf einer Strasse auf einem blutüberströmten Opfer sitzt und wiederholt mit einem Messer auf dessen Kopf- und Halsbereich einsticht. Während der Angriff andauert, heben einige Passanten ihre Mobiltelefone. Andere wagen sich zunächst nicht in die Nähe des Täters.
Innerhalb weniger Stunden verbreiteten sich die Aufnahmen millionenfach in sozialen Medien. Auf X, Telegram, Facebook und TikTok schrieben zahlreiche Nutzer, der Angreifer habe versucht, seinem Opfer den Kopf abzutrennen. Die Polizei hat eine solche Einordnung bislang nicht bestätigt. Klar ist aber: Die Bilder lösten in Grossbritannien Schock, Wut und Angst aus.
Opfer verliert Auge
Bei dem Opfer handelt es sich um den 40-jährigen Mann, der aus Nordirland stammt und in Belfast lebt. Wie am Mittwoch vor Gericht bekannt wurde, verlor er bei dem Angriff sein linkes Auge. Auch das rechte Auge wurde verletzt. Er befindet sich weiterhin im Spital.
Der mutmassliche Täter ist ein 30-jährige Sudanese. Gegen ihn wurde Anklage wegen versuchten Mordes, Waffenbesitzes und Morddrohungen erhoben.
Das Video verbreitete sich schneller als die Informationen
Während die Ermittler zunächst nur wenige Informationen veröffentlichten, kursierte das Video bereits in zahllosen Chatgruppen und sozialen Netzwerken. Politiker und Sicherheitsexperten sehen darin einen entscheidenden Grund für die spätere Eskalation.
Viele Menschen sahen zuerst die Bilder und erfuhren erst danach, wer der Täter war oder was genau geschehen war. In den sozialen Medien vermischten sich gesicherte Fakten mit Spekulationen. Gleichzeitig verbreiteten rechtsextreme Aktivisten Aufrufe zu Protesten.
Ausländer wurden zur Zielscheibe
Bereits am Abend nach der Tat versammelten sich Hunderte Menschen in Belfast. Was als Protest begann, entwickelte sich rasch zu schweren Ausschreitungen.
Vermummte Gruppen zogen durch die Strassen, blockierten Verkehrswege und setzten Fahrzeuge in Brand. Besonders betroffen waren Menschen mit Migrationshintergrund. Mehrere Wohnhäuser wurden angegriffen, weil dort ausländische Familien lebten.
Eine afrikanische Familie musste ihr Zuhause verlassen, nachdem ihr Haus attackiert worden war. Auch eine ukrainische Familie floh aus ihrer Wohnung. Ein zweimonatiges Baby wurde von der Polizei aus einem betroffenen Gebiet in Sicherheit gebracht.
Angst breitet sich aus
Die Gewalt hat viele Migranten in Nordirland verunsichert. Vertreter verschiedener Gemeinschaften berichten, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe oder ausländischem Akzent aus Angst vor Angriffen ihre Wohnungen kaum noch verlassen.
Die Ausschreitungen griffen inzwischen auch auf andere Teile Grossbritanniens über. In mehreren Städten kam es zu Demonstrationen und Zwischenfällen.
Bemerkenswert ist die Haltung der Familie des Opfers. Sie distanzierte sich ausdrücklich von den Krawallen und erklärte, die Tat dürfe nicht dazu benutzt werden, Hass gegen Ausländer zu schüren. Im Mittelpunkt müsse die Genesung des Opfers stehen. (mke)
