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Wie die Mafia in der Schweiz den perfekten Rückzugsort fand

Razzien auch in der Schweiz – Millionen aus Kokainhandel gewaschen Razzia gegen internationales Geldwäschenetzwerk.
Razzien auch in der Schweiz – Millionen aus Kokainhandel gewaschen Razzia gegen internationales Geldwäschenetzwerk.Bild: Europol

Koks und Kohle von Cannes und Chur – dank der Schweiz lief das Mafia-Geschäft einwandfrei

Joint Venture von Mafiosi aus Montenegro und Italien nutzte Schweiz jahrelang als Rückzugsraum – bis Europol zuschlug.
15.03.2026, 19:56
Henry Habegger
Henry Habegger

Gerade Mafiosi hausen – zumindest auf dem Papier – gerne unscheinbar. Etwa in Chur. Im Rheinquartier. In einem grossen Mehrfamilienhausblock, wie ihn Pensionkassen gerne in ihrem Immobilien-Portfolio haben. Dort wohnten Michele P. und Tania M. Er ist 53 Jahre alt und stammt aus Napoli, sie ist 37, Kanadierin, geboren aber in Cetinje in Montenegro. Das alles wissen wir dank Firmendokumenten aus Frankreich.

Das Paar steht für ein kriminelles Joint-Venture zwischen der neapolitanischen Camorra, der kalabrischen Ndrangheta und einem Clan aus dem Balkan. Das Städtchen Cetinje gilt als Mafia-Hochburg und Knotenpunkt für den Transit von Kokain und Heroin in die EU. Michele P. gehört einer bekannten, gleichnamigen Camorra-Familie aus Ercolano an.

Vier mit Permis B aus der Schweiz

Das «Churer» Paar und weitere fünf Personen aus dem Mafia-Verbund sitzen seit dem 23. Februar hinter Gittern. In einer von Europol koordinierten Polizeiaktion wurden vier der mutmasslichen Kriminellen in Südfrankreich verhaftet, drei in Italien. In Belgien, Frankreich, Italien und in der Schweiz gab es Razzien. Mindestens vier der Verhafteten hatten Schweizer Aufenthaltsbewilligungen.

Tania M. und Michele P. sind die Tochter und der Schwiegersohn eines der meistgesuchten und mutmasslich grössten Kokainbroker in Europa. Zoran M, gebürtiger Montenegriner mit kanadischer Staatsangehörigkeit. Der Mann galt laut Mitteilung der europäischen Polizei als «hochrangiges Ziel von Europol und wurde von mehreren europäischen Ländern gesucht».

Spezialeinheiten bei koordinierten Festnahmen
Spezialeinheiten bei koordinierten FestnahmenBild: Europol

Er lebte mit seinem Clan, inklusive Tochter und Schwiegersohn, seit einigen Jahren in luxuriösen Villen in der Region Cannes. «Er ist wirklich einer ganz grossen bekannten Drogenhändler Europas, den wir und mehrere andere europäische Polizeibehörden seit Jahren jagten», sagte Jean-Philippe Lecouffe, Chef Operationen bei Europol, dem Sender France Inter.

Schweiz als Schutzschild für Mafiosi

Dieser mächtige Pate hatte im Verbund mit den Mafia-Familien der Camorra und ‘Ndrangheta um seinen Schwiegersohn ein Millionenbusiness um Kokainhandel und Geldwäsche aufgezogen. Die Bande blieb in diesem Bilderbuchbeispiel eines modernen Mafia-Falls anscheinend dank der Schweiz so lange unentdeckt: Denn hier hatte sich die Mehrheit der verhafteten Gangster zum Schein niedergelassen. Hier besassen sie Aufenthaltsbewilligungen, Firmenhüllen, Vermögenswerte. Hier konnten sie auf schlappe Gesetze, überforderte Behörden und willige Dienstleister im Treuhand- und Finanzbereich zählen.

Details zu den Verhafteten:

