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callcenter

Die ehemalige Mitarbeiterin bezeichnete ihren Arbeitsplatz als «chicken factory». (Symbolbild) Bild: shutterstock

Interview

Ehemalige Apple-Mitarbeiterin: «Toilettenzeiten waren auf acht Minuten beschränkt»

Eine Wienerin arbeitete drei Jahre lang bei Apples Callcenter in Irland. Jetzt erhebt sie schwere Vorwürfe gegen den Konzern.

Laura Gianesi / Nordwestschweiz



Daniela Kickl, Sie arbeiteten im Callcenter von Apples Europazentrale. In Ihrem Buch «Apple Intern» prangern Sie die Arbeitsbedingungen an. Etwa die Toilettenzeiten ...
Daniela Kickl: Genau, die waren auf acht Minuten pro Tag beschränkt. Zudem wurde jede unserer Verfehlungen von den Vorgesetzten genau aufgezeichnet – egal, ob wir ein paar Minuten zu spät kamen oder die Klozeit überzogen.

Sie nannten Ihren Arbeitsplatz «chicken factory».
Wir arbeiteten wie in einer «Hühnerfabrik», da wir wie Federvieh Ellbogen an Ellbogen aneinandergedrängt sassen. Die Beine ausstrecken konnten wir auch nicht. Bei Besuch von Kaderleuten mussten wir alle persönlichen Gegenstände wegräumen, nicht einmal eine Tasse durfte noch auf unserem Pult stehen. Mitspracherecht gab es nicht.

Warum sind Sie trotzdem drei Jahre geblieben?
Ich habe immer wieder versucht, innerhalb des Unternehmens Verbesserungsvorschläge anzubringen, das Gespräch mit den Verantwortlichen zu suchen, auf die Missstände aufmerksam zu machen. Man hat mir versichert, dass Apple sich um seine Angestellten kümmert und Innovation schätzt. Geändert hat sich aber nichts. Deshalb wende ich mich von interner Kritik ab und gehe an die Öffentlichkeit.

Sie schreiben, dass sich bei Apple Angestellte «massenweise umbringen». Bei 5000 Mitarbeitern in der Europazentrale begingen gemäss Ihnen drei in einem Jahr Suizid.
Natürlich spielen bei einem Selbstmord verschiedene Faktoren eine Rolle. Ich will nicht sagen, dass Apple alleine dafür Verantwortung trägt. Aber wenn jemand angeschlagen ist und keine Unterstützung erhält, erhöht sich die Gefahr psychischer Probleme.

Wie Apple psychische Probleme behandelt, kritisieren Sie ebenso.
Ja, mir geht es dabei auch um den zynischen Umgang des Unternehmens mit seinem Selbstmord-Problem: Als sich einer meiner Mitarbeiter zu Hause umbrachte, überbrachte uns ein Vorgesetzter die Nachricht, dass er tot sei, ohne den Suizid zu erwähnen. Ganz emotionslos, und am Ende sagte er mit kaltem Lächeln, man könne sich bei psychischen Problemen an Apples Hotline wenden. Dann war er wieder weg. Echte Hilfe wurde nicht angeboten. Apple will Suizidfälle seiner Mitarbeiter totschweigen. Bei Absenzen oder Kündigungen entstanden natürlich Gerüchte, und wir mussten mit dieser Unsicherheit leben.

Sind Callcenter nicht generell Problemherde? Warum sollen sie ein spezifisches Apple-Phänomen sein?
Es ist mir bewusst, dass das Arbeitsklima nicht nur bei Apple so ist. Es wird durchaus auch andere Unternehmen und Branchen geben, die ihre Angestellten gleich behandeln. Ich will mit meinem Buch diese Ausprägung unseres Wirtschaftssystems kritisieren, das nur auf Leistung und Zahlen aus ist und den Menschen entmenschlicht. Wir sind doch keine Maschinen.

Wenn Sie Aufklärungsarbeit leisten wollen, warum haben Sie dann nicht etwa ein Komitee gegründet, statt einen 280-seitigen Text zu schreiben? Sie schildern auch viel Privates, wie etwa Ihr Liebesleben und Ihr Blasenproblem bei Stress.
Ich wollte den Prozess der Entmenschlichung aufzeigen, das Klima der Angstmacherei. Damit man das als Leser nachempfinden kann, muss man mich als Menschen verstehen, mit Familie, mit Liebhaber, mit Gefühlen und einem eigenen Hintergrund. Deshalb habe ich im Buch auch Privates dargestellt. Ich will eine tiefere Ebene erreichen, um andere Leute zu ermutigen, die auch unter ihren Arbeitsbedingungen leiden. Wir können nur etwas ändern, wenn wir unsere Stimmen erheben.

Daniela Kickl «Apple Intern». Verlag Edition A 2017. 288 Seiten. 

