Putins Raketen beschädigen die Wohnung unseres Kiew-Korrespondenten
Vieles habe ich in Kiew nach dem russischen Grossüberfall vom Februar 2022 erlebt. Erst vor ein paar Monaten endete der bisher schwerste Winter in der jüngsten Geschichte der ukrainischen Hauptstadt. Auch das Gefühl, wie die Wände in der eigenen Wohnung wackeln, weil in der Nähe eine russische Rakete einschlägt, kenne ich leider bestens.
Gewöhnen kann man sich daran trotz grosser Erfahrung nicht, aber es gehört inzwischen zum Alltag der Drei-Millionen-Stadt. Als Russland aber in der Nacht auf den Sonntag seinen bisher schwersten Angriff auf Kiew durchführte und dafür so gut wie das gesamte Arsenal an weitreichenden Waffen unterschiedlicher Typen einsetzte, hat es mich zum ersten Mal persönlich erwischt.
Überraschend kam das nicht. Es hatte sich schon im Vorfeld abgezeichnet, dass Moskau einen massiven Schlag plant. Als ich gegen 23 Uhr in meiner Wohnung im Kiewer Bezirk Podil, dem historischen Zentrum der Stadt, eine russische Drohne mit ihrem typischen mopedartigen Sound hörte, wusste ich bereits: Das wird eine lange und schwere Nacht. Wie schwer sie würde, konnte ich allerdings nicht ahnen.
Im Kriegsalltag sind es diese Momente, an denen man sich schnell entscheiden muss, ob man in den Luftschutzkeller geht – in meinem Fall ist das die nächste U-Bahnstation wenige Laufminuten entfernt –, oder in der Wohnung bleibt, möglichst weit weg von den Fenstern, von mehreren Wänden geschützt.
In der Praxis ist eine solche Entscheidung gar nicht so leicht. In diesem Fall war es aber naheliegend, im eigenen Wohnungskorridor zu bleiben.
Was ich von dort aus in den nächsten Stunden erlebte, war selbst mir neu. Gegen ein Uhr hörte ich etwa acht oder neun laute Explosionen gleich nacheinander, die eindeutig ballistischen Raketen zugeordnet werden konnten. Noch nie habe ich so viele Raketen dieser Art in einer solch kurzen Zeit explodieren gehört.
Um Kiew mit diesen Waffen noch schneller als sonst zu erreichen, wurden die Abschussrampen für die Iskander-Raketen extra noch näher an die ukrainische Grenze gebracht. Die Explosionen waren deutlich spürbar, aber zum Glück noch weit weg.
Um vier Uhr morgens trifft es auch mich
Um vier Uhr war es allerdings soweit. Ich kann mich nicht genau an den Moment erinnern, an dem russische Raketen direkt auf der anderen Strassenseite einschlugen und das erst vor Kurzem renovierte Tschernobyl-Museum schwer beschädigten. Das war selbst für mich ein Schockmoment.
Unser Wohngebäude hat den Grossteil der Druckwelle auf dieser Seite der Strasse abbekommen. Das Ergebnis: So gut wie alle Fenster wurden zerstört, zahlreiche Balkons beschädigt. Mein Hauptzimmer war mit Glassplittern übersät. Noch krasser sah die Haustreppe aus.
Im ersten Moment ist man in einer solchen Situation einfach nur froh, unverletzt geblieben zu sein. Danach setzt das Gefühl der Hilflosigkeit ein. Ausser weiterhin im Korridor zu verharren und auf dem Handy die Nachrichten zu verfolgen, kann man nichts tun. Und bis zum Ende des Luftalarms können Stunden vergehen.
Wenn man sich dann die eigenen Beschädigungen im Detail anschaut und die Treppe nach unten kämpft, überwiegt das Gefühl einer Apokalypse. Die historische Spaska-Strasse, die sonst einen deutlichen Berlin-Flair hat, ist ein einziger Scherbenhaufen.
Nachbarschaftshilfe und enorme Solidarität
Je länger ein solcher Tag andauert, desto wechselhafter sind die Gefühle. Bemerkenswert ist, wie sich die Nachbarn in solchen Fällen gegenseitig aufmuntern, einander helfen und etwa Kaffee zur Beruhigung kochen. Ebenso ist es höchst bemerkenswert, wie schnell rund um einen Einschlagsort eine ganze Hilfs-Infrastruktur entsteht, zu der auch Zelte mit warmem Essen und Tee gehören. Daraus ergeben sich äusserst inspirierende Geschichten.
Eine von diesen geht schnell viral, auch über die Ukraine hinaus. Erst am Samstag wurde bei mir direkt um die Ecke das kleine Café Hogo eröffnet – mit DJ, Livemusik und netten Dekorationen. Für sein «Hogo» hat Jewhen, der sympathische junge Besitzer, einen bedeutenden Teil seiner Ersparnisse ausgegeben.
Ich kannte ihn zwar nicht persönlich, doch ich habe ihn jeden Tag auf der Strasse oder im kleinen Geschäft nebenan gesehen. Obwohl das Café stark beschädigt wurde, schenkte er schon am Sonntagmorgen gratis Kaffee aus. Am Abend stand bereits eine grosse Schlange vor seinem Lokal, um mit eigenen Bestellungen den Jungunternehmer zu unterstützen.
Das Video dazu:
Putin wird die ukrainische Bevölkerung nicht brechen können
Gegen Abend konnte ich die Fenster bei mir zu Hause zunächst mit Sperrholzplatten vernageln. Am Montag liefen in der Spaska-Strasse noch den ganzen Tag die Arbeiten weiter, um diese aufzuräumen. Die Stimmung war zwar noch gedrückt, aber bereits leicht hoffnungsvoll.
Leider ist davon auszugehen, dass die russischen Luftangriffe auf die Hauptstadt bis zum letzten Tag dieses Krieges weitergehen werden. So kündigte das russische Aussenministerium bereits den Beginn der «systematischen Schläge» gegen Kiew an – als ob meine Stadt nicht schon seit fast viereinhalb Jahren systematisch beschossen würde.
Doch weder nach dem vergangenen Winter noch nach diesem schwarzen Sonntag, an dem wohl erstmals kein Stadtteil Kiew ohne bedeutende Beschädigungen blieb – Wladimir Putin wird weiterhin die Resilienz der ukrainischen Gesellschaft kaum mit seinem endlosen Beschuss aus der Luft brechen können. (aargauerzeitung.ch)
