Grosser Ebola-Ausbruch im Kongo – 13 Antworten zum «Killer-Virus»
Ebola schaffte es einst bis in die Schweiz: Zwei infizierte Personen wurden hier behandelt. Der Basler Epidemiologe Marcel Tanner, ehemaliger Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts, war an einem dieser Fälle beteiligt.
Nun hat die Weltgesundheitsorganisation WHO wegen des Ebola-Ausbruchs in der Demokratischen Republik Kongo und Uganda den Gesundheitsnotstand ausgerufen. Verursacht wurde dieser Ausbruch durch den Ebola-Stamm Bundibugyo. Der ansteigende Trend von Verdachts- und Todesfällen in Ituri weise darauf hin, dass der Ausbruch möglicherweise viel grösser sei als bislang entdeckt und berichtet, heisst es bei der WHO. Mit dem Basler Epidemiologe und Afrika-Experten Marcel Tanner beantworten wir die wichtigsten Fragen.
Wie viele Fälle gibt es aktuell?
Die Gesundheitsbehörden melden, dass in der Provinz Ituri im Nordosten des Kongo acht nachgewiesene und 246 mutmassliche Fälle der gefährlichen Fieberkrankheit aufgetreten sind. Zusätzlich sei bereits ein Fall in der weit entfernten Hauptstadt Kinshasa nachgewiesen worden, und zwei infizierte Personen aus dem Kongo sind nach Uganda gereist. Die WHO berichtete von bislang 80 Ebola-Todesfällen in Ituri. Die afrikanische Gesundheitsbehörde Africa CDC hatte zuletzt für die Demokratische Republik Kongo etwas höhere Zahlen, nämlich 336 Verdachtsfälle und 88 Todesfälle, gemeldet.
Was ist das für eine Ebola-Variante?
Die Variante Bundibugyo ist selten. Am häufigsten kommt die Zaire-Variante vor, die gefährlicher ist als Bundibugyo.
Welche Symptome löst das Ebola-Virus aus?
Nach der Ansteckung dauert es rund 8 bis 10 Tage, bis die ersten Symptome auftreten. Zu Beginn kommt es zu einem plötzlichen Fieberanstieg, mit Kopf- und Halsschmerzen wie auch Muskel- und Gelenkschmerzen. Nach etwa vier Tagen kommen Übelkeit, Durchfall und Erbrechen dazu. Bei einem Teil der Patienten treten Blutungen auf. Ein Multiorganversagen von Niere, Leber und Kreislauf führt beim Bundibugyo-Virus bei der Hälfte der Erkrankten zum Tode. Dieser tritt in der Regel 6 bis 16 Tage nach Symptombeginn ein.
Ist die Erkrankung mit der Bundibugyo-Variante weniger schwer?
Nein. Bei diesen sogenannten hämorrhagischen Viren, zu denen Ebola gehört, ist vor allem die Sterblichkeit unterschiedlich, aber oft nicht die Schwere der Krankheit. «Wenn man nichts gegen die Erkrankung unternehmen kann, ist das Risiko der Mortalität beim Zaire-Virus zwischen 50 bis 80 Prozent. Bei Bundibugyo 30 bis 50 Prozent», sagt Marcel Tanner. Bis zur Hälfte der Erkrankten kann somit an der Variante Bundibugyo sterben, was zeigt, wie gefährlich auch diese Variante ist.
Woher kommen die Ebola-Viren?
Flughunde sind ein Reservoir für Ebola-Viren. Diese springen bei der sogenannten Zoonose allerdings weniger direkt vom Tier auf den Menschen über, sondern zuerst auf andere Tiere. An Ebola können aber alle Tiere, sowohl Antilopen als auch Affen erkranken, auch der Mensch. Auf ihn springt das Ebola-Virus dann oft über die Jagd. Der Jäger erwischt meist die schwächeren Tiere und nicht die gesunden. «Somit ist das Risiko, dass das Tier durch Ebola infiziert ist, grösser», sagt Tanner. Wird das Tier schliesslich im Dorf geteilt und von vielen gegessen, infizieren sich dementsprechend viele. Im Dorf erkranken und sterben viele daran. Trotzdem bleibt das Virus in der Regel im Dorf und verteilt sich nicht übers ganze Land, wenn die Menschen nicht reisen.
Wie steckt man sich mit Ebola an?
Im Gegensatz zum Corona-Virus, das sich über Tröpfchen von Mensch zu Mensch überträgt, braucht es bei Ebola engeren Kontakt über Körperflüssigkeiten. Das Ebola-Virus ist im Blut, im Urin und Stuhl, im Schweiss und in den Spermien. Epidemiologe Tanner hat ein Beispiel: Ein infizierter Mann ist von Liberia nach Nigeria geflogen, nach Lagos. Er erbrach im Flugzeug, was in Nigeria zu 13 Folgefällen führte. Schnell herrschte Panik, dass sich das Virus in den Armutsvierteln von Lagos verbreiten könnte. Die Contact-Tracer der Unicef klärten 9000 Fälle ab, weshalb es keine Epidemie gab.
Was ist bei einem Ebola-Ausbruch zu tun?
