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Elevated view of a column of Croat Serb refugees near the Yugoslav border village of Badovinci, some 120 kilometers (75 miles) west of Belgrade Thursday August 10 1995 as 200,000 Serbs fled Croat offensive on Serb held part of Croatia.(AP PHOTO/DRAGAN FILIPOVIC)  Bosnien Flüchtlinge

Bosnische Flüchtlinge verlassen Srebrenica 1995 neben Panzerfahrzeugen der Vereinten Nationen.  
Bild: AP

Integration und Rückkehr: Das hat die Schweiz von bosnischen Flüchtlingen gelernt

Die Schweiz steht vor der Aufgabe, eine grosse Zahl von Flüchtlingen – zum Beispiel aus Syrien – zu integrieren. Diese Situation ist nicht neu: Vor genau 20 Jahren ging der Bosnienkrieg zu Ende, vor dem Tausende in die Schweiz geflüchtet waren. Daraus lassen sich Erkenntnisse für die Zukunft gewinnen.

mark walther



Aida Kalamujic zündet sich eine Zigarette an, bläst den Rauch in die kalte Winterluft. Sie rauche nur selten. «Aber wenn ich von meiner Flucht erzähle, brauche ich das.» Aida flüchtete 1993 mit ihrer damals zweijährigen Tochter in die Schweiz, weg vom Krieg in ihrer Heimat Bosnien-Herzegowina, der von 1992 bis 1995 wütete. (siehe Slideshow unten).

Auch heute sind Hunderttausende Menschen auf der Flucht vor Bomben und Granaten. In der Schweiz haben in den ersten elf Monaten 2015 etwas mehr als 34‘000 Menschen ein Asylgesuch gestellt. Viele Flüchtlinge werden über längere Zeit bleiben, denn ein Ende der Konflikte in Syrien oder Afghanistan ist nicht in Sicht.

Deshalb sollte die Integration dieser Menschen so schnell wie möglich angepackt werden, sagt Denise Efionayi vom Schweizer Forum für Migrationsstudien (SFM) an der Universität Neuenburg: «Integration ist ein langfristiger Prozess. Sie gelingt nicht auf Knopfdruck.» Efionayi sagt, dass wir von Erfahrungen aus der Vergangenheit profitieren können – beispielsweise von der Integration der bosnischen Diaspora.

Deutschkurs? Keine Motivation

Aida war schon lange in der Schweiz, als sie sich für einen Sprachkurs anmeldete. Dazu motiviert hatte sie niemand. Sie findet das schade, weil es die Integration verzögerte. «Darum braucht es heute klare Ansagen an die Flüchtlinge. Wer hierher kommt, soll eine Landessprache lernen und danach einen Test absolvieren.» Aida spricht sehr gut Deutsch.

Aida Kalamujic flüchtete 1993 in die Schweiz. Heute lebt und arbeitet sie in Zürich.

Aida Kalamujic flüchtete 1993 in die Schweiz. Heute lebt und arbeitet sie in Zürich.
Mark Walther

Klare Ansagen fehlen auch Migrationsexpertin Efionayi. Das Problem ist die vorläufige Aufnahme: Sie biete Flüchtlingen zwar Schutz, aber erschwere die Integration. Es brauche deshalb klare Signale an die Ankommenden, so Efionayi: «Wir müssen ihnen sagen, dass sie eine Landessprache lernen und sich in den Arbeitsmarkt integrieren müssen.»

Über die Sprachkenntnisse der bosnischen Flüchtlinge gibt es keine Daten, wie Efionayi in einer 2014 erschienen Studie über die bosnische Diaspora in der Schweiz schreibt. Allerdings bevorzuge die erste Generation die Herkunftssprache, während die zweite, in der Schweiz aufgewachsene Generation lieber auf Deutsch, Französisch oder Italienisch kommuniziere. Das kann Hamdija Kocic, Präsident des bosnischen Kulturvereins «Matica Bosne i Hercegovine» in Zürich, nur bestätigen: «Wir mussten unsere Website auf Deutsch übersetzen, weil die Jungen teilweise kein Bosnisch mehr verstehen.» Die zweite Generation sei allgemein sehr gut integriert, sagt Efionayi.

Problem: Beruflicher Abstieg

Nachdem Aida Deutsch gelernt hatte, begann sie, Freiwilligenarbeit bei der Asylorganisation Zürich (AOZ) zu leisten. 4,5 Jahre arbeitete die studierte Juristin dort unentgeltlich im psychosozialen Dienst. 2004 bekam Aida eine Stelle als Sozialpädagogin, die sie heute noch ausübt. Ausserdem berät sie beim Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) Migranten im Alter.

