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«Das beste Mittel gegen Gewalt ist Hinschauen», sagt die deutsche Kriminologin Rita Steffes-enn. 
Bild: EPA DPA
Interview

Der «perfekte» Massendiebstahl: «Die sexuellen Belästigungen in Köln waren geplant»

Eine These zur Silvesternacht in Köln verdichtet sich: Die sexuellen Belästigungen waren Ablenkungsmanöver mit dem Ziel, an Handtaschen und Handys zu kommen. Die deutsche Polizeiforscherin Rita Steffes-enn, bezeichnet im Gespräch das Vorgehen als «aus Tätersicht perfekt», weil es effiziente Arbeitsmethoden mit Spass verbinde. 
07.01.2016, 07:2008.01.2016, 16:28

Frau Steffes-enn, die Kölner Polizei beschrieb die sexuellen Belästigungen als eine Art Ablenkungsmanöver zum Stehlen. Das klingt abenteuerlich. 
Rita Steffes-enn​: Das mag abenteuerlich klingen. Aber anhand der Informationen, die mir vorliegen, muss ich davon ausgehen. Bei über 100 Anzeigen waren nur zwei Anzeigen wegen Vergewaltigung, bei drei Vierteln solche wegen sexueller Belästigung und Diebstahl. Wären die Attacken rein sexuell motiviert gewesen, hätte es konsequenterweise mehr Vergewaltigungen geben müssen. Da dies nicht der Fall war, muss davon ausgegangen werden, dass das Ziel des Delikts mit dem Diebstahl erfüllt war. 

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Kriminologin Rita Steffes-enn.
Bild: zvg
Zur Person 
Rita Steffes-enn ist Kriminologin am Zentrum für Kriminologie und Polizeiforschung in Kaisersesch, unweit von Köln. In Trainings arbeitet sie direkt mit Sexual- und Gewaltstraftätern zusammen. Ihre Schwerpunkte sind Gewalt- und Sexualdelinquenz sowie empirische und angewandte Polizeiforschung. Steffes-enn studierte Kriminologie und Sozialarbeit. Zuvor war sie als Polizeibeamtin in Rheinland-Pfalz tätig. (rar)

​Aber es ist doch nicht jeder Dieb auch ein Sexualstraftäter? 
​Natürlich nicht. Aber die Masche der sexuellen Belästigung ist schnell, effektiv und als Ablenkungsmanöver bestens geeignet. Eine Frau, die von allen Seiten angefasst, geschubst und beschimpft wird, ist in erster Linie darauf fokussiert, die Belästigungen abzuwehren und nicht ihre Handtasche zu schützen. Wenn die Tat dann auch noch ein bisschen Spass macht, ist das Vorgehen aus Tätersicht perfekt.

Sie glauben also an ein strategisches Vorgehen der Täter? 
Ja, die Attacken waren geplant und strategisch. Sie kamen in grossen Gruppen, zwei bis drei Männer führten die Belästigungen durch, ein innerer Kreis schützte vor Sicht und ein äusserer stand quasi Schmiere. Das Opfer ist eingekesselt und in Todesangst.

«Wenn in einer so kurzen Zeit, am selben Ort eine derartige Zahl von Delikten verübt wird, muss das Vorgehen abgesprochen worden sein.»

War auch der Treffpunkt im Vorfeld abgemacht? 
Inwieweit die Täter sich bereits im Vorfeld abgesprochen haben, muss polizeilich ermittelt werden. Aber wenn in einer so kurzen Zeit, am selben Ort eine derartige Zahl von Delikten verübt wird, muss das Vorgehen zumindest auf Platz abgesprochen worden sein. Ohne Koordination eines Rädelsführers hätte das nicht funktioniert. Das ist eine neue Dimension der Tat.​

Müssen wir uns auf mehr solche Attacken gefasst machen?
Das Perfide ist, dass die Täter bei solchen Attacken durch die Dynamik der Situation sehr gut geschützt sind. Die Opfer werden kaum zweifelsfrei aussagen können, welcher Täter genau welches Delikt begangen hat und wie er ausgesehen hat. Das macht die juristische Beweisführung schwierig. Für die Ermittlungsarbeit kann man nur hoffen, dass Handyfilme Aufschluss darüber geben können. Es würde mich aber nicht wundern, wenn es zwar zu ein paar Verhaftungen, aber kaum Verurteilungen kommen wird. 

Sie betreiben Polizeiforschung. Warum konnte die Polizei die Attacken nicht verhindern?  
​Die Täter waren einerseits durch die Menschenmasse geschützt, andererseits kann eine Polizeistreife aus zwei Mann eine solche Gruppe kaum effektiv aufhalten. Eine Konsequenz wäre verstärkte Polizeipräsenz. Da beginnt das Personalproblem. In der Nähe von Polizisten würden die Angreifer überdies natürlich nicht zur Tat schreiten. Also wären Zivilpolizisten nötig. Unsichtbare Polizisten werden aber dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung nicht gerecht. 

Dieses Bedürfnis dürfte gerade jetzt wieder grösser werden. Nicht zuletzt aufgrund der schieren Menge an zur Anzeige gebrachten sexuellen Übergriffen. 
Ja. Die Zahl muss man aber etwas relativieren. Es handelt sich um drei verschiedene Gruppen: Ein Teil gehört – leider – zur Standard-Zahl sexueller Übergriffe, die jeden Tag passieren. Ein zweiter Teil gehört zu den sexuellen Übergriffen, die bei jeder Grossveranstaltung – beispielsweise an Oktoberfesten – vorkommen, und beim dritten Teil handelt es sich um jene Übergriffe mit Diebstahl als Ziel. 

«Wenn wir jetzt die Angst siegen lassen und nicht mehr auf die Strasse gehen, überlassen wir sie der Kriminalität.»

Was das Ganze nicht angenehmer macht für die Opfer. Was passiert mit ihnen? 
Das Vorgehen der Täter ist in hohem Masse traumatisch für die Opfer. Deswegen wäre es mir auch lieber, wenn man sie in der ganzen Debatte nicht vergessen würde. Die Opfer wurden in Todesangst versetzt und mussten nach der sexuellen Belästigung auch noch bemerken, dass sie ausgeraubt wurden. Die Täter verfügen nach der Tat also über höchst persönliche Daten der Opfer. Sie wissen vielleicht, wo sie wohnen, wer ihre Freundinnen sind und haben Einblick in die privaten Fotos. Das ist sehr belastend. 

Wie können Frauen sich denn vor solchen Taten schützen? Die Kölner Bürgermeisterin schlug vor ​«stets eine Armlänge Abstand zu lästigen Männern» zu halten. 
Das ist natürlich unbeholfen. Und in solch einer Situation völlig realitätsfremd, aber es ist auch ein Versuch, nicht die Angst zu fördern, sondern den Mut, sich zu wehren. Und da sehe ich den richtigen Ansatz. Hinschauen ist das beste Mittel. Nach diesem schrecklichen Ereignis sind viele Menschen sensibilisiert. Sie werden die Situation einer von Männern umzingelten Frau ganz anders bewerten und im Idealfall eingreifen. 

Im Idealfall. Darauf zählen kann aber keine. 
​Nein. Aber wenn wir jetzt die Angst siegen lassen und nicht mehr auf die Strasse gehen, überlassen wir sie der Kriminalität. Wir müssen trotzdem weiter feiern, auch in Massen und eben unsere Werte und nicht die der Kriminellen hinaus auf die Strasse tragen.

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