Linke Rebellin erobert Irlands Präsidentenpalast: Wer ist Catherine Connolly?
Mit klarem Ergebnis haben die Iren Catherine Connolly zur Präsidentin für die kommenden sieben Jahre gewählt. Die unabhängige Sozialistin vereinte 63,3 Prozent der gültigen Stimmen auf sich. «Ich werde meine Stimme für den Frieden und für unsere Politik der Neutralität erheben», sagte die 68-Jährige am Samstagabend nach Bekanntgabe des Ergebnisses im Dubliner Schloss. Sie wolle das Staatsoberhaupt aller Iren sein.
Dass viele Bürger unzufrieden über den Mangel an Kandidatinnen und die harte Wahlkampagne waren, zeigte sich an der niedrigen Wahlbeteiligung von 45,8 Prozent und der hohen Zahl ungültig gemachter Stimmen (13 Prozent). Zudem machten immerhin sieben Prozent ihr Kreuz bei einem Kandidaten, der nach dem Druck der Wahlzettel seine Kandidatur zurückgezogen hatte.
Insgesamt geniesst die neue Amtsinhaberin das Vertrauen von einem Viertel der Wahlberechtigten. Connollys einzige verbliebene Konkurrentin Heather Humphrys gratulierte in Dublin herzlich: «Catherine wird auch meine Präsidentin sein.»
In ihrer auf Gälisch und Englisch frei vorgetragenen Antrittsrede sprach Connolly davon, Öffentlichkeit und Demokratie müssten sich «konstruktiven Fragen» stellen. An Anspielung an jüngste Ausschreitungen vor Asyl-Unterkünften lobte die designierte Präsidentin die Sicherheit der eigenen irischen Identität; diese gehe mit aufgeschlossener Haltung gegenüber neu ins Land Kommenden einher. Ausdrücklich erwähnte sie die «existenzielle Bedrohung durch den Klimawandel».
Kritik ab der «zunehmenden Militarisierung» der EU
Zweimal nannte die 68-Jährige das Ziel einer «neuen Republik». Was damit gemeint war, blieb am Samstag ebenso unklar wie viele Äusserungen der Alt-Linken in der monatelangen Wahlkampagne. So hatte sie sich zunächst als Pro-Europäerin dargestellt; später musste sie einräumen, dass sie bei sämtlichen EU-Referenda dieses Jahrhunderts mit Nein gestimmt hatte.
Am Brüsseler Club kritisierte sie dessen «zunehmende Militarisierung»; die deutsche Aufrüstung seit Russlands Überfall auf die Ukraine verglich sie sogar mit jener Hitlers in den 1930er Jahren. Den USA, Frankreich und Deutschland, also Irlands wichtigsten Verbündeten, sei mit Blick auf den «militärisch-industriellen Komplex» nicht zu trauen.
Sollte Connolly mit solchen Einschätzungen auch im Präsidentenpalast Áras an Uachtaráin aufwarten, dürfte es rasch zum Konflikt mit der Mitte-Rechts-Koalition unter Premierminister (gälisch: Taoiseach) Micheál Martin kommen. Die öffentliche Rede ist, jenseits unklarer Machtverhältnisse im Parlament Dáil, das einzige Instrument präsidentieller Macht auf der grünen Insel.
Das Amt gleicht insofern dem Arrangement Österreichs: zwar vom Volk gewählt, in den Kompetenzen aber stark eingeschränkt. Im Konfliktfall sitzt die gewählte Regierung am längeren Hebel. In den 1970er Jahren trat ein irischer Präsident zurück, weil er sich vom Taoiseach nicht ausreichend unterstützt fühlte.
Das neunte Kind einer Arbeiterfamilie
Die frisch Gewählte hat einen bemerkenswerten Lebensweg hinter sich, der Irlands gewaltige Entwicklung in politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht im vergangenen halben Jahrhundert widerspiegelt. Connolly ist das neunte Kind einer katholischen Arbeiterfamilie aus dem westirischen Galway; ihre Mutter starb, als Catherine 9 Jahre alt war.
Sie absolvierte zunächst im englischen Leeds ein Psychologie-Studium, studierte später Jura und praktizierte als Anwältin vor Gericht. Nach Streit mit ihrer lokalen Labour-Party zog die verheiratete Mutter von zwei erwachsenen Söhnen 2016 erstmals als Unabhängige in die Dáil ein.
Im Wahlkampf stützte sich Connolly («eine unabhängige Kandidatin mit unabhängiger Denkweise») auf eine breite Allianz linker Parteien von Grünen über Sozialdemokraten bis zur Republikanerpartei Sinn Féin.
Deren Anliegen einer baldigen Volksabstimmung über die Wiedervereinigung mit dem britisch regierten Nordosten der Insel machte sich die Kandidatin zueigen: Das Referendum solle während ihrer Amtszeit, also bis spätestens 2032, stattfinden. Freilich bedarf es dazu der Zustimmung nicht nur der Dubliner Regierung, die sich der hohen Kosten wegen skeptisch zeigt, sondern auch der Einwilligung Londons. (aargauerzeitung.ch)
