Terminator ist Realität: Ukraine schickt Kampfroboter an die Front – und sie gewinnen
Was lange lediglich Filmstoff war, ist in der Ukraine Realität geworden: Drohnen und unbemannte Bodenfahrzeuge übernehmen nicht mehr nur logistische Aufgaben – sie führen inzwischen auch eigenständig Angriffsoperationen durch.
Erstmals in diesem Krieg ist es gelungen, eine feindliche Stellung ohne den Einsatz eigener Soldaten einzunehmen (wie watson Mitte April berichtete).
Der österreichische Militärexperte Markus Reisner ordnet das Geschehen auf dem Schlachtfeld ein.
Was ist passiert?
Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski ergaben sich russische Soldaten an einem Frontabschnitt, «ohne, dass ukrainische Infanterie beteiligt gewesen ist». Die Operation sei «ohne Verluste auf unserer Seite durchgeführt» worden. Es ist ein Wendepunkt in einem Krieg, der zunehmend von Maschinen und künstlicher Intelligenz geprägt wird.
Laut dem Newsportal New Voice of Ukraine soll sich der Angriff bereits im Sommer 2025 abgespielt haben. Die Details des Einsatzes zeigen, wie weit die Entwicklung fortgeschritten ist.
In einem Frontabschnitt, an dem ukrainische Infanterie zuvor zweimal gescheitert war, griff eine Einheit unbemannter Bodenfahrzeuge (UGV) an. Mehrere sogenannte Kamikaze-Roboter – beladen mit jeweils rund 30 Kilogramm Sprengstoff – zerstörten gezielt die Zugänge zu einer russischen Stellung.
Ein Roboter sprengte den Eingang eines Unterstands, ein zweiter blockierte den Ausgang. Überlebende russische Soldaten signalisierten ihre Kapitulation, indem sie eine handgeschriebene Botschaft in die Kameras der Drohnen hielten. Die Gefangenen wurden anschliessend von Drohnen zu ukrainischen Linien geführt. Erst rund 20 Minuten später rückte die ukrainische Infanterie nach – ohne einen einzigen Schuss abzugeben.
Für Selenski ist der Nutzen klar: In den vergangenen drei Monaten hätten unbemannte Systeme mehr als 22'000 Einsätze absolviert. «Mit anderen Worten: 22'000 Mal wurden Leben gerettet.» Sein Oberbefehlshaber Oleksandr Sirski gibt zu Protokoll, dass im Vergleich zum Vormonat im März dieses Jahres bereits 50 Prozent mehr ukrainische Roboter im Fronteinsatz gestanden seien – und die Zahl weiter steigen werde.
Warum ist das wichtig?
Roboter übernehmen die «Grauzone»
Der österreichische Militärexperte Markus Reisner erkennt darin eine grundlegende Entwicklung. «Wir sehen, dass es aus der Absicht heraus funktioniert, die russische Überlegenheit der Soldaten durch Drohnen und vor allem durch Roboter zu begegnen», sagt der Bundesheer-Oberst im ZDF.
Besonders in der sogenannten Grauzone zwischen den Fronten übernehmen Maschinen immer mehr Aufgaben. Rund «90 Prozent der Logistikaufgaben» würde die Ukraine bereits durch Roboter durchführen, so Reisner. Gerade dort, wo jede Bewegung sofort entdeckt wird, seien unbemannte Systeme im Vorteil: «Jede Bewegung wird von Drohnen erkannt und von Drohnen auch bekämpft.»
Das Schlachtfeld habe sich dadurch grundlegend verändert. Klassische Frontlinien mit klaren Stellungen existierten kaum noch. Stattdessen dominiere ein von Sensoren und Drohnen überwachter Raum. «Der Himmel lebt», zitiert Reisner ukrainische Offiziere – ein Sprachbild für die allgegenwärtige Bedrohung aus der Luft.
Entscheidend ist die Kombination verschiedener Systeme. Aufklärungsdrohnen identifizieren Ziele, Kampfdrohnen greifen an, während Bodenroboter Sprengladungen platzieren oder Zugänge blockieren. «Diese bewaffneten Landsysteme in Kombination mit Drohnen […] führen dann genau zu diesen Ergebnissen, die wir jetzt auch gesehen haben», sagt Reisner.
Auch die nächsten Schritte sind bereits absehbar. Ukrainische Einheiten arbeiten daran, vollständig robotisierte Angriffe zur Regel zu machen, koordiniert von künstlicher Intelligenz. Infanterie soll künftig nur noch zur Sicherung eroberter Stellungen nachrücken. «Der Zweck ist, so viel Last wie möglich von der Infanterie zu nehmen», erklärte ein Kommandant einer ukrainischen Brigade.
Und Russland?
Der Kreml mischt tüchtig mit im Wettlauf der Innovationen
Allerdings ist der technologische Vorsprung der Ukraine kein Dauerzustand. «Wir sehen hier ein Katz-und-Maus-Spiel», sagt Reisner. Russische Streitkräfte versuchten konsequent, ukrainische Innovationen zu kopieren und in grösserem Massstab einzusetzen.
Der Krieg entwickle sich damit zu einem permanenten Innovationswettlauf. «Viele bekommen das noch gar nicht mit, […] aber wir sehen ganz entscheidend, dass die Art und Weise der Kriegsführung in Zukunft von unbemannten Systemen bestimmt werden wird.»
Dabei gehe es nicht nur um Technologie, sondern auch um Ressourcen. Für die Ukraine, die personell unterlegen ist, sind Roboter ein Mittel zur Kompensation. So sei es einfacher und billiger, einen «Roboter zu opfern im Vergleich zu einem Soldaten, den man jahrelang ausgebildet hat», so Reisner.
Den Einsatz von solchen ferngelenkten Fahrzeugen werde man deshalb auch bald schon in «sämtlichen Truppenteilen westlicher Armeen sehen», ergänzt der frühere Nato-Kommandeur Erhard Bühler in seinem Podcast «Was tun, Herr General».
Trotz spektakulärer Einzelerfolge bleibt eine Einschränkung: Gelände zu erobern ist das eine, es zu halten das andere. Dafür braucht es weiterhin Soldaten aus Fleisch und Blut. Der jetzt bekannt gewordene Roboterangriff markiert dennoch eine Zäsur.
Was bislang als Ergänzung zur klassischen Kriegsführung galt, entwickelt sich zum eigenständigen Prinzip. Die Front in der Ukraine wird damit zum Labor eines neuen Typs von Krieg. Oder, wie Reisner es formuliert: «Der Ukraine-Krieg ist ein wesentliches Beispiel dafür, wie sich die Art und Weise, wie Kriege geführt werden, gerade verändert.»
Ukrainische Armee zeigt online, wie vielseitig sie Boden-Drohnen einsetzt
(aargauerzeitung.ch)

