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Könnte ihm sein ausufernder und ungesunder Lebensstil noch zum Verhängnis werden? Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un (r.) ist nicht mit der allerbesten Genetik gesegnet.
Könnte ihm sein ausufernder und ungesunder Lebensstil noch zum Verhängnis werden? Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un (r.) ist nicht mit der allerbesten Genetik gesegnet.
Bild: keystone
Interview

CIA-Analystin: «Wer weiss, wie lange Kim Jong Un noch zu leben hat»

20.07.2020, 08:04
Lukas Weyell / watson.de

Wenig ist bekannt über das Innenleben einer der letzten verbliebenen kommunistischen Diktaturen der Welt. Nordkorea gilt als politisch restriktivstes System der Gegenwart. Es ist ein Land, das kaum hinter seine Kulissen blicken lässt. Wenn überhaupt Bilder und Informationen herausdringen, sind sie meistens von der nordkoreanischen Propaganda überprüft oder sogar gesteuert.

Wie es in Kim Jong Uns Machtapparat wirklich aussieht, weiss im Westen daher kaum jemand. Auch als der Diktator im vergangenen April für einige Zeit von der Bildfläche verschwand, war unklar, was dahinter steckte. Es gab Spekulationen, ob er möglicherweise sogar abgesetzt worden war. Das undurchsichtige Geflecht aus Generälen und Teilen der Kim-Familie herrscht seit 1948 und ist nur schwer zu durchschauen.

Eine derjenigen, die Licht in das Dunkel bringen, ist Jung H. Pak. Pak war mehrere Jahre als Analystin für die CIA, dem Auslandsgeheimdienst der USA, tätig und wertete Informationen über Nordkorea und das Regime von Kim Jong Un aus. Über ihr Wissen hat sie nun ein Buch geschrieben, das am 21. Juli erscheint. Es trägt den Titel «Kim Jong Un. Eine CIA-Analystin über sein Leben, seine Ziele, seine Politik». Im Interview mit watson erklärt Pak, warum Kim Jong Un viele Beobachter mit seiner Politik überrascht hat und welche Rolle Kim Jong Uns Schwester, Kim Yo-jong, innerhalb der Familien-Dynastie spielt.

«Die Leute haben Kim Jong Un am Anfang unterschätzt und viele tun das noch immer.»

Ms. Pak, Sie haben Kim Jong Un fast zehn Jahre lang für die CIA studiert. Was ist der nordkoreanische Diktator für ein Mensch?
Jung H. Pak:
Er ist aufgrund seines persönlichen Backgrounds und den Privilegien, mit denen er aufgewachsen ist, überaus selbstbewusst. Er hatte in seinem Leben nur sehr wenige Berührungspunkte mit Not. Sein Vater und Grossvater mussten Kriege überstehen und eine schwere Hungersnot durchleiden, die fast eine Million Menschen das Leben kostete. Kim Jong Un hingegen erbte ein Leben als Diktator und ein fortgeschrittenes Atomwaffen-Programm. Ausserdem ist er in Wohlstand aufgewachsen und kennt Nordkorea nur mit wachsender Wirtschaft. Sein Optimismus hinsichtlich Nordkoreas Zukunft begründet sich also aus seiner persönlichen Erfahrung.

Jung H. Pak arbeitete mehrere Jahre als Analystin für die CIA. Heute ist sie Teil der renommierten Denkfabrik «Brookings Institution».
Jung H. Pak arbeitete mehrere Jahre als Analystin für die CIA. Heute ist sie Teil der renommierten Denkfabrik «Brookings Institution».
bild: paul morigi

Sie starteten im Jahr 2009 als Analystin für die CIA, als Kim Jong-il noch das Land regierte. Damals zeichnete sich allerdings schon der Wechsel ab. Was wussten Sie damals über dessen Sohn Kim Jong Un?
Niemand wusste, ob er überhaupt die Macht übernehmen würde und wie er die nordkoreanische Politik beeinflussen würde. Viele erwarteten, dass er zurückhaltender sein und sich bei Entscheidungen von seinen Beratern beeinflussen lassen würde. Aber Kim machte recht schnell klar, dass er auf niemand anderen hören würde als auf sich selbst.

