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Manfred Thierry Mugler 1994 mit Kim Basinger beim Dreh zu Robert Altmans Film «Prêt-à-Porter».
Manfred Thierry Mugler 1994 mit Kim Basinger beim Dreh zu Robert Altmans Film «Prêt-à-Porter».Bild: Imago

Thierry Muglers totaler Wahnsinn – Abschied von einem, der jeden Traum lebte

Paris hat eine seiner letzten Designerlegenden verloren. Ohne Thierry Mugler wird jetzt vieles fad scheinen. Sein Tod kam überraschend, nächste Woche wollte er seine neuste Zusammenarbeit verkünden.
24.01.2022, 19:0125.01.2022, 09:18

Es sei bei einem Unfall im Fitnessstudio zertrümmert worden, sagte Manfred Thierry Mugler, wenn ihn in den letzten Jahren jemand auf sein Gesicht ansprach. Er habe sich danach vielen rekonstruierenden Operationen unterziehen müssen. Dass er davor schon mit ästhetischen Eingriffen experimentiert hatte, war kein Geheimnis.

Das letzte Mal löste sein Gesicht einen sozialmedialen Schock aus, als er 2021 als Gastjuror bei «Germany's Next Topmodel» auftrat. Ein ungemein netter Mann in einem grauen Trainer und Sneakers, der so gar nicht nach dem skulpturalen Designer und dem ehemaligen Balletttänzer aussah. Heidi Klum sass neben ihm und trug ein tadellos elegantes Kleid aus seiner 1998er-Sommerkollektion mit dem Titel «Jeu de Paumes» (nach dem grossen Pariser Museum im 1er Arrondissement).

Die Kommentare waren brutal. Dabei hätte Mugler, der am 23. Januar im Alter von 73 Jahren gestorben ist, nichts als Respekt verdient. Denn Mugler, ein Mann der Bühne, machte Mode zu hochdramatischen Übertreibungsspektakeln.

Manfred Thierry Mugler kommt 1948 in Strassburg als Sohn eines ausgewanderten, konservativen österreichischen Arztes zur Welt. Er ist ein Einzelgänger, der sich in fantastische Welten flüchtet, er möchte am liebsten in einer Grotte im Wald leben und liebt die Illustrierten mit den glamourösen Bildern von Hollywoodstars.

Sein Glück ist, dass er nur wenige Schritte von der Kathedrale entfernt wohnt. Sie wird zu seiner Zuflucht. «O Gott, die Schule war so langweilig!», beschwerte er sich 2020 in einem Interview, «ich ging nie hin! Ich bin also morgens aus dem Haus gegangen – ich war aber immer zu spät! Und wenn man zu spät war, dann war die Tür verschlossen, man hätte also zu einer anderen Tür gehen müssen. Da hätte man mich aber bemerkt. Also habe ich immer gesagt: Na ja, zu spät! Ich bin also immer ins Museum oder in die Kathedrale gegangen. Ich habe Jahre meiner Kindheit morgens in der Kathedrale verbracht und den Nonnen bei der Chorprobe zugehört. Das war so viel interessanter als die Schule.»

Mugler 1999 in New York

Bild: imago

Mit neun nimmt er Ballettunterricht. Mit zwölf versucht er zum ersten Mal «Regie» zu führen und wählt dafür nicht was Altersgerechtes, sondern «Macbeth». Seine Lady Macbeth ist neun Jahre alt. Mit vierzehn ist er im Ballett bereits so weit, dass er dem Ensemble der Opéra national du Rhin beitreten kann. «Meine Eltern haben mir das nie vergeben, doch es hat mich befreit. Und die Magie der Bühne hat mich nie verlassen», sagte er 2013.

Die nächsten zehn Jahre ernährt er sich «von Butterbroten»: «Ich war ein dünner Tänzer, der hart arbeitete, war jeden Abend auf der Bühne, habe kaum gegessen, habe mir ein schreckliches Zimmer mit einem anderen Tänzer geteilt – das war sehr minimalistisch. Aber wen interessiert’s? Ich hatte den Spirit und inspirierende Leute um mich!»

Beyoncé in Mugler

Bild: imago

An der Opéra lernt er die anderen Abteilungen für Verwandlungskunst kennen, besonders Kostümdesign fasziniert ihn. Neben seinem Job als Tänzer belegt er Kurse an der Kunsthochschule, er will zunächst Innenarchitekt werden. Mit zwanzig zieht er nach Paris – trägt seine eigene Mode und begeistert damit die Bohème. Zuerst arbeitet er als Designer und Stylist für diverse grosse Modehäuser, dann wird er selbst zur Marke.

Doch die Mode der 60er bereitet ihm mehr Kummer als Freude: Er hasst den verspielten Hippie-Chic aus London, das ist ihm alles zu bunt und zu «folkloristisch», ihm schwebt etwas Klareres, Abstrakteres vor. «Ich entwarf Kleider, weil ich nach etwas suchte, was es nicht gab, ich musste meine eigene Welt schaffen», sagt er später, und: «Mode ist ein Film. Du stehst jeden Morgen auf und bist dein eigener Regisseur.»

Mugler sucht nach einer neuen Zeitlosigkeit. Seine Kreationen sollen klassisch und futuristisch zugleich sein. Er will Hollywood-Diven mit Meerjungfrauen und Aliens kreuzen. Ein bisschen Hitchcock im Weltall. Er inszeniert sehr viel nackte Haut – die bei näherem Hinsehen oft gar nicht nackt, sondern Teil eines Kostüms ist.