Aida mit ihrer Tochter, kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz.

Aida mit ihrer Tochter, kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz.
aida kalamujic

Aida hat verhindert, was vielen gut ausgebildeten bosnischen Flüchtlinge widerfahren ist: Den beruflichen Abstieg. In ihrer Studie schreibt SFM-Forscherin Efionayi, die «grosse Mehrheit» der qualifizierten bosnischen Flüchtlinge in der Schweiz habe einen beruflichen Abstieg erlitten. Der Grund: Ihre Diplome wurden in der Schweiz nicht anerkannt. Die meisten Bosnier arbeiten heute im Gastgewerbe, in der Industrie und auf dem Bau. 2010 waren 6,6 Prozent der bosnischen Erwerbsbevölkerung arbeitslos (Schweizer: 2,2 Prozent, Nichteuropäer: 11 Prozent). Zwischen 6 und 10 Prozent der Bosnier waren 2011 abhängig von Sozialhilfe (Schweizer: 2,1 Prozent). Seit 2006 sinkt die Zahl bosnischer Bezüger jedoch. Efionayi sagt, dass in diesen Werten die eingebürgerten Bosnier – also «die am besten integrierten» – nicht mitgezählt sind.

Aida ist gut integriert. Seit 2007 hat sie den Schweizer Pass, mag Roger Federer, aber kein Fondue. Dafür alle Arten von Wähen: «Die habe ich erst in der Schweiz kennengelernt», sagt sie.

Schwierige Heimkehr

Neben Aida hat die Schweiz rund 15‘000 weitere bosnische Kriegsflüchtlinge aufgenommen. 1993 waren es fast 7000 Menschen, in den beiden Jahren danach etwa 3500 (siehe Infografik). Zum Vergleich: Aus Syrien und Afghanistan ersuchen dieses Jahr ebenfalls zwischen 3000 und 4000 Menschen in der Schweiz um Asyl.

Asylgesuche während des Bosnienkriegs und 2015

Asylgesuche Bosnien

Anmerkung: Die Zahl der bosnischen Gesuche könnte höher gewesen sein, denn viele Bosnier besassen auch einen kroatischen oder serbischen Pass. Die Zahlen für 2015 basieren auf den Monaten Januar-November. Quelle: Staatssekretariat für Migration (SEM)

Bosnische Asylgesuchsteller und Heimkehrer

Bonsische Asylgesuchsteller Quelle: Staatssekretariat für Migration SEM

Asylgesuche von Bosniern von 1992 bis 2002

Zahl der Asylgesuche von Bosnien

Wie viele bosnische Flüchtlinge nach Kriegsende in die Heimat zurückkehrten, lässt sich nicht genau beziffern: Bis Mitte 1998 waren es rund 7000, wie aus einer Antwort des Bundesrats auf eine Interpellation hervor geht. Weitere 5666 Personen hatten sich für eine Ausreise bis Ende 1998 angemeldet. Einige gingen ausserdem nach Australien oder in die USA. Eine, die nach Bosnien-Herzegowina zurückkehrte, war Senka Ibrisimbegovic. Am Rande einer Podiumsdiskussion in Zürich hatte ich die Gelegenheit, mit ihr über ihre Beweggründe zu sprechen:

Noch bis 2002 stellten jedes Jahr zwischen 1000 und knapp 2000 Bosnier in der Schweiz ein Asylgesuch. «Der Bosnienkrieg hat gezeigt, dass die Menschen nicht so schnell in ein kriegsversehrtes Land zurückkehren können. Das wird wohl auch bei den Syrern der Fall sein», sagt SFM-Forscherin Efionayi. 2015 wird sich die Zahl bosnischer Asylgesuche noch auf etwas über 100 belaufen. Deren Erfolgsaussichten sind äusserst gering, denn Bosnien-Herzegowina gilt als «Safe Country».

Auf der Flucht hatte Aida gedacht, der Krieg ende bald und sie gehe wieder nach Hause. Zwei Jahre nach dem Krieg ging sie tatsächlich nach Bosnien zurück – und machte rechts um kehrt: «Das Land hatte keine Perspektive.» Aidas Mann kam 1994 in die Schweiz, heute wohnt die dreiköpfige Familie in einer Mietwohnung in Zürich. Wenn Aida Bilder von verzweifelten Flüchtlingen am ungarischen Grenzzaun sieht, überkommt sie ein miserables Gefühl. Es erinnert sie an ihre eigene Flucht, aber auch daran, dass sie in der Schweiz gastfreundlich empfangen wurde. Dafür ist sie sehr dankbar. Ob sie sich als Schweizerin fühlt? Ihre Antwort kommt ohne Zögern: «Ja.»