Viele Menschen haben ihn unterschätzt ...
Ja. Vielleicht haben auch die vielen Sticheleien und das Herunterspielen von Kim Jong Un innerhalb und ausserhalb Nordkoreas dazu geführt, dass er einen deutlich härteren Kurs fährt. Wenn sich jeder über dich lustig macht, sickert es irgendwann in dein Bewusstsein und du beginnst, härter zu werden. Die Leute haben Kim Jong Un am Anfang unterschätzt und viele tun das noch immer. Trotzdem sollten wir Nordkoreas Fähigkeiten auch nicht überschätzen. Es gibt einige Schwachstellen im Regime, die wir ausnutzen sollten, um unsere Interessen besser durchzusetzen.

«Kim hat weniger Angst vor den Vereinigten Staaten als vor seinem eigenen Volk.»

Kim Jong Un wird in den westlichen Medien gerne als Wahnsinniger dargestellt. In Ihrem Buch beschreiben Sie ihn aber auch als sehr smarten Strategen ...
Auch wenn er hart, aggressiv und immer noch recht jung ist,
ist er inzwischen ein erfahrener Anführer. Er ist mit 27 Jahren an die Macht gekommen und führt das Land nun seit fast einer Dekade. Selbst wenn manche Dinge daher von der Aussenansicht merkwürdig erscheinen, sind sie von der Innenansicht Nordkoreas durchaus nachvollziehbar und stehen im Einklang mit den strategischen Zielen des Landes. Aber es gibt auch einige Schwächen bei Kim Jong Un.

Welche wären das?
Er wird eingeschränkt durch mangelnde Kreativität und einer fehlenden Vision. Er ist gefangen in der Geschichte seiner Familie und dem System, das sein Vater und Grossvater kreiert haben. Dazu kommt, dass ihm keiner seiner Untergebenen neue Ideen geben kann, da jeder Angst davor hat, in Ungnade zu fallen, degradiert zu werden oder in eines der Arbeitslager zu kommen.

Es gibt aber auch tatsächlich einige Menschen um ihn herum, die ihm gefährlich werden könnten.
Darum hat Kim Jong Un auch seine Herrschaft damit begonnen, viele der altgedienten Militärs zu degradieren und den Offiziersstab zu säubern. Und er hat dabei nicht mal vor seiner eigenen Familie Halt gemacht. Es war sehr schockierend, dass er seinen Onkel 2013 ermordet hat. Normalerweise werden Familienmitglieder, die in Ungnade gefallen sind, ins Exil in der Provinz geschickt oder verschwinden einfach für ein paar Jahre. Das Kim Jong Un dieses Mal anders gehandelt hat, war sehr kalkuliert und sollte jedem zeigen, wer hier das Sagen hat. Und das hat er weiter geführt, indem er ältere Generäle degradiert und mit jüngeren ersetzt hat, die nur Kim gegenüber loyal sind.

Über Jung H. Pak
Jung H. Pak wollte zunächst Geschichtsprofessorin werden. Nachdem ein Freund ihr dazu geraten hatte, bewarb sie sich jedoch bei der CIA und wurde nach einem langen Auswahlverfahren 2009 Teil des bekannten US-amerikanischen Auslandsgeheimdienst. Aufgrund ihrer Sprachkenntnisse wurde sie als Analystin für Nordkorea eingesetzt und beriet unter anderem den Nationalen Sicherheitsrat während der Obama-Jahre zur Nordkorea-Politik. Nach dem Amtsantritt von Donald Trump wechselte Pak 2017 zur renommierten «Brookings Institution», einer Denkfabrik, bei der sie weiterhin für Süd- und Nordkorea zuständig ist. Am 21. Juli erscheint im Dumont-Verlag ihr Buch: «Kim Jong Un. Eine CIA-Analystin über sein Leben, seine Ziele, seine Politik»

