International
Russland

Russland: IS-Gefangene nehmen Geiseln bei Gefängnisausbruch

isis kämpfer, islamischer staat, IS,
Ein IS-Kämpfer mit der Flagge des Terrorkonstrukts. (Archiv)Bild: keystone

Russland: IS-Gefangene nehmen Geiseln bei Gefängnisausbruch – mehrere Tote

In einem Gefängnis in Russland sind mehrere Häftlinge aus ihren Zellen ausgebrochen, die Männer nahmen Geiseln. Am Ende gibt es Tote.
18.06.2024, 02:41
Simone Bischof / t-online
Mehr «International»
Ein Artikel von
t-online

In einer Justizvollzugsanstalt in Rostow am Don (Russland) sind am Sonntag sechs Häftlinge aus ihren Zellen ausgebrochen. Im Innenhof nahmen die Männer zwei Mitarbeiter des Gefängnisses als Geiseln, berichtet das russische Staatsmedium «Tass».

Kräfte der Russischen Nationalgarde und eine Spezialeinheit des russischen Justizvollzugs stürmten das Gefängnis und töteten dem Bericht zufolge alle am Ausbruch beteiligten Insassen, wodurch die Geiseln befreit wurden. Allerdings zeigen Videos, die in verschiedenen sozialen Netzwerken, insbesondere von Söldnergruppen, geteilt wurden, dass bei dem Zugriff offensichtlich auch Menschen zu Tode kamen, welche die Hände hinter dem Rücken gefesselt hatten. Ob es sich bei ihnen um Geiselnehmer oder Geiseln handelt ist unklar.

Russische ultranationalistische Militärblogger nutzen Vorfall für sich

Russische Staatsmedien behaupteten, die Häftlinge hätten Verbindungen zum Islamischen Staat (IS) gehabt oder seien wegen Terrorismusvorwürfen verurteilt worden. Bislang konnte die in den USA ansässige Denkfabrik «The Institute for the Study of War» (ISW) weder die Identität noch die Zugehörigkeit dieser Gefangenen zum IS überprüfen, ebenso, ob der IS den Gefängnisausbruch unterstützt hat. Eine Recherche von t-online legt nahe, dass die Getöteten wohl nicht an dem Angriff auf die «Crocus City Hall» nahe Moskau am 22. März beteiligt waren. Eine endgültige Bestätigung liegt bisher aber nicht vor.

Der Vorfall hat zu Beschwerden russischer ultranationalistischer Militärblogger geführt. Sie warfen Russland Unfähigkeit vor, nach dem Terroranschlag auf die Konzerthalle, bei dem 130 Menschen starben, gegen den islamistischen Extremismus im Land vorzugehen. Damals reklamierte der IS den Anschlag im Nachgang für sich.

Die Militärblogger konzentrierten sich in ihren Beiträgen vorwiegend auf die Geiselnahme in der Haftanstalt, um die wahrgenommene Verbreitung des islamistischen Extremismus in Russland und das russische Strafvollzugssystem zu bemängeln. Sie verbreiteten auch die angeblichen Identitäten, Zugehörigkeiten und Anklagen jedes einzelnen Gefangenen sowie Filmmaterial, das die Inhaftierten mit IS-Flagge, IS-Utensilien und Messern in der Haftanstalt gezeigt haben soll. Die Echtheit dieser Informationen und Bilder liess sich bis zuletzt nicht unabhängig überprüfen.

A massive blaze is seen over the Crocus City Hall on the western edge of Moscow, Russia, Friday, March 22, 2024. Several gunmen have burst into a big concert hall in Moscow and fired automatic weapons ...
Ein IS-Ableger proklamierte den Terrorangriff in Moskau für sich.Bild: keystone

Machte fehlende Sicherheit den Ausbruch möglich?

Die Ultranationalisten beklagten zudem, dass die Behörden nicht hart genug gegen extremistische Gruppen vorgehen würden – dabei verwendeten sie rassistische Rhetorik. Darüber hinaus beschwerten sich die Blogger, dass die Justizvollzugsanstalt es Gefangenen erlaubte, ihrem religiösen Glauben entsprechend einen Bart zu tragen und wiesen darauf hin, dass der Vorfall für einen muslimischen Feiertag geplant war: Am 16. Juni wird das Eid al-Adha-Fest begangen. Es ist neben dem Fest zum Ende des Ramadan die wichtigste Feierlichkeit im Islam und erinnert an die Bereitschaft von Stammvater Abraham, einen Sohn zu opfern, um Gott seinen Glauben zu bezeugen.

