«Wir haben wirklich ein Problem»: Belgien läuft Gefahr, zum Narco-Staat zu werden
Richter warnen: Belgien entwickelt sich zu Narco-Staat
Die Botschaft des Präsidenten des Antwerpener Berufungsgerichts, Bart Willocx, ist deutlich: «Wir haben wirklich ein Problem», sagt er gegenüber dem «Guardian». Die Drogenkriminalität – nicht nur in Belgien, sondern international – stelle eine Gefahr für sein Land dar. Er führt aus:
Ein Kollege von Willocx hatte bereits im vergangenen Oktober gewarnt, dass sich das Land zu einem Drogenstaat entwickle, in dem Mafia-Gruppen eine parallele Kraft in der Gesellschaft bildeten. Der Richter blieb in seinem offenen Brief anonym. Die weitreichenden Mafiastrukturen, die sich etabliert hätten und zu Gewalt, Schiessereien, Folter und Geldwäsche geführt hätten, würden nicht nur die Polizei, sondern auch die Justiz herausfordern.
Der Generalstaatsanwalt der Regionen Antwerpen und Limburg, Guido Vermeiren, schlägt ähnliche Töne an. «Wir entwickeln uns zu einem Staat mit viel Korruption und vielen Bedrohungen», sagt er dem «Guardian». So sollen kriminelle Menschen Hafenarbeitern über 250'000 Euro (rund 225'300 Schweizer Franken) gezahlt haben, um einen einzigen Container zu bewegen. Als sich diese weigerten, seien sie bedroht und mit Bombenanschlägen konfrontiert worden. «Sie erhielten Briefe und Fotos ihrer Kinder. Ihre Häuser wurden mit selbstgebauten Sprengsätzen angegriffen», so Vermeiren.
Auch die Justiz würde ins Visier der Kriminellen geraten. So sollen Polizei- und Spitalangestellte bestochen oder eingeschüchtert worden sein, um vertrauliche Daten wie Privatadressen von Richtern preiszugeben. Zudem würden sich immer mehr belgische Richter in Schutzhäusern befinden. Der anonyme Verfasser des offenen Briefes habe vier Monate in solch einer Unterkunft verbracht.
Im Jahr 2022 kam es sogar so weit, dass sich der damalige belgische Justizminister Vincent Van Quickenborne für eine gewisse Zeit verstecken musste und Polizeischutz erhielt, da er aufgrund von Teilerfolgen gegen Drogenkriminalität Drohungen erhalten hatte. Zuvor soll er beinahe entführt worden sein.
Belgien arbeite daran, nicht zu einem Drogenstaat zu werden, sagt Willocx im Interview mit dem «Guardian». Trotzdem handle es sich um eine Bedrohung. Er zieht folgendes Fazit:
Kampagne warnt vor Zusammenbruch des Justizsystems
Die Kampagne «Fünf vor Zwölf» wurde von Gerichten und Staatsanwälten in Antwerpen ins Leben gerufen, um vor dem drohenden Zusammenbruch des belgischen Justizsystems zu warnen. Die Öffentlichkeit soll für die Krise im Justizsystem sensibilisiert werden, da diese die Rechtsstaatlichkeit in Belgien bedrohe.
Begonnen hatte die Bewegung 2025 mit Strassenprotesten von Richtern. Unter dem Banner «Unterfinanzierte Justiz = Gefahr für die Demokratie» machten sie auf marode Gebäude, Personalmangel und schlechte Arbeitsbedingungen aufmerksam.
«Der Druck auf Staatsanwälte und Richter ist enorm», betont Willocx gegenüber dem «Guardian». «Wenn es so weitergeht, werden viele Richter aus Sicherheitsgründen und aufgrund des immensen Drucks lieber nicht mehr im Strafrecht tätig sein.» Die Bedrohung durch Drogenkriminelle könne bereits jetzt unbewusst Einfluss auf das Justizsystem ausüben.
Die Richterinnen und Richter schlagen im Rahmen der Kampagne mehrere Reformen vor. Sie fordern unter anderem mehr Sicherheit vor Gericht, eine Bekämpfung der Überbelegung der Gefängnisse sowie attraktivere Gehälter und Pensionen. Die belgische Regierung erkenne das Problem laut Vermeiren zwar an, «aber dann passiert nichts mehr».
Im November 2025 sagte das Justizministerium zu, bis 2029 zusätzlich 1 Milliarde Euro (901'175'000 Schweizer Franken) bereitzustellen – doch Zweifel an ausreichenden Ressourcen bestehen weiterhin. Die jahrzehntelange Unterfinanzierung von Gerichten und Staatsanwaltschaften mache das System anfällig für Forderungen nach weiteren Kürzungen, da es als nicht gut funktionierend angesehen werde, sagt Willocx dem «Guardian». Das würde zu einem Teufelskreis führen.
Belgien: Drehscheibe für den illegalen Drogenhandel
Belgien gilt als eine der Drehscheiben für den illegalen Handel mit Cannabis und Kokain, aber auch synthetischen Drogen wie Ketamin, Ecstasy und MDMA. Vor allem der belgische Hafen Antwerpen ist als wichtiger Umschlagplatz im internationalen Drogenhandel schon lange bekannt. Laut der EU-Drogenbehörde Europol kamen im Jahr 2024 mehr als 70 Prozent des nach Europa gelangenden Kokains über Antwerpen und Rotterdam.
Doch auch am Brüsseler Flughafen nimmt der Drogenschmuggel zu. Im Jahr 2025 habe sich die beschlagnahmte Menge an illegalen Drogen am Flughafen Brüssel-Zaventem auf rund neun Tonnen verdoppelt, teilte der belgische Zoll Ende des vergangenen Jahres mit. Ausser den 7,8 Tonnen Cannabis und rund 540 Kilogramm Kokain beschlagnahmte der Zoll am Brüsseler Flughafen im letzten Jahr auch fast 500 Kilogramm für den Export bestimmtes Ketamin.
Der Grossteil des geschmuggelten Cannabis gelangte im Frachtverkehr an den Flughafen. Aber auch bei Reisenden oder in ihrem Gepäck wird die Droge immer wieder gefunden.
Aus diesen Ländern kommen die Drogen
Cannabis machte 2025 mit fast acht Tonnen den Grossteil der beschlagnahmten Drogen aus. Die Droge sei vornehmlich aus drei Ländern gekommen: Thailand, den USA und Kanada, erläuterte der Chef der Zollbehörde, Kristian Vanderwaeren, im Dezember.
Dass in den USA der Anbau von Cannabis in einigen US-Bundesstaaten mittlerweile legal sei, habe in Europa aktive kriminelle Banden auf den Plan gerufen. «Es ist offensichtlich, dass der Verkauf von Cannabis auf dem europäischen Markt mehr Geld einbringt», sagte Vanderwaeren.
Die Funde der Drogen nähmen in dem Masse zu, in dem ihre weltweite Produktion zunehme, führte Vanderwaeren aus. Zugleich sei klar, dass die Behörden «grosse Mengen» der geschmuggelten Drogen nicht entdeckten, da sie nicht alles kontrollieren könnten.
Kokain kommt vor allem aus Südamerika, vorwiegend aus Kolumbien, nach Belgien und damit nach Europa. Der europäische Kontinent ist zum Hauptabsatzmarkt für die Droge geworden – dementsprechend hätten die südamerikanischen Länder ihre Produktion gesteigert.
Mit Material der Nachrichtenagenturen SDA und AFP.
