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Ex-Gefangener des IS: «Die Dschihadisten schauten ‹Teletubbies›»

Zehn Monate lang war Nicolas Henin Geisel des «Islamischen Staats», dann kaufte ihn Frankreich offenbar frei. Jetzt spricht er über seine Zeit in Syrien: «Um Gnade zu bitten, ist das Schlimmste, was man machen kann.»



Ein Artikel von

Spiegel Online
REFILE - CORRECTING SPELLING ERROR IN NAME OF MILITARY AIRBASE   Nicolas Henin (2ndR), former French hostage and journalist, is greeted by his family moments after the arrival of the ex-hostages by helicopter from Evreux to the military airbase in Villacoublay, near Paris, April 20, 2014. Four French journalists who were held captive in Syria for more than 10 months arrived back in France on Sunday, a day after being found blindfolded and with hands bound at the Turkish border.         REUTERS/Philippe Wojazer  (FRANCE  - Tags: POLITICS MEDIA CONFLICT TPX IMAGES OF THE DAY)   ATTENTON EDITORS FRENCH LAW REQUIRES THAT THE FACES OF MINORS ARE MASKED IN PUBLICATIONS WITHIN FRANCE

Henin bei seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft. Bild: PHILIPPE WOJAZER/REUTERS

Viele andere Gefangene mussten sterben, doch Nicolas Henin überlebte die Geiselhaft: Zehn Monate war der französische Journalist in der Gewalt des britischen IS-Terroristen Mohammed Emwazi – zehn Monate lang fürchtete er, wie andere von «Jihadi John» brutal ermordet zu werden.

Mit der BBC sprach er nun über seine Zeit als IS-Geisel: «Um Gnade zu bitten, ist das Schlimmste, was man machen kann», sagte er: «Das ist dumm, versuch es nie.»

Die Dschihadisten hielten Henin von Sommer 2013 bis April 2014 in Syrien gefangen. Sieben Monate davon verbrachte der Journalist zusammen mit dem US-amerikanischen Reporter James Foley, den «Jihadi John» schliesslich enthauptete. Henin entging diesem Schicksal nur, weil die französische Regierung den Geiselnehmern offenbar ein Lösegeld in Millionenhöhe zahlte – was Briten und Amerikaner grundsätzlich ablehnen.

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In dem Interview hob Henin vor allem seine Abhängigkeit von den Terroristen hervor: «Als Geisel bist du nur eine Marionette», sagte er. Es sei daher wichtig gewesen, mit den Geiselnehmern in Kontakt zu stehen – nicht nur wegen der Versorgung mit Nahrung und Medizin: «Ich habe erfahren, dass diese Dschihadisten wenig mit den lokalen arabischen und muslimischen Kulturen zu tun haben», so Henin. «Sie sprechen unsere Sprache, sie schauen dieselben Filme wie wir.» Die Dschihadisten hätten sich alles mögliche angeschaut, «von den 'Teletubbies' bis 'Game of Thrones'». Henins Fazit: «Sie sind Produkte unserer Kultur, unserer Welt.»

Henin schrieb heimlich ein Kinderbuch

French President Francois Hollande, third from left, speaks with released French hostages, from left, Didier Francois, Edouard Elias, Nicolas Henin and Pierre Torres, at the Villacoublay military airbase, outside Paris, Sunday, April 20, 2014. The four French journalists kidnapped and held for 10 months in Syria returned home on Sunday to joyful families awaiting them. The four were freed by their captives a day earlier at the Turkish border. (AP Photo/Jacques Brinon)

Präsident Hollande nahm ihn persönlich in Empfang. Bild: Jacques Brinon/AP/KEYSTONE

Viele der Dschihadisten seien ursprünglich nach Syrien gekommen, um in dem seit vier Jahren wütenden Bürgerkrieg zu helfen, glaubt Henin. Aber die IS-Anhänger seien «zerbrechliche Menschen». Direkt nach ihrer Ankunft würden ihre Rekrutierer sie zu schweren Verbrechen anstiften, «und dann gibt es für sie keinen Weg mehr zurück».

Die menschliche Seite seiner Entführer ändere jedoch nichts an deren unermesslichen Brutalität, so Henin: Während er überlebte, ermordeten Jihadi John und seine Komplizen etwa Alan Henning, Foley, Steven Sotloff und Peter Kassig. Nach dem Tod des russischen Gefangenen Sergej Gorbunow, der während seiner Zeit als Geisel ermordet wurde, hätten die überlebenden Gefangenen für ihn eine kleine Zeremonie abgehalten: «Alle bezeugten Achtung vor ihm», so Henin. Ein Gefangener habe eine Rede gehalten, «und dann legten wir eine Schweigeminute ein».

Auch über ein sehr persönliches Projekt während seiner Geiselhaft sprach Henin mit der BBC: Gemeinsam mit dem ebenfalls vom IS gefangen genommenen französischen Journalisten Pierre Torres schrieb er in Gefangenschaft heimlich ein Kinderbuch für seine fünfjährige Tochter, Titel: «Wird Papa Igel jemals heimkehren?». Er habe sich selbst oft während seiner Zeit in Syrien gewünscht, ein Igel zu sein: «Ich mochte die Idee, einen guten Schutz zu haben», so sagte Henin – «obwohl der Schutz eines Igels absolut nutzlos ist.» (mxw)

Islamisten zerstören Kulturgüter

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