«Ich schäme mich, ein Amerikaner zu sein»: Passagiere an US-Flughäfen warten weiter
Anfänglich war es ein Abenteuer. Ein Gruppenerlebnis. Zu Beginn von Stunde drei habe ich aber eine kleine Panikattacke. Was, wenn sich die schier endlose Warteschlange, in der ich zusammen mit meiner Familie und einigen Tausend Menschen am Flughafen von Baltimore (Maryland) stehe, nicht schnell genug bewegt?
Was, wenn wir unseren Flug verpassen, obwohl wir doch mehr als vier Stunden vor der geplanten Abflugzeit am Baltimore Washington International Airport eingetroffen sind – und damit den gut gemeinten Ratschlag des Flughafens befolgten. «Wir haben noch nie solche Wartezeiten erlebt», teilte die Flughafenbehörde auf X mit.
If you are traveling today or tomorrow, please arrive to the airport 4 hours early.
— BWI Marshall Airport (@BWI_Airport) March 28, 2026
We have not previously experienced checkpoint wait times similar to what we are seeing this morning.
Travelers most impacted are those departing from Concourses A, B and C. pic.twitter.com/y5mxtlrcbs
Die Frau, die vor uns steht, versucht es mit Optimismus: «Immerhin geht es vorwärts.» Der Mann hinter uns, der nach Ecuador fliegen will, bleibt skeptisch. Er habe gehört, sagt er, dass einige Menschen seit fünf Stunden anstehen würden. Und es immer noch nicht durch die Sicherheitskontrolle geschafft hätten.
Die Sicherheitskontrollen sind dieser Tage auf vielen grossen amerikanischen Flughäfen ein Nadelöhr. Weil sich im Kongress in Washington Demokraten und Republikaner, Senat und Repräsentantenhaus über das Budget des Sicherheitsministeriums DHS (Department for Homeland Security) streiten, sind die Gehaltszahlungen für viele Angestellte blockiert.
Davon betroffen ist auch die Behörde TSA, die an den meisten amerikanischen Flughäfen zuständig ist für die Kontrolle von Passagieren und ihrem Gepäck. Seit nunmehr sechs Wochen haben die TSA-Angestellten keinen Lohn mehr bekommen. Viele können sich das nicht leisten. Sie melden sich deshalb krank oder nehmen Ferien, um anderswo Geld zu verdienen.
Die Passagiere nehmen es gelassen
Auch am Flughafen von Baltimore, der sich auf Billigfluglinien spezialisiert hat, herrscht an diesem Samstag Personalnot. Mehr als ein Drittel der TSA-Angestellten ist nicht zur Arbeit erschienen. Einige Sicherheitskontrollen sind deshalb geschlossen. An anderen geht es nur langsam voran. Daran ändert auch der junge, unmaskierte Beamte der umstrittenen Einwanderungspolizei ICE nichts, der die überforderten TSA-Angestellten unterstützen soll. Er sitzt bloss auf seinem Stühlchen und sorgt dafür, dass die Wartenden sich besser auf die freien Schalter verteilen.
Die Warteschlange, die draussen vor der Abflughalle beginnt und die drinnen durch Korridore mäandert, die schon lange nicht mehr benutzt wurden, ist derweil gefühlte 500 Meter lang. Zu meiner grossen Überraschung ist die Stimmung während der stundenlangen Tortur aber recht locker. Zwar beschweren sich bisweilen Einzelne über die Volksvertreter in Washington, die sich nicht mehr für das Gemeinwohl interessieren würden. Und ein Mann sagt in eine der zahlreichen Fernsehkameras, die das Geschehen am Flughafen einfangen: «Ich schäme mich, ein Amerikaner zu sein.»
Aber eigentlich sind die meisten Menschen stoisch. Brav folgen sie den Anweisungen der Flughafenbeamten und schlängeln sich in Richtung Sicherheitskontrolle. Niemand drängelt vor oder versucht, eine Abkürzung zu nehmen. Niemand stimmt eine Tirade gegen Präsident Donald Trump an. Vielleicht sind die Menschen in ihren Gedanken schon in den Ferien. Oder sie haben sich damit abgefunden, dass die Grundversorgung in ihrem Land lausig ist.
Verhandlung um ICE-Reform gescheitert
Oder vielleicht ist der Streit um die Finanzierung des Sicherheitsministeriums nun derart kompliziert, dass selbst rabiate Parteigänger der Demokraten oder Republikaner den Überblick verloren haben. Anfänglich stand im Zentrum der heftigen Debatte die Forderung der Demokraten, dass die Regierung Trump die Arbeit von ICE reformieren müsse – nach einem besonders umstrittenen Einsatz der Einwanderungspolizei in Minneapolis zu Jahresbeginn.
Doch diese Verhandlungen sind vorerst gescheitert, obwohl die Demokraten im Senat über eine Sperrminderheit verfügen und der neue DHS-Chef Markwayne Mullin eine Kurskorrektur versprochen hat.
Stattdessen streiten sich nun die Republikaner im Kongress untereinander; rechte Republikaner im Repräsentantenhaus beklagen sich darüber, dass ihre Parteifreunde im Senat nicht energisch genug vorgingen. Zuletzt genehmigten die beiden Kammern des Kongresses unterschiedliche Notbudgets für das Sicherheitsministerium und verabschiedeten sich dann für zwei Wochen in die Osterferien.
Der Shutdown des Sicherheitsministeriums geht also weiter. Immerhin sollen die TSA-Angestellten ab Montag aus einer Sonderkasse wieder Lohn bekommen. So kündigte es Präsident Trump an. Am Flughafen von Baltimore rechnet allerdings niemand mit einer schnellen Entspannung.
«Verlassen Sie die Warteschlange nicht, sonst laufen Sie Gefahr, heute Abend Ihren Flug zu verpassen», ruft ein hoch motivierter «Crowd Controller» den Wartenden zu. «Und morgen, da bin ich mir sicher, wird es hier noch schlimmer aussehen.»
Meine Panik legte sich übrigens wieder. Und siehe da: Nach etwas mehr als vier Stunden Wartezeit schafften wir es gerade noch rechtzeitig durch die Sicherheitskontrolle und zu unserem Gate. Dort wartete unser Flugzeug – das dann natürlich erst mit einer halben Stunde Verspätung abflog. (aargauerzeitung.ch)