Die wichtigsten Facts zum Bosnienkrieg

Dieser Text entstand im Rahmen einer Hochschularbeit an der ZHAW in Winterthur.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Rukfash 14.12.2015 18:11
    Highlight Highlight Mein Vater ist zurückgekehrt, ich blieb und meine Mutter auch :)..
  • NWO Schwanzus Longus 14.12.2015 16:51
    Highlight Highlight Man muss aufpassen das wir nicht wie Deutschland werden, das heisst, das wir unsere Aufnahme Kapazität nicht überschreiten, irgendwann muss es Stop heissen. Wir müssen es wie die Dame es sagt Kurse zur Integration anbieten, aber bei Arabern dürfte dies schwerer werden weil diese Eine Starke Bindung zum Islam haben. Wir müssen auch Heime nicht nach Religion trennen, sondern alle Zusammenunterbringen. Da senden wir ein Signal das alle miteinander Leben können. Wenn es alle Verstehen werden die Kriegsflüchtlinge sehr gut integriert sein.
  • Wandtafel 14.12.2015 14:32
    Highlight Highlight Der wichtige Unterschied zwischen uns Bosniern (man kann Albaner bzw. Kosovaren dazunehmen) und Syrern ist dass, die erste Generation mit (mehrheitlich) westlichen Gedankengut und in einem 100% säkularen Staat aufgewachsen ist. Syrer hingegen haben eine stärkere Bindung zu ihrem Glauben (und haben arabische Werte), dies soll keinesfalls negativ gewertet werden, jedoch ist die Herausforderung eine andere als bei Ex-Jugoslawen. Der Vergleich im Artikel zieht nicht ganz, geht jedoch in die richtige Richtung.
    • Dä Brändon 14.12.2015 15:40
      Highlight Highlight Finde ich nicht ganz richtig. Die Syrier sind keineswegs in einem Islamischen Staat aufgewachsen. Aber trotzdem finden sich sehr viele streng Gläubige drunter. So wie auch bei den Bosnier und Albaner. Man darf bei der Integration nicht anfangen abzuwägen, ein christlicher Asylsuchender muss genauso integriert werden wie ein muslimischer. Sonst fängt man an die Menschen auf den Glauben zu reduzieren und das ist bestimmt nicht der richtige Weg.
    • atomschlaf 14.12.2015 15:41
      Highlight Highlight Man muss es vielleicht nicht gleich negativ werten, aber sicher kritisch. Denn genau diese starke Bindung an den Glauben und die teils religiös, teils kulturell bedingten Gesellschafts- und Frauenbilder, die diese Leute mitbringen, werden eine Integration massiv erschweren.
      Wir müssen stark aufpassen, dass wir unsere Integrationskapazität nicht überschreiten. Die Entstehung von Parallelgesellschaften mit No-Go-Areas, Sharia-Polizei oder -Gerichten u.dgl. gilt es unbedingt zu verhindern. Notfalls muss man auch den Mut zu einer vorübergehenden quantitativen Begrenzung der Aufnahme haben.
    • Amanaparts 14.12.2015 17:12
      Highlight Highlight Da muss ich Dä Brändon recht geben. Ich weiss nicht wieso die Menschen das Gefühl haben, dass da irgendwelche Barbaren zu uns kommen. ISIS ist nicht aus der syrischen Kultur hervorgegangen obwohl jetzt Syrien oder Syrier immer mit ISIS in Verbindung gebracht werden.
  • Humbolt 14.12.2015 14:03
    Highlight Highlight Fördern und fordern lautet die Devise! Egal ob Schweizer oder Migrant: wer es sich bequem machen kann, wird das tun. So ist der Mensch. Deshalb muss man Kurse anbieten, aber die Leute müssen dann genau so auch eine Prüfung ablegen, wie es die Dame gesagt hat.
    • Chili5000 14.12.2015 15:14
      Highlight Highlight Genau das denke ich auch. Meine Eltern haben noch im Asylantenheim Deutschkurse besucht. Das war extrem wichtig. Nur so konnten sie kurze Zeit später einen Job finden. Ich fände es auch wichtig das Asylanten welche studiert sind eine Möglichkeit bekommen ihre Diplome anerkennen zu lassen. Ich bin mir jetzt nicht sicher wie das heute geregelt ist, aber es kann nicht sein das sie die ganze Prüfung nochmal ablegen müssen. Das könnten nicht einmal unsere Ärzte, ein paar Jahre nach der Uni, einfach so schaffen. Geschweige denn von der sprachlichen Barriere.

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