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epa08487978 A  car burns after scenes of violence in the Gresilles neighborhood in Dijon, France, 15 June 2020 (issued 16 June 2020). Members of the Chechen community gathered in Dijon to avenge one of their family, who was allegedly beaten last week.  EPA/VINCENT LINDENEHER  FRANCE OUT / SHUTTERSTOCK OUT

Szenen wie im Bürgerkrieg: Les Grésilles im Nordosten von Dijon. Bild: keystone

In Dijon ist Krieg ausgebrochen – Banden bekämpfen sich seit Tagen auf den Strassen



Les Grésilles ist ein Quartier im Nordosten der französischen Stadt Dijon, in dem rund 8500 Einwohner leben, viele davon nordafrikanischer Herkunft. Die Vorstadt ist bekannt als Umschlagplatz für Drogen, wie der «Figaro» schreibt, und gilt als «quartier sensible» – die französische Umschreibung für «Problemviertel». Doch was sich in den letzten vier Tagen dort abgespielt hat, ist auch für die Verhältnisse in den französischen Banlieues aussergewöhnlich: Rund hundert Männer – zum Teil maskiert und mit Sturmgewehren, Eisenstangen, Baseballschlägern oder Messern bewaffnet – patrouillierten durch die Strassen, schossen in die Luft, zündeten Abfalleimer und Autos an und zerstörten Überwachungskameras.

Die Szenen in der Hauptstadt der historischen Region Burgund, die an Bilder aus einem Bürgerkrieg erinnern, sind die Folge einer «Strafexpedition» von Tschetschenen gegen angebliche Drogendealer maghrebinischer Herkunft in Les Grésilles und die Reaktion der Angegriffenen auf die Aktion. Die Tschetschenen, die einem Aufruf in den sozialen Medien gefolgt sein sollen, kamen zum Teil aus anderen Teilen Frankreichs sowie aus Belgien und Deutschland nach Dijon.

Dies gab ein Mann, der sich als Tschetschene bezeichnete, im Lokalblatt Le Bien Public an. Er habe auch an der «Strafexpedition» teilgenommen, erklärte er. Es sei darum gegangen, einen 16-jährigen Tschetschenen zu rächen, der von Drogendealern zusammengeschlagen worden sei. Man habe jedoch nie die Absicht gehabt, die Stadt zu verwüsten oder die Einwohner zu belästigen.

Die Auseinandersetzungen begannen in der Nacht vom Freitag auf den Samstag, als sich etwa hundert Tschetschenen im Zentrum versammelten. Sie griffen eine Bar an, die als Treffpunkt von Dealern gilt und deren Besitzer für den Angriff auf den 16-Jährigen verantwortlich sein soll. Die Polizei versuchte der Situation mit Tränengas Herr zu werden. In der folgenden Nacht trafen etwa 50 Tschetschenen auf Maghrebiner, es fielen Schüsse. Der Eigentümer einer Pizzeria wurde dabei durch einen Schuss in den Rücken schwer verletzt, soll sich aber nicht in Lebensgefahr befinden.

Am Sonntag und in der Nacht auf den Montag war eine Gruppe von rund 200 Tschetschenen unterwegs, die zum Teil in Autos langsam umherfuhren. Dabei kam es zu einem Unfall, als ein anderes Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit an der Gruppe vorbeifuhr und sich danach überschlug. Während der Nacht blieb es in Les Grésilles weitgehend ruhig, doch im südwestlichen Vorort Chenôve wurden mehrere Fahrzeuge angezündet. Bisher sind insgesamt zwölf Personen verletzt worden.

Auch der Unfall wurde gefilmt:

Konservative und rechte Oppositionspolitiker warfen der Regierung vor, nicht schnell genug eingegriffen zu haben. François Rebsamen, der Bürgermeister von Dijon, der sich Ende Juni der Wiederwahl stellt, sprach von «inakzeptablen und absolut beispiellosen Vorfällen». Rebsamen ersuchte den französischen Innenminister Christophe Castaner um Verstärkung der Sicherheitskräfte. Castaner forderte den Präfekten des Departements, Bernhard Schmeltz, dazu auf, sich persönlich um die Koordinierung der Polizeiaktionen zu kümmern.

Überdies besuchte Staatssekretär Laurent Nuñez am Dienstag Dijon, um einen persönlichen Augenschein zu nehmen. Es seien zwei Einheiten eines Spezialeinsatzkommandos zur Unterstützung der Polizei vor Ort im Einsatz, sagte er. Er habe keinen Zweifel, dass durch die eingeleitete Untersuchung der Vorfälle die Täter ermittelt würden. Bereits am Sonntag waren 37 Beamte der französischen Bereitschaftspolizei CRS (Compagnies Républicaines de Sécurité) mit weiteren Verstärkungen eingetroffen, am Montag wurden zusätzlich 110 Beamte der Gendarmerie abkommandiert. Verhaftet wurden bisher vier Personen.

Die Bewaffneten seien «mit Schlagstöcken, Sturmgewehren und Kriegswaffen» ausgerüstet gewesen, sagte der regionale Vorsitzende der Gewerkschaft der Nationalpolizei Alliance PN, Stéphane Ragonneau, der Nachrichtenplattform Franceinfo. Der Vorfall könne nicht mit anderen Auseinandersetzungen in Vororten verglichen werden.

Dijon ist ein eher ungewöhnlicher Schauplatz für gewalttätige Auseinandersetzungen in Frankreich. Während es in den Vorstädten der Hauptstadt Paris oder der Küstenmetropole Marseille häufiger zu Zusammenstössen mit der Polizei kommt, gilt die Stadt in der ostfranzösischen Region Burgund als ruhiges Pflaster. Er verstehe, dass die Bevölkerung nun verunsichert sei, sagte Nuñez. Bei der Ermittlung der Täter gebe es Hinweise, so der Staatssekretär.

Zusammenstösse auch in Nizza

Am Sonntagabend kam es laut dem «Figaro» auch in Nizza zu Zusammenstössen. Dort sei die Lage seit Wochen gespannt, schreibt die Zeitung. Am späten Abend wurde im Quartier Liseron, in dem der Drogenhandel floriert, geschossen. Drei Personen, zwei davon tschetschenischer Herkunft, wurden verletzt. Die Polizei verhaftete sechs Personen. Bürgermeister Christian Etrosi forderte eine Kompanie CRS an. Bereits im April waren in Nizza zwei Tschetschenen durch das Feuer halbautomatischer Waffen verletzt worden; am 11. Juni waren erneut Schüsse zu hören und ein von Messerstichen Verletzter musste hospitalisiert werden. Zwei Tschetschenen wurden damals verhaftet.

Wie viele Personen tschetschenischer Herkunft in Frankreich leben, lässt sich nicht sagen, da sie in der Statistik bei den russischen Staatsangehörigen mitgezählt werden.

(dhr mit Material der Nachrichtenagentur SDA)

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