USA und China rüsten bei KI massiv auf – diese Szenarien drohen Europa
Die Vereinigten Staaten von Amerika liegen im weltweiten Wettlauf um Künstliche Intelligenz (KI) deutlich an der Spitze. Europa folgt auf dem zweiten Platz und liegt damit immerhin knapp vor China.
Zu diesem Fazit kommt eine aktuelle Untersuchung der Beratungsgesellschaft KPMG. Aus der Studie geht hervor, wie europäische Staaten ihre digitale Souveränität im neuen KI-Zeitalter stärken können. Und was im schlimmsten Fall auch der Schweiz droht.
Das Wichtigste in Kürze?
Die KPMG-Studie «AI Geopolitics 2030» zeigt auf, dass sich Europa an einem entscheidenden Wendepunkt befindet. Während die USA ihre Führungsposition durch massive Investitionen und schnelle Marktanpassung festigten, müsse Europa den Übergang von der KI-Regulierung zu einer «aktiven Innovationsführerschaft» bewältigen, um die digitale Souveränität zu sichern.
Warum liegen die USA bei der KI-Entwicklung vorn?
Die KI-Führungsposition der USA in der Rangliste mit 75,2 Punkten auf einer Skala von null bis 100 beruht darauf, dass US-Unternehmen die neue Technik zügig und umfassend im Geschäftsalltag einsetzen.
Begünstigt werde dies durch gut funktionierende Finanzmärkte und den breiten Zugriff auf leistungsstarke Computer bzw. Rechenzentren. Zudem profitierten die USA von einer starken Forschung und vielen gut ausgebildeten Fachleuten, was helfe, KI-Lösungen rasch von der Testphase in die breite Anwendung zu bringen.
«Die Führungsrolle der USA im Bereich Künstliche Intelligenz ist kein Zufall», sagte Ashish Madan, Technikchef von KPMG in Deutschland. Sie beruhe auf dem engen Zusammenspiel von Investitionen, Forschung und Anwendung.
Der Begriff Skalierung meint hier die Fähigkeit, bei steigenden Anforderungen (mehr User, mehr Daten, komplexere Aufgaben) effizient zu wachsen.
Wo bleibt Europa?
Europa liegt in der KI-Gesamtwertung mit 48,8 Punkten deutlich hinter den USA. Zwar verfüge der Kontinent über eine starke Industrie und gute Regeln für die Technik, doch diese Vorteile würden wirtschaftlich kaum genutzt. Die Einführung von KI in Unternehmen verlaufe schleppend; viele Anwendungen blieben im Versuchsstadium stecken. Hohe Strompreise, fehlende Rechenleistung und zersplitterte Finanzmärkte erschwerten es, KI im grossen Stil auszurollen.
Innerhalb des europäischen Kontinents zeige sich je nach Region ein geteiltes Bild:
- Grossbritannien und das EU-Land Irland würden am besten abschneiden und bewegten sich mit 69,2 Punkten fast auf dem amerikanischen Niveau.
- Die deutschsprachigen Länder (Schweiz, Deutschland, Österreich) liegen mit 54 Punkten im Mittelfeld.
- Mittel- und Osteuropa (28,8 Punkte) sowie Südeuropa (26,3) fallen dagegen deutlich ab, da es dort oft an Geld und technischer Ausstattung fehlt.
Die Studie empfiehlt Europa, die eigene Eigenständigkeit zu stärken, ohne sich abzuschotten. Um den Rückstand aufzuholen, müssten Genehmigungsverfahren beschleunigt und mehr Geld für wachsende Firmen bereitgestellt werden. Zudem brauche es eine Reserve an Rechenleistung für junge Unternehmen sowie mehr Fachkräfte, auch durch Zuwanderung. Ziel müsse es sein, technische Abhängigkeiten zu verringern und KI schneller in die Breite der Wirtschaft zu tragen.
Zu den Chancen für Europa heisst es:
- Umweltschutz: Wenn immer mehr KI-Rechenzentren gebaut werden, sollte man das mit der angestrebten Energiewende koppeln (Abwärmenutzung, intelligente Stromnetze). Dies könne zu einem Differenzierungsmerkmal für den Standort Europa werden.
- «Edge AI»: Da Europas Industrie dezentral organisiert sei, biete die Verarbeitung von Daten direkt vor Ort («at the edge») einen Infrastruktur-Vorteil gegenüber zentralisierten Hyperscale-Modellen, also die Rechenzentren-Strategie der Big-Tech-Konzerne.
- Vom Labor in die Fabrik: Anstatt nur Software-Plattformen zu kopieren, müsse Europa seine industrielle Stärke nutzen. Es gehe um die Anwendung von KI in den Bereichen Produktion, Logistik und Energie.
