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Irans Präsident Peseschkian: Gefangen zwischen Fanatismus und Reformwille

Irans Präsident Peseschkian – gefangen zwischen Fanatismus und Reformwille

Er trat an als gemässigter Politiker, der Irans Beziehungen zu den USA normalisieren wollte. Doch der iranische Präsident Massud Peseschkian droht den kompletten Machtverlust zu erleiden.
17.03.2026, 10:0617.03.2026, 10:06
Simon Maurer / ch media

Wer im Iran aktuell die Macht hat, ist offen. Der neue Ajatollah Modschtaba Khamenei soll nach Angaben des US-Kriegsministers bei einem Bombenangriff schwer verletzt worden sein und möglicherweise im Koma liegen. Entscheidungen treffen offenbar andere: im Hintergrund vor allem die Chefs der Revolutionsgarden und einflussreiche religiöse Führer. Sicher nicht tonangebend ist dagegen der einzige Mann, der direkt vom iranischen Volk gewählt wurde: Präsident Massud Peseschkian.

Iranian President Masoud Pezeshkian speaks in an open session of parliament to debate on his next year's budget bill, in Tehran, Iran, Tuesday, Oct. 29, 2024. (AP Photo/Vahid Salemi)
Massud Peseschkians Einfluss im Iran ist gering – obwohl er Präsident ist.Bild: AP

Der 71-jährige Herzchirurg gilt im Iran als gemässigter Politiker. Seine Wahl zum Präsidenten war vor zwei Jahren eine Überraschung. Neben fünf ultrakonservativen Kandidaten war er der einzige «Reformer», der von der religiösen Landesführung nach mehreren Versuchen erstmals überhaupt zur Wahl zugelassen wurde – und am Ende sogar gewann. Dies nicht zuletzt wegen einer Familiengeschichte, die in der Bevölkerung auf viel Wohlwollen stiess.

Aufenthalt an amerikanischer Elite-Universität

Peseschkian konnte sich als erfolgreicher Herzchirurg als jemand inszenieren, der lange Zeit täglich Leben gerettet hat. Sein Nachname bedeutet aus dem Persischen übersetzt «Nachfahre eines Arztes». Zudem verlor er im Jahr 1994 bei einem Autounfall ein Kind und seine Frau, eine Gynäkologin. Er zog die verbleibenden drei Kinder in der Folge alleine gross, ohne erneut zu heiraten. Im iranischen Gottesstaat ist das für einen Mann eine untypische Biografie.

Vielleicht hat sie aber damit zu tun, dass Peseschkian Teile seiner Ausbildung wie der ehemalige syrische Diktator Assad – ursprünglich ein Augenarzt – im Westen absolvierte. Er belegte einst einen Kurs an der amerikanischen Elite-Universität Harvard und bildete sich zwei Monate lang in England weiter, bevor er 2001 als Gesundheitsminister politische Verantwortung übernahm. Seine Zeit im Westen dürfte dazu beigetragen haben, dass er als Politiker eher einen gemässigten Kurs fährt. Er setzte sich immer wieder dafür ein, dass der Iran Verhandlungen mit dem Westen wiederaufnimmt und kritisierte zeitweise auch den mörderischen Umgang des Regimes mit Demonstranten.

Doch die politische Realität im Iran holt das verharmlosende Bild Peseschkians immer wieder ein. In einem Interview gab er 2014 an, einer der Initiatoren der politischen Säuberungen an der Medizinischen Universität Tabriz gewesen zu sein. Er habe als Universitätspräsident eine Kopftuchpflicht eingeführt und Frauen zum Tragen von Hosen gezwungen. Später legte er dann aber sein Vetorecht gegen ein Gesetz ein, das die Sittenpolizei dazu bemächtigt, Frauen mit Gewalt zum Tragen einer Kopfbedeckung zu nötigen.

Ein Leben geprägt von unvereinbaren Widersprüchen

Die Meinungswechsel bezüglich Kopftuchpflicht illustrieren das Dilemma, das sich durch Peseschkians ganzes Leben zieht: Er ist gefangen zwischen einem religiösen Fanatismus, den er auch für sein politisches Überleben braucht, und einem Reformwillen, der aus seiner wissenschaftlichen Ausbildung und dem Blick nach Westen entsteht.

Das zeigt sich daran, dass Peseschkian seine drei eigenen Kinder nicht nach streng religiösem Vorbild grossgezogen hat. Ein Sohn ist Physik-Dozent, ein anderer promovierter Elektrotechnik-Ingenieur und die Tochter eine Chemikerin, die in der Petrochemie-Branche arbeitet. Anders als die Familien anderer mächtiger Iraner leben die Peseschkian-Kinder auch heute noch im Land und fallen in den sozialen Medien nicht durch Prahlereien mit Reichtum auf. Stattdessen mit Engagement für Wissenschaft und Philosophie.

Ganz so fanatisch wie andere Figuren des iranischen Regimes scheint Präsident Peseschkian demnach nicht zu sein. Dennoch ist er Teil der Führungsriege der brutalen Diktatur und damit auch Stütze des Systems. Seit Kriegsbeginn hat sich zudem das Schwergewicht merklich von der Politikerriege zur militärischen Führung verschoben. Peseschkian, der schon bis zum Kriegsbeginn hin nur begrenzten Einfluss hatte und dem Ajatollah untergeordnet war, hat nun noch weniger zu sagen als zuvor.

Wie begrenzt sein Einfluss mittlerweile ist, zeigte sich etwa wenige Tage nach Beginn der iranischen Vergeltungsschläge. Peseschkian entschuldigte sich offiziell bei den Golfstaaten und erklärte, Militärkommandanten in einzelnen Provinzen hätten eigenmächtig Angriffe gestartet. Diese Aussagen musste er dann nur wenige Stunden später im iranischen Staatsfernsehen zurücknehmen, nachdem Hardliner ihn für seine «Bettel-Diplomatie» heftig kritisiert hatten. «Nehmt ihm einfach das Mikrofon weg», schrieb etwa das zu den islamistischen Medien gehörende Nachrichtenportal «Raja News».

Mit seinen zeitweise konzilianten Positionen steht Massud Peseschkian Regime-intern zunehmend isoliert da. Den Kriegsverlauf kann er gegen die Entscheidungsträger des Militärs und der religiösen Elite kaum beeinflussen. Stattdessen muss er deren Politik gegen Aussen vertreten. Damit wird aus dem gewählten Präsidenten, je länger der Krieg dauert, immer mehr ein politischer Statist. (aargauerzeitung.ch)

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