Strasse von Hormus: Expertin warnt vor Öl-Kreislauf-Kollaps im September
Bis September könnten die kommerziellen Lagerbestände an Öl auf eine operative Untergrenze fallen, sofern die Strasse von Hormus geschlossen bleibt. Zu diesem Schluss kommt eine Analyse von Natasha Kaneva, Rohstoffexpertin der US-Bank J.P. Morgan mit dem Titel «The illusion of plenty», übersetzt etwa «Die Illusion des Überflusses».
Die Energieexpertin und ihr Team analysieren dabei die aktuelle Lage auf dem Ölmarkt. Sie blicken auf gebunkerte Ölvorräte, gesteigerte Produktionen und die Blockade der Strasse von Hormus.
Durch die Strasse von Hormus vor der Küste des Iran wird rund ein Fünftel der weltweit benötigten Gas- und Ölmengen transportiert. Die Schiffspassage ist seit Beginn der US-Angriffe auf den Iran weitgehend dicht. Die Folgen lassen sich weltweit an steigenden Preisen an den Zapfsäulen ablesen.
Laut Angaben der Energieagentur IEA fehlen durch die Blockade rund 20 Millionen Barrel Öl am Tag. (Ein Barrel sind rund 159 Liter.) Vor allem Saudi-Arabien, das über eine Pipeline Öl über einen freien Hafen am Roten Meer exportieren kann, lindert die Ausfälle etwas.
Natasha Kaneva warnt vor Absacken wie beim Blutkreislauf
Kaneva und ihr Team beziffern das saudische Plus auf sechs Millionen Barrel pro Tag. Fehlt immer noch eine Menge von 14 Millionen Barrel am Tag. Zwar haben die USA ihre Produktion erhöht. Und China greift auf seine gewaltigen Ölreserven zurück. Doch auch das reicht laut Kaneva nicht aus, um die Blockade-Ausfälle auszugleichen. Kanevas Rechnung: Pro Tag fehlen rund acht Millionen Barrel Öl.
Das klingt überschaubar angesichts weltweiter Öl-Vorräte von derzeit rund 8,4 Milliarden Öl. Doch Kaneva macht mit ihrem Team eine andere Rechnung auf:
Anders als beim Sprit im Auto-Tank, der notfalls bis zum letzten Tropfen ausgereizt werden kann, funktioniert der weltweite Ölmarkt anders. Die Expertin vergleicht das Ganze eher mit dem Blutkreislauf des Menschen: Sackt das Level unter eine bestimmte Menge, bricht das ganze System zusammen. «Der Kreislauf ist entscheidend», so Kaneva.
Mehr als achtzig Staaten rufen Notstand aus
Im Klartext: Öltanker auf den Meeren, Raffinerien an Land und auch Tankstellen brauchen einen Mindestumlauf an Öl, damit der Treibstoff-Kreislauf in Gang bleibt. Deshalb warnen Kaneva und ihr Team vor einem möglichen Kollaps im September.
Auch andere blicken besorgt auf die Blockade der Strasse von Hormus. Paul Diggle, Chefökonom des Fondsmanagers Aberdeen, sagte der Zeitung «Financial Times», er rechne mit mit einem Anstieg des Ölpreises auf rund 180 Dollar je Barrel. Drei Mal so hoch wie vor dem Angriffsbefehl von US-Präsident Donald Trump auf den Iran. «We are living on borrowed time», so Diggle. Frei übersetzt: Die Zeit ist bereits abgelaufen.
Kanevas Kollegen von der USBank Morgan Stanley warnten jetzt: «Ein ‚Eskalationsszenario‘ – bei dem die Ölpreise auf über 150 Dollar pro Barrel steigen – würde physische Engpässe, Störungen der Lieferketten und rezessive Folgen bedeuten.»
Verwendete Quellen:
- ft.com: The global economy will soon be running on fumes (English)
- ft.com: Tipping point looms for global energy crisis (English, kostenpflichtig)
- wiwo.de: Wann werden die Ölreserven knapp? (kostenpflichtig)