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18Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Capitan 23.03.2017 08:45
    Highlight Highlight Klingt nach bezahlter Zeit zum Koten.
    Soviel krieg' ich hier nicht geboten.
    Als Pause tut man es benoten.
    Unbezahlt. Nichts da auszuloten.
  • sgo 22.03.2017 10:10
    Highlight Highlight das gibt's leider auch hier in der Schweiz (Finanzunternehmen in ZH), max. Toilettenzeiten, Telefonzeiten, Pausenzeiten, alles wird vorgegeben.. und "Kranke" gibt es auch genügend!
  • fcsg 22.03.2017 09:34
    Highlight Highlight How to sell your own book for dummies...
  • Gibaue 22.03.2017 09:06
    Highlight Highlight Ob Apple oder sonstwer: Callcenter ist ein Knochenjob! Jeder hats gewusst, nur sie nicht. Ich wünsche viel Spass bei der Stellensuche, nachdem die paar Kröten vom Buch aufgebraucht sind. Die Blacklist lässt schon mal grüssen.
  • Süffu 22.03.2017 08:50
    Highlight Highlight Klingt nach dem Führungsstil von Jobs - neben den wundervollen werbetechnisch gut zu vermarktenden Bürogebäuden und den hohen Löhnen war er bekannt für seine sehr forderne bis unterdrückende Art.
  • Toerpe Zwerg 22.03.2017 08:48
    Highlight Highlight mimimi ...
  • Wehrli 22.03.2017 08:38
    Highlight Highlight Eine Packung Pampers für die Dame und etwas weniger jammern.

    ;-)
  • Madison Pierce 22.03.2017 08:33
    Highlight Highlight Das ist leider kein spezifisches Problem von Apple. Durch die neuen technischen Möglichkeiten können Mitarbeiter mit Routinejobs immer mehr überwacht werden. Man sieht, wie viele Anrufe sie annehmen, wann sie kurz Pause machen, durch Kundenumfragen sieht man, wie gut ihre Antworten waren etc.

    Das gilt nicht nur in Callcentern: in Industriebetrieben wird jeder Arbeitsschritt "ein- und ausgecheckt". Im SAP sehen die Manager dann, wer für das Polieren drei Minuten braucht, obwohl nur 2.5 Minuten vorgesehen sind. Konnte ich nicht glauben, bis ich es selbst gesehen habe.
    • Ragnarok 22.03.2017 09:34
      Highlight Highlight Dass in der Industrie in einem ERP-System die Zeiten überwacht werden, ist absolut normal. Wie will man den sonst IST-Zeiten mit SOLL-Zeiten vergleichen? Man nimmt diese Zeiten nicht auf, um Arbeiter zu messen, sondern um Fehler in Prozessen und Fertigungsrealkosten aufzuzeigen. Dass der Arbeiter ein Teil der Herstellkosten ist, ist absolut normal und diesen Teil muss genau so überwacht werden wie Maschienausfälle oder Preiserhöhungen bei den Rohmaterialien usw. Eine transparent Auflistungen aller Kostenfaktor ist für ein effizientes Arbeiten notwendig. Es ist eher die Frage, wie man mit diesen Daten umgeht.
  • StealthPanda 22.03.2017 08:13
    Highlight Highlight Nur zu gerne lese ich Berichte die Apple als schlechte Firma darstellen mit einer guten Marketing abteilung. Hier jedoch habe ich eher das Gefühl das jemand ganz viel Bücher Verkaufen will. Es ist alles drin: ein bisschen Sex, ein paar peinliche details damit man sich mit dem "Opfer" identifizieren kann, ein spritzer Tod und als beilage einen bösen grosskonzern. Gibts ReadBait? Das wäre in diesem Buch der Fall.
    • anonymer analphabet 22.03.2017 08:50
      Highlight Highlight Scheinbar hat sie auch was von der Marketing-Abteilung von Apple gelernt... Soll sie denn ein Buch schreiben, das möglichst wenig lesen?
    • StealthPanda 22.03.2017 11:43
      Highlight Highlight Jein es gibt bessere mittel und wege um die Gesellschaft über missstände aufzuklären. Bei ihr haftet der schale geschmack von: ich war unglücklich aber aus diesem unglück will ich profit schlagen und nicht helfen.Und dazu nutze ich die empörung der Leute und stelle mich als Opfer.
  • Bowell 22.03.2017 08:01
    Highlight Highlight Auch bei uns sind die Toilettenzeiten echt ein Frust. Schon nach 20 Minuten auf der Schüssel geht das Licht aus...
    • Pedro Salami 22.03.2017 08:19
      Highlight Highlight Luxus! Bei uns schon nach 15 Minuten. Bin deshalb von der 20 Minuten-App zu Watson gewechselt. So reicht es wieder. ;-)
    • Erarehumanumest 22.03.2017 08:24
      Highlight Highlight Ich komme auch gerade von einer zehnminütigen Fäkaliensitzung...
    • Der Rückbauer 22.03.2017 08:27
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