- Schnelleres Vorgehen: Gefragt sind laut Studie sogenannte «Fast-Track»-Finanzierungen innert Wochen oder Monaten. Es gelte, «privates Grosskapital» (z.B. bei Pensionskassenfonds) zu mobilisieren, um europäische Topp-KI-Projekte wachsen zu lassen.
Und China?
Das autokratische China landet in der KI-Bewertung von KPMG mit 48,2 Punkten nur knapp hinter Europa. Das Land sei zwar stark bei der Anmeldung von KI-Patenten und kontrolliere wichtige Bauteile für die Computertechnik, doch die Zusammenarbeit mit dem (demokratischen) Ausland sei gering. Diese Abschottung bremse den Wissensaustausch und verhindere oft, dass KI in der Wirtschaft gewinnbringend eingesetzt wird.
Wie sieht das Worst-Case-Szenario für Europa aus?
Ausgehend von der KPMG-Studie lassen sich vier Zukunftsszenarien bezüglich KI skizzieren:
- Kooperative KI-Weltordnung: Beim Beste-Case-Szenario entwickelt sich KI durch Offenheit, gemeinsame Standards und gemeinsame staatliche Regulierung in einem Rahmen, der für alle gut ist. Öffentlich verfügbare Rechenkapazitäten helfen, die Markteintrittshürden für Start-ups und KMUs zu senken. Ein vereintes Europa trete als globaler «Interoperabilitäts-Hub» auf, gewinne an Einfluss und profitiere massiv.
- «Plattform-Vorherrschaft»: Bei diesem Szenario gibt es keine weltweite Einigung seitens der Staaten, wie mit dem rasanten KI-Wachstum umzugehen ist. Grosse Techkonzerne füllen mit ihren global verfügbaren Plattformen das Vakuum. Sprich: Amazon, Microsoft und Co. bauen ihre nach aussen abgeschottete Cloud-Systeme weiter aus, inklusive Stromversorgung durch eigene Atomkraftwerke. Europa bleibt in einer strukturellen Abhängigkeit, die USA dominieren.
- Friedliche Blockbildung: In diesem Szenario teilt sich die Welt in rund sechs regionale Machtblöcke auf (z.B. Afrika, Atlantischer Block mit USA, Asien, Europa), die jeweils eigene, unabhängige KI-Systeme betreiben. Europa behalte dann zwar seine «regulatorische Souveränität», verliere aber wegen der begrenzten Wachstumsmöglichkeiten global an Hebelwirkung.
- KI beherrscht die Welt: Das ist das paradoxeste und unwahrscheinlichste Szenario, bei dem Staaten zwar formal ihre Souveränität behaupten, aber die reale Steuerung durch ein globales «algorithmisches Rückgrat» erfolgt. Die Macht verlagert sich von demokratischen und anderen Institutionen hin zu Protokollen und Code. KI-Systeme lernen voneinander schneller, als Staaten Gesetze verabschieden können.
PS: Oder doch nur ein übertriebener Hype?
Das deutsche Techportal golem.de beleuchtet in einem lesenswerten journalistischen Kommentar den KI-Hype und ruft zu kritischem Hinterfragen auf:
Dabei sind beide Erzählungen, die vom KI-Paradies ebenso wie die vom KI-Armageddon, natürlich Hype. Beide fokussieren auf die radikale Umwälzung der Welt in irgendeine Richtung, weitgehend ohne Bezug zu den realen Eigenschaften von KI-Systemen heutiger Prägung.»
Tatsächlich sind auf generativer KI basierende Chatbots noch lange nicht so leistungsfähig und zuverlässig, wie uns die Hersteller weismachen wollen. Ob Heilsversprechen oder Weltuntergangs-Befürchtungen: Bei KI sollte man ganz genau hinschauen und analysieren, was die neue Technik wirklich bringt – und was nicht.
DE-CIX betreibt Europas grössten Internetknoten in Frankfurt am Main, der auch weltweit zu den grössten Datenaustauschpunkten gehört. Die vorgelegte Datenstatistik umfasst nicht nur den Frankfurter Netzknoten, sondern auch die Verteilstellen in Mumbai, New York, Madrid und an anderen DE-CIX-Standorten, die mehr als 3400 lokale, regionale und globale Netzwerke miteinander verknüpfen.
Der Netzknoten in Frankfurt treibt seit Jahren den Bau von neuen Rechenzentren in der Main-Region an. Damit gilt die Region Frankfurt als einer der führenden Cloudstandorte Europas. (sda/dpa)
Quellen
- Mit Material der Nachrichtenagenturen SDA/DPA
- kpmg.com: AI Geopolitics 2030: Europas Weg zur strategischen KI-Souveränität (Studie)
- golem.de: Betäubungsmittel für den Verstand (Kommentar zum KI-Hype)