Schnelle lokale Behandlung, Isolation, Schutzkleidung und Infektionsmittel sowie gute klinische, symptomatische Betreuung vor allem auch Flüssigkeitszufuhr. Damit hat man die Ausbrüche bisher immer regional unter Kontrolle gehalten. Schwieriger wird das, wenn die Menschen in Afrika ihre Dörfer verlassen und mobil sind. Das geschah vor allem 2014 bis 2016 in Westafrika. Die schwerste Ebola-Epidemie seit der Entdeckung des Virus führte zu rund 11000 Toten durch die Zaire-Variante. Dort brach das System der lokalen, peripheren Versorgung zusammen, Sanitätsposten wurden geschlossen, weil die Mitarbeiter zum Beispiel keine Desinfektionsmittel hatten und keinen Lohn mehr erhielten. Darauf reisten die Ebola-Erkrankten in die grossen Städte und verteilten das Virus im Lande. «In den Busch-Taxis war die Übertragung einfach, das ist 2014 und 2015 passiert», sagt Tanner. In kurzer Zeit war das Ebola-Virus in den Slums von Monrovia.
Warum gab es bis anhin keine Ebola-Pandemien?
Mit den klassischen Methoden der Isolation, Desinfektion, der symptomatischen Behandlung und Sorgfalt bei Bestattungen bekommt die Gesundheitsbehörde eines Landes das Virus in den Griff. Zum Beispiel, wenn man den Menschen erklärt, dass sie die Toten bei Beerdigungen nicht mehr umarmen sollten, wie das ihrer Kultur entspricht. Allerdings steigt in Afrika die Gefahr einer Epidemie laufend, weil die Gebiete immer dichter besiedelt sind und die Isolation von Ebola-Patienten schwieriger wird als in einem Dorf in der Steppe. Wie bei Corona muss auch bei Ebola schnell entdeckt werden, wo die Infektionsherde sind, um sofort Massnahmen zu ergreifen. Wichtig ist auch das konsequente Contact-Tracing, mit dem Kontaktpersonen von Ebola-Infizierten in Quarantäne gesetzt werden. Dann ist eine Ausbreitung, eine Pandemie auf dem ganzen Kontinent, nicht zu erwarten.
Warum ist Ebola kaum in Europa und der Schweiz?
Gegen die hämorrhagischen Viren gibt es in der Schweiz eine griffige Strategie. In den Universitätsspitälern besteht die Möglichkeit, Ebola-Patienten zu isolieren. So geschehen in zwei Fällen. 1994 wurde eine Tierärztin aus der Elfenbeinküste und 2014 der Arzt aus Kuba, der sich in Sierra Leone infizierte, in Basel und Genf in Isolation gesund gepflegt.
Gibt es einen Impfstoff gegen Ebola?
Gegen die Bundibugyo-Variante gibt es keinen Impfstoff. Dagegen gibt es gegen die Zaire-Variante zwei Impfstoffe. Jener von Johnson&Johnson gegen den gefährlichsten Stamm wurde im Jahr 2020 zugelassen und wird insbesondere für exponiertes Personal eingesetzt. Für das Bundibugyo-Virus und andere Spezies befindet sich die Impfstoffentwicklung noch in klinischen Prüfphasen.
Wie sieht die Therapie aus?
Gegen das Bundibugyo-Virus gibt es keine spezifische Therapie. Behandelt wird symptomatisch. Das Virus geht in die Gefässzellen, wenn es sich dort vermehrt, zerstört es die Zellen und löst unter anderem die bei hämorrhagischen Viren typischen Blutungen aus. Die meisten haben sehr starkes Fieber, das mit Fieber- und Entzündungssenkern behandelt wird. Es gibt auch einen Off-Label-Use von antiviralen Substanzen. Zum Beispiel das Medikament Remdesivir. Bei Ebola konnte es die Schwere der Erkrankung mindern. Auch Favipiravir, ursprünglich gegen Grippe entwickelt, scheint zu wirken. Bei Ebola konnten diese Medikamente die Schwere der Erkrankung mindern, sie müssen aber früh verarbreicht werden. Eingesetzt werden zudem zwei monoklonale Antikörperpräparate, die für die Behandlung der durch das Zairevirus verursachten Erkrankung zugelassen sind.
Kann den Infizierten im Kongo geholfen werden?
Aktuell ist die Versorgung der Ebola-Patienten im komplexen Ostkongo schwierig, weil dort verschiedene Rebellengruppen aktiv sind. Für Ärztinnen und Ärzte von Médicins sans Frontière und der WHO ist es dann schwierig, in die betroffenen Dörfer zu kommen. Die sozialpolitische Instabilität begünstigt einen solchen Ebola-Ausbruch, wie er gerade stattfindet.
Gibt es noch weitere Zoonosen als jene mit Ebola-Viren?
Von 1400 Infektionskrankheiten sind 800 Zoonosen, also Übertragungen vom Tier auf den Menschen. Davon sind erst wenige auf den Menschen übersprungen: Unter anderem Ebola, Mers, Vogelgrippe, Sars-1, Sars-2, Nipah sowie Tollwut. Es gibt somit noch Hunderte mehr, welche der Mensch im Kontakt mit dem Ökosystem auflesen könnte. Entscheidend ist nach der Zoonose, wie sich das Virus danach von Mensch zu Mensch überträgt. Bei Sars-1 ging das schlecht, bei Sars-CoV-2 dann sehr leicht. (aargauerzeitung.ch)

