Russlands Schattenflotte nutzt Starlink – neue Details enthüllt
Eigentlich sollte Russland infolge des Ukraine-Kriegs durch internationale Sanktionen sehr viel weniger Öl und Gas exportieren können. Der Effekt ist durchaus zu erkennen, der finnische Thinktank Crea erklärte im Februar, Russlands Einnahmen an den Exporten seien innerhalb eines Jahres um 19 Prozent gesunken und lägen 27 Prozent unter dem Niveau vor der vollständigen Invasion.
Dennoch hatte Russland in den vergangenen Jahren viel weniger Einbussen zu verzeichnen als erhofft, das Öl-Geschäft Russlands floriert weiterhin – das liegt zum grossen Teil auch an der russischen Schattenflotte. Mit der transportiert Russland über undurchsichtige Umwege weiterhin Öl und Gas, auch in die EU.
Möglich ist das durch ein ausgefeiltes System, das auf der Nutzung von Starlink-Satelliten, undurchsichtigen Jobangeboten und Zahlungen in Kryptowährungen basiert. Das hat nun eine Recherche des «Kyiv Independent» ergeben.
Russlands Schattenflotte: Starlink weiterhin genutzt
Die russische Schattenflotte wird demnach mit moderner westlicher Technologie betrieben – darunter auch Starlink-Satelliten. Laut der Recherche des «Kyiv Independent» nutzen die Schiffe das Satellitensystem, um die Kommunikation zwischen den Tankern und ihren Eigentümern aufrechtzuerhalten.
Interessant ist der Einsatz des Satelliten-Netzwerks vor allem, weil das zugehörige Unternehmen SpaceX, das von Elon Musk gegründet wurde, Anfang Februar angekündigt hatte, Starlink für Russlands Streitkräfte zu blockieren.
Dennoch gelingt es Russland anscheinend, Starlink für die Schattenflotte bereitzustellen. Vier Seeleute, darunter zwei Ukrainer, die auf Schiffen der Schattenflotte arbeiteten, bestätigten den Einsatz von Starlink.
Einer von ihnen erklärte dem «Kyiv Independent» demnach, dass Zwischenhändler die zugehörigen Antennen gekauft haben könnten. Diese können dann über Umwege auf den Schiffen landen, wo sie dann das zugehörige Signal empfangen.
«Soweit ich weiss, ist es schwierig, Starlink in der Ukraine zu kaufen. Anderswo auf der Welt kann man es einfach bestellen und per Post erhalten», erklärte die Person weiter. Immerhin handele es sich nicht um eine Waffe, jeder könne sich die Satelliten kaufen.
Während die Besatzung nur eingeschränkten Zugang zu Starlink hat, bleibt der Kapitän uneingeschränkt verbunden und kann direkt mit den Eigentümern und Vermittlern kommunizieren.
Schattenflotte: Seeleute werden unwissend rekrutiert
Die Rekrutierung von Seeleuten für die russische Schattenflotte erfolgt auf ebenso undurchsichtige Weise wie der Betrieb der Schiffe selbst. Jobangebote tauchen dem «Kyiv Independent» zufolge oft plötzlich in WhatsApp-, Telegram- oder Instagram-Gruppen auf, begleitet von knappen Informationen zu Position und Abfahrtsdatum. Manchmal erfolge die Einladung direkt durch ehemalige Kolleg:innen.
Ein ukrainisches Crewmitglied berichtete:
Die Kommunikation erfolge etwa über britische Telefonnummern, was die Herkunft der Angebote weiter verschleiert. Jobinterviews seien selten, wer die nötigen Dokumente vorweisen kann, werde oft direkt eingestellt.
Krypto als Zahlungsmittel auf Schattenflotte-Schiffen
Die Aussicht auf ein regelmässiges Einkommen scheint für viele Seeleute ausreichend zu sein, um Fragen nach der Herkunft der Aufträge zu ignorieren.
Apropos Einkommen: Ein weiteres Element der Schattenflotte ist die Bezahlung der Crewmitglieder. Laut der Recherche des «Kyiv Independent» erfolgt die Vergütung häufig in Kryptowährungen.
Die monatlichen Gehälter würden demnach zwischen 2000 und 3000 US-Dollar liegen, während die Betriebskosten eines einzelnen Schiffes mit rund 30 Crewmitgliedern etwa 120'000 US-Dollar pro Monat betrage.
Die Zahlungen in Kryptowährungen würden zusätzlich dazu beitragen, die Herkunft der Gelder und die Verbindung zur Schattenflotte zu verschleiern.
Ukrainische Seeleute auf russischen Schiffen
Besonders brisant: Auch ukrainische Seeleute arbeiten auf den Schiffen der russischen Schattenflotte – teils bewusst, teils unwissentlich.
Ein Beispiel ist die Bella-1, ein Tanker, der vor der Küste Venezuelas von der US-Küstenwache verfolgt und schliesslich beschlagnahmt wurde. Von den 28 Crewmitgliedern waren dem «Kyiv Independent» zufolge 17 Ukrainer:innen. Zwei von ihnen werden demnach nun durch den ukrainischen Sicherheitsdienst SBU untersucht.
Die Crewmitglieder würden beteuern, nichts von den illegalen Aktivitäten des Schiffs gewusst zu haben. «Vielleicht, wenn du Kapitän bist, weisst du mehr. Aber wenn du ein normales Crewmitglied bist, was kannst du wissen?», sagte ein Seemann dem Portal zufolge. Die Verträge seien vage formuliert und die endgültigen Ziele der Reisen oft unklar.
Die Bella-1 versuchte während der Verfolgung durch die US-Küstenwache, ihre Identität zu verschleiern, indem sie unter anderem ihren Namen und ihre Flagge änderte. Die Crew wurde den interviewten Seeleuten zufolge gezwungen, Dokumente zu vernichten und Kommunikation zu löschen.
Die Enthüllungen des «Kyiv Independent» unterstreichen einmal mehr, wie undurchsichtig die Operationen der russischen Schattenflotte gestaltet sind – und wie ausgeklügelt geplant.
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