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Ein als Flüchtling getarnter Terrorist hat es nach Italien geschafft: Wie gefährlich ist der Tunesier Mehdi Ben Nasr?



Zusammen mit 200 Flüchtlingen hatte ihn die italienische Marine am 4. Oktober in der Strasse von Sizilien gerettet und ins Auffanglager von Lampedusa gebracht. Dort gab der Tunesier laut dem «Corriere dell Sera» folgende Erklärung ab:

«Ich heisse Mohammed Ben Sar, bin ein politischer Flüchtling und bitte um Asyl, um nach Nordeuropa zu gehen, wo ich Verwandte habe. Helfen Sie mir.»

Drei Tage lang hielt er an dieser Lüge fest, bis er sich seine Fingerabrücke abnehmen lassen musste: Mohammed Ben Sar war in Wirklichkeit Mehdi Ben Nasr und ein verurteilter Terrorist. Die italienische Regierung entschied, die Sache zunächst geheim zu halten, um eine Panik zu vermeiden: Verschiedene Politiker warnen davor, dass sich Terroristen als Flüchtlinge tarnen und so unerkannt nach Europa gelangen. Innert weniger Tage wurde Ben Nasr in seine tunesische Heimat abgeschoben und dort den Behörden übergeben.

epa02671122 Immigrants are being transported on a Coast Guard boat after they arrive on  Lampedusa Island, Italy, 05 April 2011. The wave of landings has resumed after big transfers to the mainland in recent days had almost emptied the southern island of migrants.  EPA/ETTORE FERRARI

Die italienische Küstenwache bringt Flüchtlinge auf die Mittelmeer-Insel Lampedusa.
Bild: EPA/ANSA

«Alles ein grosses Missverständnis»

Mehdi Ben Nasr arbeitete unauffällig als Maurer, als er 2007 zusammen mit einem Dutzend anderen Dschihadisten von Spezialeinheiten der Carabinieri verhaftet wurde. Der heute 38-Jährige war damals über einen längeren Zeitraum abgehört worden. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, Selbstmordattentäter für den Irak und Afghanistan zu rekrutieren und Anschläge in diesen Kriegsregionen zu organisieren.

Wenige Tage vor seiner Verhaftung wurde etwa ein Anruf nach Damaskus aufgezeichnet – Syrien war während des Irakkriegs das Einfallstor für Dschihadisten. In dessen Verlauf gab Ben Nasr Instruktionen und Kontaktadressen durch. In seiner Wohnung wurden später Propagandamaterial sowie Anleitungen zum Bau von Sprengsätzen sichergestellt. 

Während der Gerichtsverhandlung stritt Ben Nasr alles ab. Es handle sich um ein grosses Missverständnis. Der Staatsanwalt fragte ihn, was er mit folgender Aussage meinte, die aufgezeichnet worden war:

«So Gott will, wirst du mit deinem Auto voller Sprengstoff als Märtyrer sterben.»

Das sei doch nicht ernst gemeint, sondern ein Witz gewesen, antwortete Ben Nasr. Das Gericht kaufte ihm das nicht ab und verurteilte ihn zu sieben Jahren Gefängnis, die er in der Hochsicherheitsanstalt von Benevento absass. Vergangenes Jahr war er nach Verbüssung seiner Strafe nach Tunesien abgeschoben und mit einem Wiedereinreiseverbot belegt worden.

Sein erneutes Auftauchen in Europa ist beunruhigend, zumal als Flüchtling getarnt. Mehdi Ben Nasr ist der erste bekannt gewordene Fall dieser Art. Er zeigt allerdings auch, dass die Abwehrmechanismen funktionieren.

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