Man kennt sowas auch aus dem Stalinismus in der Sowjetunion der 1930er Jahre. Welchen Zweck haben diese Säuberungen?
Dadurch stellt Kim Jong Un sicher, dass die Eliten wissen, wem sie ihr Leben und ihre Privilegien zu verdanken haben und dass ihre Loyalität absolut sein muss. Ihm ist absolut bewusst, welche Gefahr damit einhergeht, der Machthaber in Nordkorea zu sein: Sein Vater und Grossvater haben die Dynastie auf Repression und Angst aufgebaut. Ich sage oft, dass Kim weniger Angst vor den Vereinigten Staaten hat, als vor seinem eigenen Volk, denn Letzteres stellt die unmittelbarste Gefahr für sein Leben dar.

Über Kim Jong Uns Schwester Kim Yo-jong:

«Die Frage ist, warum Kim Jong Un ihr so viel öffentliche Aufmerksamkeit zukommen lässt.»

Was ist mit seiner Schwester Kim Yo-jong? Ist sie ein möglicher Rivale für Kim Jong Un?
Die Schwester ist wirklich eine interessante Figur, da sie erst vor kurzem in der Öffentlichkeit aufgetaucht ist. Als man sie 2018 zu den Olympischen Winterspielen nach Südkorea geschickt hat, wirkte sie wie das schöne und nette Gesicht Nordkoreas und begleitete Nordkoreas damaligen aussenpolitischen Schwenk Richtung Charmeoffensive. Damals hat sie die Rolle des Medienlieblings gespielt. Aber es ist trotzdem bis heute unklar, was Kim Jong Un genau mit ihr vorhat. Offensichtlich ist aber, dass sie seit dem Tod des gemeinsamen Vaters an Kim Jong Uns Seite steht und als Vertraute sowie als inoffizielle Stabschefin fungiert.

Welche Rolle könnte Kim Jong Uns Schwester in Zukunft spielen?
Diesen Juni haben wir gesehen, wie Kim Yo-jong gegen Südkorea und dessen Militär Drohungen ausgesprochen hat, die anschliessend durch die Sprengung des Verbindungsbüros zwischen Nord- und Südkorea in die Tat umgesetzt wurden. Dieses Verbindungsbüro war seit 2018 ein Symbol der neuen Kooperation zwischen beiden Staaten. Diese Aktion, die eine neue Seite von ihr zeigt, wurde sicherlich durch ihren Bruder genehmigt. Er versucht, ihre militärischen Fähigkeiten zu verbessern, was aktuell noch eine Lücke in ihrem Lebenslauf darstellt.

Für die Propaganda nah beieinander inszeniert: Kim Jong Un (m.) mit seiner Schwester Kim Yo-jong (l.) beim Erklimmen des heiligen Familienbergs Paektusan.
Für die Propaganda nah beieinander inszeniert: Kim Jong Un (m.) mit seiner Schwester Kim Yo-jong (l.) beim Erklimmen des heiligen Familienbergs Paektusan.
Bild: AP

Das Regime möchte damit sicherstellen, dass wenn sie ein Manöver befehligt, ihr auch wirklich alle gehorchen. Die Frage ist aber auch, warum Kim Jong Un ihr so viel öffentliche Aufmerksamkeit zukommen lässt. Vielleicht hat das mit dem dreiwöchigen Verschwinden Kim Jong Uns im April zu tun, oder Kim Jong Un versucht, seine Nachfolge zu regeln, weil seine Kinder noch zu jung sind, um die Regierungsgeschäfte zu übernehmen oder er möchte Verantwortlichkeiten an sie abgeben. In jedem Fall ist Kim Yo-jong eine Figur, die man im Auge behalten sollte.

