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«Falter»-Titelseite von Anfang November. bild: screenshot falter.at

Geläuterter Hetzer: Ein Mann findet den Weg aus der Hass-Filterbubble

Zuerst wollte er den Chefredaktor der österreichischen Zeitung «Falter» anzünden, weil ihm dessen Aussage nicht passte. Dann traf er den Journalisten und änderte sein Medien-Nutzungsverhalten. Mit enormen Folgen.



«Kann den wer anzünden?». Dieses Zitat prangte auf der österreichischen Wochenzeitung «Falter» Anfang November. Es war der Titel einer Reportage, die im Netz 200'000 Mal angeklickt werden sollte.

Die Geschichte dahinter geht so: Florian Klenk, Chefredaktor des «Falter» hatte Mitte Oktober einen Tweet abgesetzt, in dem er vorschlug, ORF-Nachrichten optional türkisch zu untertiteln.

Der Tweet landete auf der Facebook-Seite eines Wiener FPÖ-Stadtrats mit den Worten «Der Herr Klenk vom Falter ... immer für einen Quatsch zu haben.». Es hagelte hetzerische, rassistische und beleidigende Kommentare – von denen einer dem «Falter»-Chefredaktor besonders nahe ging. Es war jener von Boris: «Kann den wer anzünden bitte?». Er meinte Klenk.

Der Journalist fragte sich: Was macht Boris so wütend? Und was sind das für Menschen, die andere anzünden wollen? Er scrollte sich durch Boris' Facebook-Profil, fand Dutzende rassistische Postings und veröffentlichte seinerseits Boris' Kommentar. Daraufhin entschuldigte sich dieser für seine Entgleisung – er habe nicht so weit gedacht – und willigte ein, den Journalisten zu treffen.

Vom Netz radikalisiert

Klenk traf auf einen sympathischen 30-Jährigen, der sich weit gemässigter gab als im Netz. «Kein einfältiger rassistischer Provinzler», schreibt Klenk in seiner Reportage, aber einer, der vom Netz radikalisiert worden sei.

Boris holte sich seine Informationen nicht aus der Zeitung und aus dem Fernsehen – Medien, denen er nicht vertraute, sondern aus YouTube-Filmchen, aus seinen Facebook- und Twitter-Feeds. Er abonnierte jene Personen, die für ihn am überzeugendsten klangen, «vielleicht auch nur, weil sie die lautesten waren», schreibt Klenk. Diese filterten und kommentierten Boris' Welt.

Am Abend, als Boris die Drohung ins Handy tippte, las er sich zunächst durch seine Social-Media-Feeds, mit jedem Daumenwisch wuchs seine Überforderung und sein Unmut gegenüber dem, was er da las. Der Facebook-Post des FPÖ-Mannes gab ihm schliesslich den Rest.

Soziologen nennen das «diskursive Verknüpfung»: Alle Informationsfetzen und Bilder verschmelzen zu einem Narrativ, zu einer grösseren Erzählung. Sie handelt vom absoluten Kontrollverlust gegenüber dem angeblich primitiven und brutalen Fremden.

SVP-Schmids Narrativ

Klenk beschreibt in seinem Text das Phänomen, das Psychiater Wolfgang de Boor «Monoperceptose» nannte: Eine «pathologische eingeengte Wirklichkeitsauffassung», «überwertige Ideen». Es sei kein Wahn, schreibt Klenk, der Leute wie Boris erfasst, «sondern es sind einseitige Interpretationen der Welt, eine Einengung.»

Ein anschauliches Beispiel dafür lieferte übrigens gerade kürzlich SVP-Nationalrat Claudio Schmid: Nur wenige Augenblicke nachdem die Schüsse in der Zürcher Moschee gefallen waren und ein Lastwagen Leute am Berliner Weihnachtsmarkt getötet hatte, hetzte der Politiker gegen den Islam, obwohl zu diesem Zeitpunkt weder die Täter, geschweige denn die Motive ermittelt waren.

Im gleichen Atemzug sagte Schmid, die Regierungen seien schuld, dass Menschen sterben würden. Schmids Posts lassen sich zu einem einfachen Weltbild verknüpfen: Das Böse sind der äussere Feind (Flüchtlinge, Islam) und der innere Feind (Regierungen, die Einwanderung zulassen). Zusammen sind diese Schuld daran, dass Menschen sterben, so der (Kurz-) Schluss.

Likes angepasst – neues Weltbild gekriegt

Zurück zu Boris: Rund einen Monat später fragt der «Falter» beim Protagonisten seiner Reportage nach. Die Verwandlung ist erstaunlich: Er nutze nach wie vor Facebook, YouTube und andere Medien im Internet, sagt der 30-Jährige. «Ich habe jedoch ganz bewusst versucht, Filterblasen und Echokammern nicht nur zu vermeiden, sondern bestehende aktiv zu durchbrechen.» Das sei einfacher, als man denke. So habe er viele seiner «Gefällt mir» und Abonnements auf Facebook entfernt und stattdessen versucht, «eine ausgewogenere Infrastruktur an News-Quellen aufzubauen.»

«Es ist erstaunlich», sagt Boris, «wie sich das eigene Weltbild verändert.» Verändere man ein paar Abonnements und Likes, sei das Spektrum an Nachrichten, welche man von Facebook aufgetischt bekomme, sofort ein ganz anderes. Er starte entspannter und mit einem positiveren Gefühl in den Tag, wenn das Erste, was er beim morgendlichen Kaffee lese, nicht von vergewaltigenden Migranten handle, sondern «zum Beispiel von der Solidarität und Hilfe gegenüber Leuten, die bestens integriert sind und nun unverständlicherweise doch abgeschoben werden sollen.»

«Hätte ich damals gewusst, was ich heute über die Filtermechaniken der sozialen Medien weiss, wäre es nie so weit gekommen.»

Boris

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