  • Giovanni P., Sohn von Michele P. Er wurde in Maslianico an der Grenze zur Schweiz verhaftet. In einem Tessiner Grenzort findet man ihn einer Bau-Generalunternehmung. Sie wurde 2020 von einem vorbestraften Treuhänder gegründet, der benötigte Notar kam aus Mendrisio. In dieser Bauunternehmung sitzt auch Vater Michele P. Sie verfügt über einen Internetauftritt, der aber offensichtlich reine Fassade ist. Aber über die Firma kamen die Mafiosi womöglich zu Aufenthaltstiteln. Und garantiert liefen falsche Rechnungen darüber.
  • Federico F., 35, wurde in Cantù in der Nähe von Como verhaftet. Der Mann stammt ursprünglich aus Africo, der Hochburg des Morabito-Clans in Kalabrien. F. und sein Bruder wurden vor einigen Jahren in Norditalien zu vierjährigen Haftstrafen verurteilt: Sie hatten in einer Lagerhalle eine Plantage mit 500 Marihuana-Pflanzen betrieben.
  • Giuseppe S., 45, verhaftet in Portici in der Provinz Neapel, mit Schweizer Permis B. Der Neapolitaner aus Torre del Greco ist in Roveredo stolzer Besitzer einer Aktiengesellschaft, die Beratungen im Bereich chemisch-pharmazeutischer Produkte anbietet. Kokainhandel fällt hier zweifellos sogar unter den Firmenzweck. Die Firma hat eine Webseite, auch diese reine Fassade. Treuhänder war ein Italiener in Roveredo, der in zahlreichen weiteren dubiosen Firmen wirkt. Der Notar, der die Statuten beglaubigte und nicht zum ersten Mal einschlägig auffällt, kommt aus Lugano. Giuseppe S. und seine Frau besitzen weitere Firmen: Seit 2019 etwa eine Immobiliengesellschaft in Cap d’Ail bei Monte-Carlo und eine Beratungsfirma mit Adresse in Budapest, Kapital aus Aruba (Antillen) sowie Ablegern und Immobilien in Südfrankreich.
  • Zoran M., soeben 62 Jahre alt geworden, der Pate. Verhaftet bei Cannes. Geboren in der Cetinje in Montenegro, kanadischer Staatsbürger. Er lebte mit seiner Familie einst in Toronto, so jedenfalls steht es in französischen Dokumenten. Seit fast 20 Jahren investiert er in grossem Stil in Südfrankreich. In Immobilienfirmen, in denen auch seine Frau und Kinder sitzen.
  • Dusan M., 39, Sohn des Paten, verhaftet bei Cannes. Ein zweiter Sohn kam jung ums Leben.
  • Michele M., verhaftet bei Cannes. Mutmasslich Camorra-Mitglied, mit Adressen in der Schweiz unter anderem in Chur, Roveredo und Lugano. An der Adresse in Roveredo ist eine Firma domiziliert, die im Solargeschäft aktiv ist und einer italienisch-albanischen Familie gehört. Pikant dabei: Diese Firma war früher in Luzern bei einem italienischen Treuhänder domiziliert, der auch eine Firma des Ndrangheta-Clans der Larosa betreute.
  • Tania M., 37, verhaftet bei Cannes, Tochter des Paten und Partnerin des Neapolitaners Michele M. Das Paar gründete 2022 unter Hinterlegung der Churer Adresse auch eine Immobiliengesellschaft in Cannes.

Auffällige Transaktionen in der Schweiz

Laut Tessiner Fernsehen RSI waren vier der Verhafteten zuletzt in Roveredo im bündnerischen Misox gemeldet. Das Misox gilt seit Jahrzehnten als Geldwäscheparadies der Mafia. Laut SRF sieht die Gemeinde Roveredo die Fehler aber in diesem Fall beim Kanton Graubünden beziehungsweise beim dortigen Migrationsamt. In einem langen Brief fordere sie mehr «Sorgfalt bei der Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen – besonders dann, wenn es um Personen geht, die bereits vorbestraft sind».

Laut Europol stand «das Geldwäschenetzwerk in direkter Verbindung zum gross angelegten Kokainhandel von Südamerika nach Europa». Es habe mutmasslich den Seetransport grosser Kokainmengen in die wichtigsten europäischen Häfen koordiniert. Das Netz benutzte Scheinfirmen und falsche Rechnungen, unter anderem in der Schweiz, Investitionen in Luxusgüter und Kryptowährungen, um Millionen zu waschen. An der Côte d’Azur wurden Luxusimmobilien im Wert von rund fünf Millionen Euro und Luxusautos beschlagnahmt, 600'000 Euro in Krypto und 26'000 Euro in bar. Aufgeflogen ist die Bande, weil die Ermittler der Spur des Geldes in der Schweiz folgten: Hier stellten die Behörden aufflällige Transaktionen fest.

Die Bundesanwaltschaft, die ein Strafverfahren in einem Joint Investigation Team (JIT) mit Frankreich und Italien führt, ermittelt gegen mehrere Personen wegen Geldwäscherei und Drogenhandel, wie sie mitteilt. Es seien mehrere Rechtshilfegesuche hängig.

Es gilt die Unschuldsvermutung.

* Vornamen der Beschuldigten geändert. (nil/aargauerzeitung.ch)

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11 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Schlaf
13.03.2026 08:13registriert Oktober 2019
Was bei uns an Geldern gewaschen werden wird, muss ein höchst perverses Ausmass haben!

Hier fühlen sich Gangster so richtig pudelwohl!

Unsere Volksvertreter haben ja auch gerade entschieden, dass mit Immobilien mit einem Wert von unter 5 Millionen, munter weiter gewaschen werden kann.
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Gina3
13.03.2026 09:10registriert September 2023
Rovereto/Grigioni sieht das Problem genau richtig!
Das Gleiche lässt sich auch in Städten wie Lugano gut beobachten!
Solange unsere Behörden und bestimmte „Volks- und Lega-Parteien” darauf bestehen,
➡️ sich auf die kleinen Fische zu konzentrieren und
➡️ bei denen, die viel Geld und große Autos haben, drei Augen zuzudrücken, wird sich nichts ändern.
Wir werden zum Wohnzimmer der Mafia ganz Europas.
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