Rohrstock-Hiebe für 9-jährige Buben: Singapurs radikale neue Anti-Mobbing-Strategie
Die radikalen Strafen und Gesetze Singapurs sind weltbekannt und berüchtigt: Jahrelange Haftstrafen und gar die Todesstrafe für Drogendelikte, Dutzende Stockhiebe für Gewaltverbrechen oder Vergewaltigungen und saftige Bussen ab 300 bis 10'000 Singapur-Dollar (ca. 185 bis 6150 Franken) für Littering oder Kaugummikauen (kommerzieller Kaugummi ist illegal in Singapur).
Nun sorgt der südostasiatische Stadtstaat erneut für Aufsehen mit einer neuen Strafmassnahme. Künftig soll es Lehrerinnen und Lehrern gestattet sein, bereits Buben ab neun Jahren mit dem Rattanstock zu züchtigen. Dies im Rahmen neuer Anti-Mobbing-Massnahmen für Schulen, wie Bildungsminister Desmond Lee gemäss CNN am Dienstag im Parlament ankündigte.
Nach den neuen Regeln sollen Schüler, die andere mobben, als «letztes Mittel» durch maximal drei Stockhiebe bestraft werden. Auch für Cybermobbing könne die Massnahme durch Lehrpersonen angeordnet werden. Die Prügelstrafe soll nur für Schüler der Oberstufe zur Anwendung kommen, Mädchen sind ganz davon ausgeschlossen.
Bildungsminister Lee nahm im Parlament Stellung zu einer im April angekündigten neuen Strategie gegen Mobbing an Schulen. Abgeordnete und internationale Kinderschutzorganisationen äusserten Bedenken hinsichtlich den langfristigen Auswirkungen von Stockhieben auf die physische und psychische Gesundheit von neunjährigen Kindern.
Laut Lee würde die Stockstrafe nur ausgesprochen, «wenn alle anderen Massnahmen angesichts der Schwere des Fehlverhaltens unzureichend sind». Lehrpersonen müssten strenge Protokolle befolgen, bevor sie die Strafe absegnen dürften. Zudem bedürfe es stets der Einwilligung des jeweiligen Schulleiters, versuchte Lee Bedenken zu entkräften.
Internationale Organisationen wie Unicef oder das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen hatten das Vorhaben zuvor deutlich kritisiert, wie der Guardian berichtet. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO werden noch heute jedes Jahr weit über eine Milliarde Kinder weltweit zuhause körperlich bestraft. Physische Strafen schädigen laut Einschätzung der WHO die Gesundheit und die Entwicklung von Kindern «erheblich».
Laut Singapurs Bildungsminister sollen nach der Durchführung «Beratungsangebote» für allfällig betroffene Schüler bereitgestellt werden, das «Wohlbefinden und die Fortschritte» sollen überwacht werden. Für mobbende Schülerinnen gebe es ebenfalls Massnahmen, diese sollen mit Nachsitzen oder schlechteren Verhaltensnoten bestraft werden.
Singapur beklagte in den vergangenen Jahren mehrere aufsehenerregende Mobbingfälle, mehrfach wurden Suizide von jungen Menschen mit Mobbing in Verbindung gebracht. Suizid ist die häufigste Todesursache von jungen Menschen zwischen zehn und 29 Jahren in der südostasiatischen Finanzmetropole. (con)