Auf der Beschwerdeliste der Blogger steht ausserdem die fehlende Sicherheit in dem Gefängnis, wodurch der Ausbruch möglich gewesen sei. Der angeblich schlechte Allgemeinzustand des Strafvollzugssystems ist den Bloggern ebenfalls ein Dorn im Auge.

Dafür machten sie Reformen verantwortlich, die Mitte der 2000er Jahre unter dem damaligen Präsidenten, Dmitri Medwedew, umgesetzt wurden. Nicht zuletzt sei die Situation in den Gefängnissen auch ein Ergebnis der schlechten Bezahlung. Mitarbeiter im Strafvollzugsdienst würden nicht angemessen entlohnt.

Kreml will Eindruck erwecken, er gehe gegen Extremismus vor

Der Kreml versuchte unterdessen, den Eindruck zu erwecken, er gehe seit dem Anschlag in der «Crocus City Hall» hart gegen inländischen Extremismus vor. Dem widersprechen verschiedene Medienberichte. So schrieb das russische oppositionelle Portal «Baza», dass die Gefangenen den Ausbruch über Monate hinweg geplant haben sollen. Ausserdem hätten sie mit Akteuren des IS in Verbindung gestanden, die unter anderem Waffen und Kommunikationsgeräte zu den Gefangenen ins Gefängnis schmuggelten.

Das oppositionelle Portal «Verstka» berichtete, dass es Hinweise auf eine Überbelegung in dem Gefängnis gegeben hatte, allerdings hätten Untersuchungen diesbezüglich angeblich keine Verstösse festgestellt.

Einige russische Beamte scheinen damit zufrieden zu sein, diese Situation kurzfristig herunterzuspielen, schreibt das ISW. Die Denkfabrik verwies weiter darauf, dass der Kreml den Vorfall vom 16. Juni nutzen könnte, um weiterhin die Notwendigkeit zu konstruieren, im Inland hart gegen jeden Extremismus vorzugehen. Gleichzeitig könnte der Vorfall zur Verschleierung des Sicherheitsversagens des russischen Staates dienen.

Verwendete Quellen:

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
23 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
El_Chorche
18.06.2024 07:02registriert März 2021
Hat man wohl aus Versehen nicht nur Häftlinge, sondern auch zu viele der Aufseher in die Ukraine geschickt.

Das klingt absurd, aber... you know... Russland 🤷
8310
Melden
Zum Kommentar
avatar
Massalia
18.06.2024 07:44registriert Juni 2021
Was für ein kaputtes Land.

Offtopic, aber: Was macht eigentlich Putins Schosshündchen Kadyrow so? Lange nichts gehört.
754
Melden
Zum Kommentar
avatar
Haarspalter
18.06.2024 07:07registriert Oktober 2020
Das legale Ausbrechen von Schwerverbrechern aus dem Gefängnisalltag wird vom Kreml sogar ausdrücklich propagiert:

Zum Kampf an der Kriegsfront gegen die Ukraine.

Putin sieht sich mangels Soldaten wohl bald dazu gezwungen, IS-Kämpfer abzuwerben zum Kampf gegen „Ungläubige“.
578
Melden
Zum Kommentar
23
Wohl wegen Voodoo-Ritual: Mindestens 40 Tote bei Brand auf Migrantenboot in Haiti

Vor Haitis Küste ist ein Boot mit mehr als 80 Migranten an Bord in Brand geraten. Dabei kamen mindestens 40 Menschen ums Leben, wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) mitteilte. Haitis Küstenwache habe 41 Überlebende retten können, elf von ihnen seien in ein Krankenhaus gebracht worden. Das Boot war den Angaben zufolge am Mittwoch von der nordhaitianischen Stadt Cap-Haïtien in die rund 250 Kilometer entfernten Turks- und Caicosinseln unterwegs. Örtliche Medien berichteten, laut Überlebenden habe sich vermutlich Benzin durch eine Kerze entzündet, die für ein Voodoo-Ritual auf dem Boot benutzt worden sei.

Zur Story