Wenn Sie schon die Nachfolge ansprechen. Würde es für das Militär ein Problem darstellen, wenn die künftige Machthaberin eine Frau ist?
Das glaube ich nicht. Worauf es wirklich ankommt, ist, dass sie Teil derselben heiligen Blutlinie ist, wie Kim Jong Un. Sie ist in der Öffentlichkeit immer um ihn herum und nahe bei ihm. Das ist kein Zufall. Im vergangenen Oktober, als Kim Jong Un mit einem Pferd den Paektusan erklomm, – in der Propaganda des Regimes ist das der heilige Berg der Kim-Familie – war seine Schwester dabei und ritt ein Pferd, das exakt gleich aussah. Das sollte zeigen, dass sie von derselben Blutlinie abstammen, die ihren Vater und den verehrten Gründer Nordkoreas, Kim Il-sung umfasst. Die Blutlinie ist bedeutend wichtiger als das Geschlecht. Mit der Sprengung des Verbindungsbüros hat Kim Yo-jong ausserdem gezeigt, dass sich Brutalität und Aggressivität nicht auf die männliche Seite der Familie beschränkt. Sie ist genauso hart wie ihr Bruder.

«Wenn der Trend anhält, wer weiss, wie lange Kim Jong Un dann noch zu leben hat.»

Könnten Sie sich vorstellen, dass irgendwann jemand Nordkorea beherrschen wird, der nicht Teil der Kim-Familie ist?
Das müsste mit einiger Gewalt einhergehen, damit das wirklich passieren kann. Und selbst wenn es zu einem Militärputsch kommen würde, würden die neuen Anführer vermutlich jemanden aus der Kim-Familie brauchen, wenn auch nur als Galionsfigur. Es wurde so viel in diese Familie investiert, die komplette Propaganda Nordkoreas, von den Statuen, über Bücher bis hin zum Schulsystem – alles ist auf die Kim-Familie ausgerichtet. Es wäre sehr schwer, sie komplett auszurangieren.

 Wusste laut eigener Aussage zuvor nicht, wer Kim Jong Un ist: Ex-NBA-Star Dennis Rodman (r.) im Jahr 2014 zu Gast in Nordkorea.
Wusste laut eigener Aussage zuvor nicht, wer Kim Jong Un ist: Ex-NBA-Star Dennis Rodman (r.) im Jahr 2014 zu Gast in Nordkorea.
Bild: AP

Kim Jong Uns Vater, Kim Jong-il soll einem exzessiven Lebensstil mit vielen Partys gefrönt haben. Wie ist es bei seinem Sohn?
Obwohl sie eine sozialistische Ideologie vertreten, geniessen die Kims einen äusserst luxuriösen Lebensstil. Es gibt Berichte über ausschweifende Partys, tanzende Mädchen, Unmengen an Alkohol, Drogen und Spielen während der Herrschaft von Kim Jong Uns Vater und Grossvater, und auch Kim wird wahrscheinlich die Vorzüge geniessen, oberster Führer Nordkoreas zu sein. Der ehemalige NBA-Star Dennis Rodman besuchte Kim Jong Un mehrfach und berichtete unter anderem davon, sieben Tage lang auf Kims Jacht gefeiert und getrunken zu haben.

Die vielen Partys sollen auch mit Schuld an dem relativ frühen Tod seines Vaters sein. Könnte Kims Lebensstil auch ihm zum Verhängnis werden?
Das könnte tatsächlich zum Problem werden. Kim kann die Biologie nicht überlisten; er hat eine lange Krankengeschichte in der Familie, mit Fällen von Herzkrankheit und Diabetes. Und Kim Jong Un wird immer dicker. Es ist ziemlich offensichtlich, dass er in keiner guten Verfassung ist und dazu noch viel raucht. Sein Grossvater war 82 als er einem Herzinfarkt erlag. Sein Vater hatte einen Schlaganfall und starb 2011 im Alter von 69 Jahren. Wenn der Trend anhält, wer weiss, wie lange Kim Jong Un dann noch zu leben hat. Besonders dann, wenn er älter wird und seinen Lebensstil nicht ändert. Seine Gesundheit ist immer eine unvorhersehbare Variable, wenn es um Nordkoreas Sicherheit und Stabilität geht.

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