DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Drohnenkrieg gegen Russland: Kriegsgeräte für unter 100 Franken

Mit einfachen Drohnen und alten Sowjetgranaten macht eine ukrainische Einheit Jagd auf russische Panzer – mit grossem Erfolg. Eine wichtige Rolle spielen dabei 3D-Drucker. 
13.05.2022, 06:0713.05.2022, 08:27
Martin Küper / t-online
Ein Artikel von
t-online

Kurz erscheint die Granate am unteren Bildrand, dann fällt sie ein paar Sekunden lang taumelnd in Richtung Boden, wo sie kurz darauf mitten unter den russischen Soldaten einschlägt. Bilder wie diese sind in den vergangenen Wochen immer wieder aufgetaucht. In einem anderen Video fällt die Granate durch das Sonnendach eines Autos voll mit russischen Soldaten, doch meistens sind es Kampfpanzer oder Truppentransporter, die die ukrainische Einheit Aerorozvidka (Luftaufklärung) mit ihren Drohnen ins Visier nimmt.

Das Video oben oder hier soll Angriffe der Aerorozvidka zeigen.

Schon bei der Verteidigung von Kiew im März soll die aus nur wenigen Freiwilligen bestehende Einheit eine entscheidende Rolle gespielt haben. Es sind vor allem Ingenieure und IT-Experten, die sich in der 2014 gegründeten Aerorozvidka organisieren. An die ukrainische Armee sollen sie nur lose angebunden sein, das Geld für ihre Einsätze kommt vor allem aus Spenden. Die Spezialität der Einheit: Einfache Drohnen in tödliche Kriegsmaschinen zu verwandeln.

Warum treffen die Granaten ihre Ziele so genau?

Dazu greift die Aerorozvidka offenbar gerne auf Bestände von Panzergranaten aus sowjetischer Produktion vom Typ RKG-3 zurück. Eigentlich gilt die 1950 eingeführte Waffe längst als museumsreif. Militärische Bedeutung hatte die Wurfgranate zuletzt Anfang des Jahrhunderts im Irak, wo Islamisten sie als Sprengfallen gegen die US-Armee einsetzten. Als Handwaffe gegen anrückende Panzer gilt die RKG-3 jedoch als völlig ungeeignet – der Werfer muss seinem Ziel viel zu nahe kommen und bringt sich dabei nur selbst in Gefahr. 

Die sowjetische Wurfgranate RKG-3 im Originalzustand.
Die sowjetische Wurfgranate RKG-3 im Originalzustand. Bild: Wikiepdia/CreativeCommons

Aber wie kann eine aus mehreren Hundert Metern abgeworfene Granate so präzise ihr Ziel treffen, wie in den Videos zu sehen ist? Dazu versehen die Aerorozvidkas die RKG-3 mit einer Finne, einem stabilisierenden Element am Stiel der Granate. Das Plastikelement lässt sich leicht mit einem 3D-Drucker herstellen, die Granate sieht dann so aus: 

Modifizierte Wurfgranaten vom Typ RPG-3 mit einer Finne – das stabilisierende Element am Stiel der Granate kommt aus dem 3D-Drucker.
Modifizierte Wurfgranaten vom Typ RPG-3 mit einer Finne – das stabilisierende Element am Stiel der Granate kommt aus dem 3D-Drucker. Bild: Wikipedia/CreativeCommons

Der Sprengkopf der RKG-3 kann eine 20 Zentimeter dicke Stahlpanzerung durchschlagen und dabei Munition im Inneren eines Panzers zur Explosion bringen – das macht die Waffe so tödlich. Bei manchen Angriffen lassen die Aerorozvidkas auch Mörsergranaten oder modernere Wurfgranaten vom Typ VOG-17 auf die russischen Einheiten fallen – Letztere ebenfalls versehen mit einer Plastikfinne, wie in diesem Video zu erkennen ist:

«Die Scharfschützen des 21. Jahrhunderts»

«Die Veränderungen an der Granate sind einfach, aber sie geben ihr gute aerodynamische Eigenschaften und eine hohe Präzision», schreibt dazu der Militärexperte Chris Owen. Bei Übungseinsätzen hätten Drohnenpiloten ein 1 Meter grosses Ziel aus 300 Metern Höhe getroffen, so Owen: «Auf dieser Höhe ist eine Drohne kaum noch zu sehen oder zu hören». So sei die Aerorozvidka in der Lage, mit Kosten von unter 100 Franken russisches Kriegsgerät im Wert von mehreren Hunderttausend Franken zu zerstören.

«Militärstrategen werden sich das ganz genau anschauen», schreibt Chris Owen. «Drohnen sind jetzt in der Lage, Soldaten und Gerät mit hoher Genauigkeit abzuschiessen, bei fast jedem Wetter, bei Tag und bei Nacht.» Selbst Einheiten, die getarnt hinter der Front stehen, müssten jederzeit damit rechnen, dass von oben eine Bombe auf sie falle, so Owen: «Drohnenpiloten sind die Scharfschützen des 21. Jahrhunderts.»

Verwendete Quellen:

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

USA testet neue Waffe – Schiff innerhalb von wenigen Sekunden versenkt

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

124 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
TomC
13.05.2022 06:43registriert Oktober 2015
Schon krass: vor ein paar Wochen noch hätte mich so ein Beitrag überhaupt nicht interessiert! Jetzt finde ich es einfach nur noch erstaunlich und super wie sich die Ukrainer zu helfen wissen und die Russen schlagen.
13562
Melden
Zum Kommentar
avatar
WatsOnMyAss
13.05.2022 12:59registriert März 2022
Finde ich eine gute Idee.
Einfach mal den ganzen nicht explodierten Müll der Russen per Luftpost zu ihnen zurückschicken.
631
Melden
Zum Kommentar
avatar
Radio Eriwan
13.05.2022 06:58registriert November 2020
Generell zeigt sich global die Tendenz, dass eine neue Generation von Kämpfern viel einfacher, aber durchaus sehr effizient unterwegs sind und so ihren Gegnern die Stirn bieten: entweder mit Flip-Flop und Geschütz auf dem Pick-Up (IS), am Notebook fremde Infos absaugen oder ganze Infrastrukturen lahmlegen oder wie hier beschreiben mit 3D-Drucker und Hobby-Drohnen aus dem Elektronikmarkt zuschlagen.
Eine grosse Ratlosigkeit bei den traditionellen Militärköpfen macht sich breit...
10357
Melden
Zum Kommentar
124
Schweden und Finnland beantragen Aufnahme in die Nato

Schweden und Finnland haben offiziell die Mitgliedschaft in der Nato beantragt. Botschafter der beiden Staaten übergaben Generalsekretär Jens Stoltenberg am Mittwochmorgen in der Brüsseler Bündniszentrale die entsprechenden Dokumente.

Zur Story