Die Frauen, die er einkleidet, sollen «grösser und stärker als gewöhnliche Sterbliche» sein. Die Schultern breiter, die Taillen enger, Muglers Mode sieht stets ein wenig aus wie bei einer Fetisch-Party. Und erlaubt doch erstaunlich viel Bewegungsfreiheit, weil der Balletttänzer immer mitdenkt. «To muglerize» bedeutet, mit Muglers Mitteln über das menschliche Mittelmass hinauszuwachsen. Grösser als das Leben eben.

Er ist der Erste, der – lang vor den Multiplikatoren der sozialen Medien – das Potential von Celebrities als Models erkennt, erfolgreich einsetzt und bis zuletzt durchzieht. Das zertropfte Glitzerkleid von Kim Kardashian wird zu seinem letzten grossen Auftritt.

«Wet Look» nennt sich der Stil, den Kim Kardashian hier trägt

Bild: Evan Agostini/Invision/AP/Invision

Seine Liebe zu allem Ausser- und Überirdischen und der kirchlichen Prägung seiner Kindheit manifestiert sich auch in den Namen seiner Parfums: Angel, Alien und A*Men. Die Angel-Flacons sind exzentrisch verzogene Kristallsterne. Wurfgeschossen gleich. Abwehren kann man die nur mit seinen harnischartigen Corsagen.

Angel ist ein typischer Duft der 90er-Jahre. Süss. Schwer. Ein Destillat von Lieblingsdüften aus Muglers Kindheit: «Die Magie des Jahrmarkts, das süsse Aroma von Marshmallows, Zuckerwatte und gebrannten Mandeln», wie das in der Produktbeschreibung heisst. Dazu natürlich die damals unverzichtbaren Patchouli, Bergamotte, Vanille, Karamell und Schokolade. Angel ist das erste blaue Damenparfum der Welt. Alles muss immer ein bisschen anders sein.

Eine von Muglers Hauptmusen ist kein anderer als Lieblings-Engel-und-Alien David Bowie. Mugler kreiert für den Sänger Bühnen- und Privatkostüme, etwa seinen Anzug für die Hochzeit mit Iman.

1992 versucht sich Mugler noch einmal ausserhalb von Modeschauen als Regisseur. Er dreht den Videoclip zu «Too Funky» von George Michael. Der Inhalt: Eine Modeschau, während der die Models (darunter Linda Evangelista, Nadja Auermann und Tyra Banks) alle Mugler tragen und langsam die Krallen gegeneinander ausfahren.

«Too Funky»

Er wird bis zu seinem Tod erzählen, dass er bei dem Video Regie geführt habe. Dabei ersetzt ihn Michael mit einem anderen und übernimmt am Ende selbst. Hinter «Too Funky» stehen vier Drehtage in einem Vorort von Paris, drei Regisseure und eine Million Dollar. Und ein Zerwürfnis, weil George Michael ein Hemd von Jean Paul Gaultier trug. Von jenem Designer also, der Mugler am ähnlichsten war mit seiner Inszenierung der Frau als Amazone. Und der damals gerade Madonna für ihre «Blond Ambition»-Tour mit einem gefährlich zugespitzten Bustier ausgestattet hatte.

1993 trägt Demi Moore Mugler. In «Indecent Proposal»

Bild: imago

Ab den Nullerjahren zieht sich Mugler aus der Modebranche zurück und widmete sich ganz den Einzelanfertigungen für Prominente wie Lady Gaga, Cardi B, Rihanna oder Beyoncé, die dem Verstorbenen auf ihrer Homepage eine grosse Collage mit seinen Bühnenkostümen widmet.

Und er arbeitet glücklich fürs Theater. Lässt seine wildesten Kindheitsfantasien für das Bolschoi-Ballett, den Cirque du soleil oder den Berliner Friedrichstadt-Palast wahr werden. Wesen zwischen Mensch, Maschine und Tier. Die totale Entgrenzung. Ganz wichtig: Auch seine Männer müssen immer ein bisschen Frauen sein. So, wie auch seine Herrenparfums nie zu weit vom Originalduft abweichen dürfen. «Energie, Weiblichkeit und Freude» sind die Prinzipien von allem.

«Ich bin einfach ein positiver Mensch mit einer positiven Lebenseinstellung», sagte er über sich selbst, einer, der sich am Ende alles ermöglicht hatte. Privat war er seit 2014 mit dem polnischstämmigen und in Berlin lebenden, 59-jährigen Künstler Krzysztof Leon Dziemaszkiewicz zusammen. Berlin wurde so zu seiner Zweitheimat.

«Ich erinnere mich an den vergangenen Winter, ich war draussen, es war sehr neblig», beginnt seine liebste Berliner Begegnung. «Zuerst sah ich einen Fuchs. Und dann kam aus dem Nebel ein wunderschönes Mädchen auf einem Fahrrad. Es war ganz unwirklich: Sie war sehr blass und blond, einfach wunderschön, und fuhr ganz langsam mit dem Rad. Aus dem Nebel hinaus und wieder in den Nebel hinein.»

Und wer weiss, vielleicht haben der Fuchs und das Mädchen den grossen Meister der Extravaganz jetzt durch den Nebel in sein eigenes fantastisch gefülltes Jenseits begleitet.

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18 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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ZEUS aKal-El
24.01.2022 20:40registriert März 2021
Ich kannte ihn bis jetzt nicht....aber die Kleider😃
Zum Beispiel das goldene (Alien-)Kostüm von Beyoncé🤩

Schöne Hommage😊
624
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Schlüsselblüemli
24.01.2022 20:45registriert April 2020
Sympathischer Mann!
408
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